Interview: Chinas Industrialisierung
Planet Wissen (PW): China war bis weit ins 20. Jahrhundert hinein vor allem ein Agrarstaat. Wie ist die Industrialisierung ins Rollen gekommen?
Manfred Romich (M.R.): Es gab zwar schon früh Ansätze für eine industrielle Produktion, aber so richtig los ging es nach dem Zweiten Weltkrieg. Anders als etwa in England war das weniger das Werk einzelner Unternehmerpersönlichkeiten und Erfinder, sondern eine geplante Staatsaktion. Mit Gründung der Volksrepublik 1949 hat man zunächst einmal das Vorbild der Sowjetunion kopiert und versucht, mit Fünfjahresplänen das Land gezielt zu industrialisieren.
1958, mit dem "Großen Sprung nach vorn", hat Mao das Tempo dann noch einmal angezogen: Auf dem Land mussten sich Bauern zu Produktionsgenossenschaften zusammentun, den sogenannten "Volkskommunen"; die Industrie wiederum sollte so schnell wie möglich die wirtschaftliche Kapazität Großbritanniens erreichen. Für dieses Ziel hat die Partei dem Volk einiges abverlangt: So mussten, um mehr Rohstoffe in den Wirtschaftskreislauf zu bekommen, zum Beispiel alle erreichbaren Altmetalle eingeschmolzen werden, oft bis hin zu Kochtöpfen.
PW: Was hat sich nach Maos Tod 1976 geändert?
M.R.: Man hat gewissermaßen von Ideologie auf Pragmatismus umgeschaltet. Die Führung hat sich vorhandene Missstände genau angeschaut und darauf reagiert. Mit den Volkskommunen auf dem Land, allesamt nicht sonderlich wirtschaftlich, ging es los: Die Bauern durften, sobald sie den Plan erfüllt, also etwa eine bestimmte Menge Reis abgeliefert hatten, die restliche Ernte behalten und selbst auf dem Markt verkaufen. Das hat vielen erstmals einen bescheidenen Wohlstand beschert und die Versorgungslage in den Städten verbessert.
PW: Inwiefern konnte das zum Vorbild werden für die Industrie?
M.R.: Man hat sich getraut zu experimentieren, vor allem in den neu ausgerufenen Sonderwirtschaftszonen entlang der Küste. Den Anfang hat 1980 Shenzhen gemacht: Direkt an der Grenze zu Hongkong durfte dort in der ganzen Stadt erstmals nach marktwirtschaftlichen Vorgaben produziert werden - sozusagen eine kleine Insel des Kapitalismus. Seitdem gilt China als eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt.
PW: Woher kamen Geld und Knowhow?
M.R.: Man hat die Sonderwirtschaftszonen für ausländische Investoren geöffnet und dort zunächst vorrangig für den Export produziert - die Region entlang der Küste galt schnell als "Werkbank der Welt". Für die Investoren war und ist das ein gutes Geschäft: Die Löhne sind niedrig, die Steuern auch. Aber China profitiert genauso: Per Gesetz hat man damals sichergestellt, dass anfangs nur Joint Ventures dort produzieren dürfen, also Gemeinschaftsunternehmen mit mindestens 51-prozentigem chinesischem Anteil. So war gesichert, dass China weiter Zugriff auf das Unternehmen hat.
PW: Warum hat China damit offensichtlich geschafft, was andere sogenannte Entwicklungsländer nicht geschafft haben - sich allmählich unabhängig zu machen von westlichem Können und westlicher Hilfe bei der Industrialisierung?
M.R.: Das hat bestimmt auch mit der Größe und der langen Geschichte des Landes zu tun. Da hat man gleich ein anderes Gewicht, tritt anders auf als andere Staaten. Und die chinesische Führung hat einfach sehr clever agiert: Sie hat alle Möglichkeiten der ausländischen Investoren genutzt, ohne sich dabei ganz in deren Hände zu begeben. Darin liegt sicher eins der Erfolgsgeheimnisse der nachholenden Industrialisierung Chinas.
PW: Aber fällt einem autoritären Staat, der vieles zentral steuern und Kritiker notfalls mundtot machen kann, dieser Erfolg nicht auch viel leichter?
