Brücken - Die Kunst der Verbindung
Die ersten Brücken
Es ist denkbar, dass Menschen schon Brücken bauten, ehe sie überhaupt sesshaft wurden. Auch Nomaden mussten auf ihren Jagdpfaden Hindernisse überwinden. Vermutlich begann alles einfach damit, dass Äste oder Baumstämme über Bäche gelegt wurden oder Seile und Lianen Abgründe überspannten. Der Brückenbau ging von Anfang an zwei verschiedene Wege der Verteilung von Lasten, die seither mit verschiedensten Materialien immer wieder beschritten werden: Entweder man schlägt einen Bogen über das Hindernis, oder man hängt Seile auf. Natürlich gibt es Verbindungen beider Methoden, und entsprechend groß ist die Vielfalt möglicher Brückenbauten.
In jedem Fall sind zwei Aufgaben zu lösen: Die Brücke muss ihr eigenes Gewicht tragen und das der zu transportierenden Lasten obendrein. Und weil Menschen bei vielen Tätigkeiten nicht ausschließlich den Zweck, sondern oft auch ästhetische Ziele verfolgen, ist das Bauen von Brücken immer auch ein Wettstreit um die schönste Brücke gewesen. Die meisten Ansiedlungen entstanden an Flüssen, und so ist die Stadtgeschichte mit der Geschichte ihrer Brücken verbunden: In Städten wie London, Paris, Budapest, New York und vielen anderen gehören sie zu den touristischen Höhepunkten.
Druck oder Zug
Wer etwas über ein Hindernis transportieren will und dazu eine Brücke baut, kann die Last durch Druck oder durch Zug in den festen Untergrund zu beiden Seiten des Hindernisses leiten. Ein einfacher Balken über einen Bach, die älteste Brückenform (Balkenbrücke), drückt in die Auflagepunkte. Gleichzeitig wirken aber Zugkräfte an seiner Unterseite, wenn er sich unter der Last biegt, die er nicht ableiten kann, so dass relativ schnell die Gefahr besteht, dass er nachgibt und bricht. Schichtet man aber zum Beispiel Steine zu einem Bogen aufeinander, stützen sie sich gegenseitig, müssen keine Zugkräfte aufnehmen, sondern nur Druckkräfte und können so neben ihrem eigenen Gewicht auch noch die zusätzliche Last einer draufgemauerten Fahrbahn samt dem auf ihr fließenden Verkehr tragen. Steinerne Bogenbrücken waren dann auch für lange Zeit die einzige Möglichkeit, große Spannweiten zu erzielen.
Erst seit einigen Jahrzehnten kann man durch neue Materialien wie Stahl und vor allem Spannbeton, die auch Zugkräfte aufnehmen können, wirtschaftlich Balkenbrücken bauen. Die meisten Autobahnbrücken sind solche Balkenbrücken.
Eine zweite Bauform der Brücke besteht darin, den Geh- oder Fahrweg an Seilen aufzuhängen. Bei dieser Bauform der Hängebrücke wirken nur Zugkräfte, die von der Seilkonstruktion aufgenommen und zur Stabilisierung genutzt werden. Hängebrücken über Schluchten und Flüsse mit Seilen aus Pflanzenfasern oder Tierhäuten sind die zweitältesten Brückenformen nach den einfachen Balkenbrücken. In ihrer heutigen Form mit kräftigen Stahlkabeln, die von hohen Turmpfeilern, den "Pylonen" gestützt werden, wurden sie zu den "Königinnen" der Brücken, weil sich mit ihnen die größten Spannweiten erreichen lassen.
Architekten und Ingenieure
Eine Brücke muss vor allem funktionieren. Die Anforderungen des Geländes, ihre Nutzung als Fußgänger-, Straßen- oder Eisenbahnbrücke und nicht zuletzt die Kosten entscheiden darüber, welche Form mit welchen Materialien gebaut wird. Eigentlich haben also bei der Planung und beim Entwurf die Bauingenieure das Sagen; berühmte Ingenieure wie Fritz Leonhardt und Jörg Schlaich haben sich aber buchstäblich Denkmäler gesetzt, weil sie die Zusammenarbeit mit Architekten suchten, deren Domäne das Entwerfen von besonders anspruchsvollen Gebäuden ist. Schlaich beschreibt das Teamwork:
"...kreativ am Prozess des Entwurfes teilnehmen in einem fließenden Übergang zwischen Architekten und Ingenieur. Da fangen Sie mit einem Architekten an zu arbeiten, diskutieren, machen Skizzen, und dann entwickelt sich dieser Entwurf, und in einem guten Team kann man einander zuhören, ist man bereit voneinander zu lernen, sich auch vom anderen etwas sagen zu lassen gegenseitig; und es ist am Ende völlig wurst, was von wem kommt, es zählt nur die gemeinsam erreichte Qualität." Und die macht den Gang oder die Fahrt über eine Brücke zu einem Erlebnis und zieht Schaulustige zu den Baustellen.
Stahl und Beton
Die Vielfalt und Größe moderner Brücken ist nur möglich, weil sich Stahl und Beton in den vergangenen hundert Jahren zu hoch leistungsfähigen Werkstoffen entwickelt haben. Stahlseile und Spannbeton – also Beton, dessen Armierung vorgespannt wird - haben kühne Brückenschläge wie die Golden Gate Bridge 1938 in San Francisco oder die Verbindung über den großen Belt zwischen Dänemark und Schweden überhaupt erst ermöglicht. Die Materialentwicklung brachte nicht nur einen technischen, sondern auch einen ästhetischen Fortschritt – er wird allerdings in der Praxis nicht immer umgesetzt. Deutsche Autobahnen und Eisenbahnstrecken verunstalten die Landschaften vielerorts mit einfallslosen Betonpfählen und –trögen. Insbesondere die ICE-Neubaustrecken zwischen Köln und Frankfurt und in Thüringen tun sich unrühmlich hervor. Dabei würden intelligente, ästhetisch ansprechende Bauten kaum mehr kosten.
Einstürze – Abstürze
Die Geschichte der Brücken ist eine Geschichte von Tragödien und Heldentaten. In den Kriegen war ihr Besitz strategisch entscheidend: "Die Brücke am Kwai", ein mit sieben Oscars prämiierter Filmklassiker, erzählt vom Leiden und Heldenmut ihrer Erbauer. "Die Brücke von Remagen" und "Die Brücke von Arnheim" sind filmische Zeugnisse aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges, als der Rheinübergang zwischen deutschen Sprengkommandos und amerikanischen Truppen heiß umkämpft war. Theodor Fontane verfasste "Die Brück' am Tay", eine schaurige Ballade über den Einsturz der Stahlbrücke über den schottischen Firth of Tay, einem Meeresarm, am 28. Dezember 1879. Im Gedicht triumphieren die zerstörerischen Sturmwinde:
»Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.«
»Tand, Tand
ist das Gebilde von Menschenhand«.
Viel häufiger als Stürme aber war Menschenhand für katastrophale Abstürze verantwortlich – genauer: nachlässige Planung und Pfusch am Bau. "Die galoppierende Gertie", eine Hängebrücke in der Nähe von Tacoma im US-Bundesstaat Washington, wurde am 1. Juli 1940 vollendet und für den Verkehr freigegeben. Von Anfang an schwang und bockte sie spektakulär. Schaulustige von überallher gönnten sich den Nervenkitzel eines "Brücken-Rodeos". Am 7. November 1940 barst sie nach stundenlangen wilden Schwankungen über fast neun Meter Höhenunterschied und stürzte ein.
Brücken sind Schicksalsorte und nicht zuletzt Symbole des Friedens oder der Zwietracht: so wie Deutschlands Rheinbrücken im Westen und an der Oder im Osten und so wie die Brücke von Mostar in Bosnien-Herzegowina. Ihre Zerstörung beendete ein Jahrhunderte langes Miteinander von Serben, Bosniern und Kroaten. Ihr Wiederaufbau war ein Wahrzeichen der Hoffnung.
Immo Sennewald, Stand vom 01.06.2009









