Otto von Bismarck.

Reichsgründung

Bismarck und der deutsche Nationalstaat

Das oberste Ziel des deutschen Politikers Otto von Bismarck war die Schaffung eines deutschen Nationalstaats unter preußischer Führung. Der preußische König Wilhelm I. ließ ihn gewähren. So formte Bismarck als "Eiserner Kanzler" das Deutsche Reich.

Von Martina Frietsch

Bismarcks Lösung für den Verfassungskonflikt

Als Wilhelm I. im Jahr 1858 die Amtsgeschäfte als König von Preußen übernahm, fand er die Armee in einem desolaten Zustand vor. Die Organisation war völlig veraltet; Wilhelm begann sofort mit einer Heeresreform und gleichzeitig mit der Vergrößerung seiner Truppen.

Dabei überging er den preußischen Landtag, der die Finanzierung zunächst hätte genehmigen müssen. Dies lehnten die Abgeordneten ab und blockierten in den nächsten Jahren die Zustimmung zum Militäretat. Dieser Verfassungskonflikt und Konflikt über die Militärpolitik Preußens führte dazu, dass Wilhelm I. sogar abdanken wollte.

Der erzkonservative Politiker Otto von Bismarck, bis dahin Diplomat im Ausland, versprach dem König, das Problem zu lösen und am Parlament vorbei ohne genehmigten Haushalt zu regieren. 1862 ernannte der König ihn zum Ministerpräsidenten und verließ sich voll und ganz auf ihn.

Und Bismarck handelte: Er setzte die Militärreformen auch ohne Zustimmung des Parlaments um. Erst 1866 nahm das Abgeordnetenhaus seine sogenannte Indemnitätsvorlage an – den Schutz vor rechtlicher Verfolgung – und genehmigte nachträglich die Gelder.

Otto von Bismarck

01:59 Min. UT Verfügbar bis 20.12.2027 Von Anja von Kampen/VisionX

Bismarcks Ziel: der Nationalstaat unter preußischer Führung

Bismarcks politische und militärische Erfolge fanden nicht nur beim König, sondern auch bei der Bevölkerung und der Mehrheit der oppositionellen Nationalliberalen Zustimmung. Den Konflikt mit Dänemark um Schleswig und Holstein löste er militärisch. Zwei Jahre später sorgte er 1866 beim Deutschen Krieg mit Österreich dafür, dass Österreich nicht nur besiegt wurde, sondern auch hinausgedrängt wurde aus dem Deutschen Bund – einem Staatenbund von "souveränen Fürsten und freien Städten Deutschlands" unter Führung Österreichs.

Doch Bismarcks Ziel war nicht nur die Gründung des deutschen Nationalstaats. Ihm ging es um einen Nationalstaat unter preußischer Führung. Der Machtmensch Bismarck setzte nicht auf Worte, sondern auf militärische Lösungen.

Und er taktierte geschickt: Beim Konflikt um die Besetzung des spanischen Kaiserthrons verfasste er die so genannte "Emser Depesche" und manövrierte durch seine Provokation die Franzosen in einen Krieg. Die Kandidatur eines Hohenzollern für den spanischen Thron, an der Bismarck nicht unbeteiligt war, war für den französischen Kaiser ein Affront.

Er brachte die süddeutschen Fürsten dazu, in den Krieg mit einzutreten und schließlich dem Norddeutschen Bund unter preußischer Führung beizutreten – Voraussetzungen für die Gestaltung des Deutschen Nationalstaats nach seinen Vorstellungen.  

Bismarck (rechts) bei Kaiser Wilhelm I. (links) im historischen Eckzimmer des Königlichen Palais

"Nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein": Wilhelm I. und Bismarck

Ein Staatskonstrukt nach Bismarcks Vorstellung

Geschickt nutzte Bismarck auch die nationale Begeisterung, die sich nach dem Sieg über Frankreich in den Fürstentümern breit machte. Allerdings hatte der preußische Ministerpräsident andere Ziele  als die Nationalbewegung: Formal entstand mit dem Deutschen Reich ein Bund deutscher Fürsten – im Bundesrat zusammengeschlossen waren 22 Fürstenstaaten und drei freie Hansestädte. Dazu kam der Reichstag, der nur über begrenzte Rechte verfügte und nach gleichem und geheimem Männerwahlrecht gewählt wurde.

Mit Gründung des deutschen Reiches mehrte sich auch Bismarcks Macht: Er blieb Ministerpräsident und Außenminister von Preußen und wurde gleichzeitig Reichskanzler. Gemeinsam mit dem preußischen König und Deutschen Kaiser Wilhelm I. bildete er die Staatsspitze.

Schutz- und Freiheitsrechte der Bürger kamen in der neuen Verfassung nicht vor. Liberale und demokratische Forderungen wie beispielsweise Pressefreiheit erfüllten sich nicht, wohl aber der lange gehegte Wunsch nach nationaler Einigung.

Bismarck und Wilhelm I.

"Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein", soll Wilhelm I. über seinen Reichskanzler Bismarck geseufzt haben. Er vertraute Bismarck völlig und hielt bis zu seinem Tod an ihm fest; wiederholte Rücktrittsgesuche Bismarcks lehnte er ab. Und auch der Kaiser drohte mehrmals mit seiner Abdankung – was wiederum Bismarck immer wieder abbog.

Bismarck war loyal, doch er pflegte gegenüber dem König seinen Willen durchzusetzen. So bei den Kriegen, die der Reichseinigung dienten und der Kaiserproklamation in Versailles, wo er gegen Wilhelms Willen dafür sorgte, dass der Kaiser künftig "Deutscher Kaiser" hieß und nicht wie von Wilhelm gewünscht "Kaiser von Deutschland".

Als Wilhelm I. am 18. Januar 1871 als Deutscher Kaiser proklamiert wurde, war er selbst alles andere als begeistert. Das preußische Königtum war ihm mehr wert. Bismarck überzeugte ihn aber, die Kaiserkrone anzunehmen.

Wilhelm I. war zu diesem Zeitpunkt bereits 74 Jahre alt, nahm überwiegend repräsentative Aufgaben wahr und überließ Bismarck das politische Geschäft. So regierte Bismarck als "Eiserner Kanzler" das Deutsche Reich, seine Entscheidungen wurden von Wilhelm I. stets gebilligt.

Wilhelm I. entwickelte sich unterdessen zur Integrationsfigur des Deutschen Reiches – ein Monarch, der beim Volk zunehmend beliebter wurde. Wilhelm I. starb am 9. März 1888 im Alter von 90 Jahren. Bismarck blieb noch zwei weitere Jahre Reichskanzler, jedoch kam es immer wieder zu Konflikten mit dem neuen Kaiser Wilhelm II. und schließlich zum Bruch.

Der Kaiser forderte Bismarck zum Rücktritt auf, worauf dieser sein Abschiedsgesuch einreichte. Am 20. März 1890 wurde Bismarck als Reichskanzler und preußischer Ministerpräsident entlassen.

Die Karikatur des britischen Satiremagazins 'Punch' vom 29. März 1890 zeigt, wie Bismarck über das Fallreep von Bord eines Schiffes geht

Bismarcks Rücktritt: "Der Lotse geht von Bord"

Quelle: SWR | Stand: 02.01.2021, 19:30 Uhr

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