Der Dalai Lama

Tibet

Der Dalai Lama

Tenzin Gyatso (Tibetisch: "Verteidiger der Lehre"), so lautet der Name des amtierenden 14. Dalai Lama, der im Jahr 1935 als Tibets geistliches und weltliches Oberhaupt eingesetzt wurde. "Für mich ist Dalai Lama ein Titel, der auf das Amt hinweist, das ich innehabe. Ich selbst bin ein menschliches Wesen und nebenbei ein Tibeter, der sich dafür entschieden hat, ein buddhistischer Mönch zu sein", sagt der Dalai Lama über sein Leben und seine Funktion.

Bodhisattva des Mitgefühls

Seitliche Porträtaufnahme des Dalai Lama.

Der 14. Dalai Lama

Für die Tibeter verkörpert der Dalai Lama die Gottheit Chenresig, den Bodhisattva des Mitleids und Erbarmens, der allen Wesen helfen möchte, den Kreislauf der Leiden zu durchbrechen. In der buddhistischen Lehre ist ein Bodhisattva eine Wesenheit, die die letzte Stufe der Erleuchtung erlangt hat und die Möglichkeit besitzt, mit dem Tod die Erlösung zu erlangen, ins Nirvana überzugehen.

Obwohl der Dalai Lama Bodhisattva ist, verzichtet er durch seine ständige Reinkarnation so lange auf die eigene Erlösung vom Geburtenkreislauf, solange es noch unerlöste Wesen auf der Erde gibt, um diesen beizustehen.

Inthronisierung und Exil

Schwarzweiß-Foto des vierjährigen Dalai Lama.

Bereits mit vier Jahren inthronisiert

Als Kind einfacher Bauern wurde der Dalai Lama 1935 im Nordosten Tibets geboren und bald darauf von tibetischen Mönchen als die Wiedergeburt des 13. Dalai Lama erkannt. Der Dalai Lama siedelte mit seinen Eltern in den Potala-Palast in Lhasa über und wurde dort bereits mit vier Jahren inthronisiert. Als chinesische Truppen im Jahr 1950 in Tibet eindrangen, wurde der damals nur 15-jährige Dalai Lama in sein Amt eingesetzt.

Trotz weiträumiger Zugeständnisse gegenüber den chinesischen Besatzern und aufrichtiger Dialogbereitschaft war das Oberhaupt der Tibeter der Verfolgung durch die Chinesen ausgesetzt. Im Jahr 1959, als die chinesische Annexion Tibets endgültig besiegelt wurde, musste der Dalai Lama unter Lebensgefahr das Land verlassen. Seither lebt er zusammen mit der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala, einer Stadt im Vorgebirge des Himalajas.

Sprachrohr für ein freies Tibet

Schwarzweiß-Foto des 20-jährigen Dalai Lama im typischen Gewand der tibetischen Mönche.

Von Beginn an ist er das Sprachrohr der Tibeter

Die Bedeutung des Dalai Lama für das tibetische Volk kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Für die Tibeter nimmt er die Stellung eines Gottes ein und gilt als unangetastete Integrationsfigur des entrechteten Landes. Die unermüdliche Arbeit des Dalai Lama als Sprachrohr für Tibet hat ihn im Ausland wie in Tibet zu einer Ikone des Landes werden lassen.

Seine weltweite Popularität beruht einerseits auf der Authentizität des gelebten Buddhismus, die besonders im Westen auf viele Menschen anziehend wirkt. Darüber hinaus verfolgt der 14. Dalai Lama eine Politik der strikten Gewaltlosigkeit gegenüber den chinesischen Machthabern. Wenngleich diese Haltung im eigenen Volk nicht unumstritten ist, wird er oft mit dem gewaltlosen Befreier Indiens, Mahatma Gandhi, verglichen.