M.R.: Einerseits stimmt das natürlich. In China können viele Entscheidungen sehr viel schneller gefällt werden, etwa was die Infrastrukturentwicklung betrifft. Andererseits darf man nicht vergessen, dass zu Anfang der europäischen Industrialisierung solche Dinge auch bei uns sehr viel hemdsärmeliger gehandhabt wurden. Zudem fordern die ausländischen Investoren diese Unkompliziertheit oft geradezu ein. Sobald die Restriktionen zunehmen oder einfach nur die Löhne steigen, ziehen sie schnell weiter nach Vietnam oder Bangladesch.
PW: China sieht sich ja noch immer als sozialistischer Arbeiterstaat. Aber wie schützt dieser Staat eigentlich seine Arbeiter - gibt es überhaupt so etwas wie Arbeitsschutzgesetze oder schlagkräftige Gewerkschaften?
M.R.: Wie in allen sozialistischen Staaten sind Gewerkschaften auch in China Teil des Staatsapparats, sie sollen als Bindeglied zwischen Gesellschaft und Staatsführung fungieren. Seit es immer mehr Privatbetriebe gibt, ist es mit den Gemeinsamkeiten natürlich vorbei. Die Gewerkschaften müssen sich neuen Aufgaben stellen und suchen sich dafür unter anderem Hilfe aus dem Ausland.
Parallel dazu ist auch ein chinesisches Arbeitsrecht entstanden. So ist beispielsweise seit 2008 vorgeschrieben, dass Arbeitsverträge nicht mehr per Handschlag, sondern schriftlich geschlossen werden, um Rechtssicherheit zu garantieren - denn bisher hatte nur jeder fünfte Arbeitnehmer überhaupt einen Vertrag. Auch Arbeitszeit und Bezahlung müssen nun verbindlich geregelt werden. Damit hat die Führung auf aktuelle Skandale reagiert: Immer öfter war es vorgekommen, dass marode Betriebe keine Löhne mehr ausbezahlt oder die Arbeitszeit ohne Lohnsteigerung ausgedehnt hatten. Heute ziehen Arbeiter deswegen sogar vor Gericht - und bekommen oft auch Recht. Das zeigt: In China ist durchaus einiges möglich.
PW: Im Westen wird Chinas Industrialisierung auch aus einem anderen Grund mit Sorge betrachtet - Stichwort CO2-Ausstoß und Klimaerwärmung. Kann unsere Erde überhaupt ein voll industrialisiertes China verkraften?
M.R.: In China würde man da die Gegenfrage stellen: Sind denn die westlichen Länder selbst bereit, bei ihrem Lebensstil Abstriche zu machen? Solange da keine Zugeständnisse kommen, wird man in China immer mutmaßen, dass der Westen einen potenziellen Konkurrenten kleinhalten will. Für viele Chinesen stellt sich die aktuelle Diskussion so dar: Europa und die USA haben sich über Jahrzehnte hinweg auf Kosten der Umwelt industrialisiert und entdecken jetzt, wo sie ein bestimmtes Niveau erreicht haben, auf einmal das Thema Umweltschutz für sich. Gleichzeitig werden Zugeständnisse von Ländern gefordert, die mit der Industrialisierung gerade erst begonnen haben. Das empfindet man als unfair - zumal viele Anstrengungen Chinas übersehen werden.
PW: Welche Maßnahmen ergreift China denn in Sachen Klimaschutz?
M.R.: Von dem gigantischen Konjunkturprogramm, das China 2009 nach der Finanzkrise aufgelegt hat, fließen 40 Prozent in umweltfreundliche Produktionszweige. Windenergie und Solartechnik verzeichnen enorme Steigerungsraten. China gehört bereits heute zu den weltgrößten Herstellern von Solartechnik und wird 2010 zirka zehn Prozent des Energieverbrauchs aus erneuerbaren Energiequellen decken. Besonders stolz ist die Führung deswegen auf den Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse, dem größten Wasserkraftwerk der Welt. Dass der Westen dieses Projekt aus Umweltschutzgründen kritisiert, hat in China viele vor den Kopf gestoßen.
Interview: Kerstin Hilt, Stand vom 08.01.2010
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