Interview: Moderne Sklaverei
Planet Wissen (PW): Wie werden Menschen zu Sklaven?
Claudia Berker (C.B.): Eine Form, die immer größere Ausmaße angenommen hat, ist der Menschenhandel, insbesondere der Handel mit Frauen und Kindern. Sie werden in die Zwangsprostitution verkauft, aber auch als billige Arbeitskräfte, etwa in Haushalte oder in die Landwirtschaft, vermittelt.
In Südasien, vor allem Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesh, ist außerdem die sogenannte Schuldknechtschaft verbreitet: Menschen können ein Darlehen nicht zurückzahlen und müssen ihre Schulden abarbeiten. Diese werden jedoch nie kleiner, und so wird oft die Arbeitskraft der ganzen Familie verpfändet, inklusive der Kinder. Diese Verpflichtung wird sogar an die nächste Generation "vererbt". Schätzungsweise soll es etwa 20 Millionen solcher Schuldknechte weltweit geben. Weitere Methoden sind betrügerische Arbeitsverträge, zum Beispiel mit Wanderarbeitern und Migranten, die es den Menschen unmöglich machen, sich daraus zu befreien.
PW: In welchen Ländern zeigt sich Sklaverei heute besonders auffällig?
C.B.: Erwachsene und Kinder, die unter sklavenähnlichen Bedingungen arbeiten müssen, gibt es überall auf der Welt und in fast allen Wirtschaftsbereichen. Besonders groß ist das Problem natürlich in ärmeren Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas, aber auch in Industrieländern finden sich reichlich Beispiele. Gemeinsam haben die Opfer, dass sie arm sind, häufig Bevölkerungsgruppen angehören, die in ihrer Heimat gesellschaftlich auf der untersten Sprosse der Leiter stehen und die besonders leicht einzuschüchtern sind - wie Frauen, Kinder oder Menschen, die sich illegal in einem Land aufhalten.
PW: Wie viele Kinder leben und leiden heute weltweit unter sklavereiähnlichen Bedingungen?
C.B.: Es ist davon auszugehen, dass etwa 200 Millionen Kinder weltweit arbeiten müssen, ein erheblicher Teil von ihnen unter ausbeuterischen und gesundheitsschädigenden Bedingungen. Mehr als eine Million Jungen und Mädchen werden jährlich Opfer von Kinderhandel - das heißt, sie werden verkauft, um sexuell ausgebeutet zu werden. Sie werden außerdem als Arbeitskräfte auf Plantagen, in Steinbrüchen oder Textilfabriken missbraucht, zum Betteln gezwungen, manche Mädchen sind auch "Ware" für einen kommerziellen Heiratsmarkt.
PW: Ist Kinderarbeit generell eine moderne Form der Sklaverei?
C.B.: Auf keinen Fall. Man muss hier sehr genau unterscheiden zwischen ausbeuterischer Kinderarbeit, die nicht altersgemäß ist, Kindern schadet und einen Schulbesuch verhindert, und der Mitarbeit von Kindern, wie sie in vielen Ländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas üblich ist. Viele Kinder müssen und wollen dazuverdienen und ihre Familie unterstützen. Dies zu verbieten, würde sie in illegale Beschäftigungen zwingen und die Situation eher verschärfen.
PW: Wie engagiert sich "terre des hommes" gegen die Sklaverei?
C.B.: "terre des hommes" setzt sich insbesondere dafür ein, Kinder vor allen Formen der Ausbeutung zu schützen. Wir sind beispielsweise in mehr als 30 Ländern gegen den Handel mit Jungen und Mädchen aktiv: mit Aufklärungskampagnen für gefährdete Bevölkerungsgruppen, aber auch mit konkreten Unterstützungsangeboten für Kinder, die aus der Prostitution oder ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen befreit werden. Sie erhalten medizinische und psychologische Betreuung und Hilfe beim Start in ein neues Leben - etwa durch Ausbildungsangebote. Unsere Schul- und Ausbildungsprojekte überall auf der Welt sind immer auch ein Weg zu verhindern, dass Kinder überhaupt in sklavenähnliche Verhältnisse gelangen. Dort, wo wir arbeiten, wenden wir uns außerdem an politische Entscheidungsträger, um den rechtlichen Schutz von Kindern zu verbessern.
PW: Wie sieht Ihre Arbeit bei "terre des hommes" aus?
C.B.: Als Redakteurin in der Pressestelle bin ich dafür zuständig, die Öffentlichkeit über die Arbeit von "terre des hommes" zu informieren. Dies geschieht über verschiedene Medien, über Vorträge und Veranstaltungen. Ich besuche Projekte von "terre des hommes" und stehe in regelmäßigem Austausch mit den Kollegen in den einzelnen Ländern: Wie sieht die Lebensrealität von Menschen in Entwicklungsländern aus, was kann getan werden, um die Situation zu verbessern? Wir wollen ein Bewusstsein dafür wecken, dass die Probleme der ärmeren Länder auch uns etwas angehen und dass Menschen in Industrienationen darauf Einfluss nehmen können - in negativer, aber auch in positiver Weise. Es ist mir dabei wichtig, ein differenziertes Bild zu zeichnen: Es gibt nicht nur die Schwierigkeiten, sondern auch viel Potential - Engagement, Kreativität und wertvolles Wissen von Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika.
PW: Was können wir konkret im Kampf gegen die moderne Sklaverei unternehmen?
C.B.: Es gibt eine Reihe internationaler Übereinkommen, die alle Formen der Sklaverei verbieten und Staaten in die Pflicht nehmen, etwas gegen Ausbeutung zu tun. Hier ist die politische Entschlossenheit gefragt, diese Vorgaben in die Praxis umzusetzen. Aber auch Einzelne können ihren Beitrag leisten: In vielen Produkten, die wir hierzulande kaufen, kann Kinderarbeit stecken. Sogenannte Sozialsiegel, wie es sie zum Beispiel für Kaffee, Tee, Schokolade, Blumen oder Teppiche gibt, garantieren, dass bei der Produktion die Kernarbeitsnormen eingehalten wurden. Die Produzenten erhalten Preise für ihre Waren, die über dem künstlich niedrigen Weltmarktpreis liegen und können so ein angemessenes Einkommen erzielen, das es ihnen erlaubt, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Verbraucher haben Macht. Sie können Handelsunternehmen auf ihre Verantwortung hinweisen und nachfragen, unter welchen Bedingungen Waren hergestellt werden.
Grundsätzlich gilt es, die Ursachen dafür zu beseitigen, dass Menschen überhaupt in sklavenähnliche Verhältnisse gelangen: die Armut und damit verbundene Perspektivlosigkeit, die Menschen zu Opfern von Ausbeutung werden lässt.
Interview: Gregor Delvaux de Fenffe, Stand vom 04.05.2006
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Schätzungen zufolge arbeiten mehr als 200 Millionen Kinder auf der Welt regelmäßig. Die meisten von ihnen in Ländern der Dritten Welt - oft unter menschenunwürdigen Bedingungen.