Der Weg des gewaltfreien Widerstandes

In immer neuen Anläufen versucht Tenzin Gyatso auf China zuzugehen. Als es in Lhasa 1987 zu Demonstrationen und Unruhen der Tibeter gegen die Besatzer kam, legte der Dalai Lama China einen Fünf-Punkte-Friedensplan vor. Im Detail forderte der Dalai Lama China auf,

- das gesamte tibetische Gebiet in eine Zone der Gewaltlosigkeit ("Ahimsa") umzuwandeln.
- die chinesische Umsiedelungspolitik zu beenden.
- die grundlegenden Menschenrechte und die Freiheit des tibetischen Volkes zu achten.
- die Umweltzerstörung in Tibet zu stoppen.
- ernsthafte Verhandlungen über den künftigen Status der Beziehungen zwischen Tibet und China aufzunehmen.

Die Regierung Chinas lehnte diesen Plan jedoch rundweg ab. Auch im Jahr 1988 kam es zu weiteren schweren Unruhen, als erneut tibetische Demonstranten - allen voran Mönche - mit roher Gewalt von chinesischen Staatssicherungskräften zusammengeschlagen und verhaftet wurden. Dabei gingen Bilder eines chinesischen Polizeivideos um die Welt, das die Brutalität der Polizeikräfte dokumentierten.

Der Dalai Lama meditiert vor einer großen Buddhastatue aus Gold.

Der Dalai Lama steht allen Wesen bei

Anlässlich einer Rede vor dem Europäischen Parlament legte der Dalai Lama erneut ein Friedensangebot an China vor, in dem er den Besatzern gegenüber große Zugeständnisse machte. Tibet würde Chinas Herrschaftsanspruch in außen- und verteidigungspolitischen Fragen anerkennen. Statt einer Unabhängigkeit des Landes forderte der Dalai Lama eine vertraglich gesicherte Autonomie Tibets.

Doch auch dieser Neuanfang eines Dialogs scheiterte und der Dalai Lama zog den Friedensplan 1991 zurück. Für seine intensiven Friedensbemühungen erhielt er 1989 den Friedensnobelpreis, auch wenn der Frieden mit China bis heute nicht zustande gekommen ist.

Der letzte Dalai Lama?

Der DalaiLama lacht in die Kamera.

Wird er der Letzte sein?

In den vergangenen Jahren kämpfte der Dalai Lama vermehrt gegen die zunehmende Überfremdung seines Landes, gegen den Verlust der tibetischen Identität und gegen den Untergang seines Volkes. Für den 14. Dalai Lama ist die Lage Tibets ernster als je zuvor, weshalb er sogar seine Wiedergeburt auf annektiertem tibetischen Boden infrage stellt: "Ich weiß nicht, ob es einen 15. Dalai Lama geben wird. Diese Entscheidung liegt beim tibetischen Volk. Jedenfalls werde ich nicht unter chinesischer Herrschaft wiedergeboren werden, um ihnen keine Möglichkeit zu geben, mich als ihr Werkzeug zu benutzen."

Auch als es im März 2008 im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking zu Unruhen in Tibet kam, verfolgte der Dalai Lama den Weg des gewaltfreien Widerstandes. Zahlreiche tibetische Mönche nahmen an den Aufständen teil, bei denen Geschäfte von Chinesen geplündert und Fahrzeuge in Brand gesetzt wurden. Zwischenzeitlich drohte der Dalai Lama sogar mit seinem Rücktritt als politischer Führer der Exil-Tibeter, sollten die gewaltsamen Proteste seitens der Tibeter weitergeführt werden.

Mit massiver militärischer Präsenz schaffte es die chinesische Regierung, die Aufstände in Lhasa einzudämmen. Die Zahl der dabei getöteten Tibeter schätzt die Exil-Regierung auf mindestens 80 Menschen. Die chinesische Regierung machte den Dalai Lama für die Proteste verantwortlich. Sie bezichtigte ihn gar fälschlicherweise zur Gewalt aufgerufen zu haben.

Nachdem die Fronten verhärtet schienen, zeigte sich im April 2008 China überraschenderweise zu Gesprächen mit Abgesandten des Dalai Lama bereit. Trotz des Gesprächsangebotes machten die Machthaber in Peking allerdings von vornherein klar, dass eine Änderung des politischen Status quo für sie undenkbar ist. Lediglich als religiöser Führer der Tibeter könnte der Dalai Lama irgendwann von China akzeptiert werden, als politischer Führer wird er von der chinesischen Regierung wohl nie anerkannt.

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 16.09.2015, 09:25

Darstellung: