Die Reichsgründung in Versailles

Im prachtvollen Spiegelsaal von Schloss Versailles wird Wilhelm I. zum deutschen Kaiser ausgerufen.

Reichsgründung

Die Reichsgründung in Versailles

Von Martina Frietsch

Im Herbst 1870 war für Bismarck die Reichsgründung zum Greifen nah. Doch zuerst musste der bayerische König davon überzeugt werden. Und der preußische König Wilhelm I. zögerte, die Kaiserkrone anzunehmen. Auch über die offizielle Bezeichnung des Kaisers gab es Streit. Bismarck griff zur List.

Reichsgründung: Die Länder einigen sich

Nach dem Sieg der preußischen Truppen und ihrer Verbündeten über das französische Heer gingen die Kämpfe in Frankreich zwar weiter: Die neue französische Regierung versuchte nach der Absetzung von Napoleon III. doch noch, einen militärischen Sieg zu erringen. Die Deutschen bereiteten unterdessen schon die Gründung des Deutschen Reichs vor.

Nach Bismarcks Schachzug mit der Emser Depesche waren die süddeutschen Länder Bayern, Baden, Württemberg und Hessen zwar als Bündnispartner bereitwillig mit in den Krieg gezogen. Doch dem Norddeutschen Bund beitreten und sich einem preußischen Kaiser unterordnen – das wollte vor allem Bayerns König Ludwig II. nicht. Nach diplomatischen Verhandlungen mit den einzelnen Ländern  ab September 1870 wurden zwei Monate später schließlich die "Novemberverträge" geschlossen. Diesen Verträge umfassten vor allem die Gründung des Reichs sowie den Beitritt Bayerns und Württembergs zur Deutschen Bundesverfassung.

Der Kaiserbrief und der "gekaufte" König

Gemälde von Ferdinand Piloty: Ludwig II. im Alter von 20 Jahren.

Ludwig II. im Alter von 20 Jahren

Die Zustimmung des bayerischen Königs Ludwig II. erkaufte sich Bismarck mit Geld, das der "Märchenkönig" dringend brauchte. Wegen seiner Vorliebe für Kunst und teure Bauwerke litt er unter chronischer Geldknappheit. In den kommenden Jahren erhielt er jährlich 300.00 Goldmark. Dazu kamen Sonderrechte bei Eisenbahn, Post und Telegrafenwesen.
Ludwig II. wiederum unterzeichnete im Gegenzug den sogenannten Kaiserbrief, den Bismarck ihm vorlegte. In diesem Brief trug Ludwig II. dem preußischen König formell den Titel des Kaisers an. Diese Rolle fiel an ihn, da er der vornehmste und bedeutendste Fürst unter denjenigen war, die dem Norddeutschen Bund beitraten. Ludwig II. selbst musste übrigens nicht an der Kaiserproklamation teilnehmen – dieses Zugeständnis hatte er in den Verhandlungen erstritten. Am 3. Dezember 1870 erreichte der Kaiserbrief Wilhelm I., der sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Versailles aufhielt. Die Verfassung des Deutschen Reiches trat am 1. Januar 1871 in Kraft.

Wilhelm I. – Kaiser wider Willen

Portrait des ersten Deutschen Kaisers Wilhelm I.

Wilhelm I. wurde zum ersten „Deutschen Kaiser“ gekrönt

Auch der preußische König Wilhelm I. sträubte sich zunächst, Kaiser des neuen Nationalstaats zu werden. Sein Ministerpräsident und spätere Reichskanzler Otto von Bismarck überredete ihn mit dem Argument, der Titel legitimiere die nationale Einigung. Überzeugt wurde Wilhelm schließlich von seinem Schwiegersohn, Großherzog Friedrich I. von Baden, der ranghöchste der anwesenden Fürsten bei der Kaiserproklamation.
Dann trat ein unerwartetes Problem auf: die Bezeichnung des neuen Kaisers. Sollte er "Deutscher Kaiser", "Kaiser Deutschlands" oder "Kaiser der Deutschen" sein? Bismarcks Vorschlag "Deutscher Kaiser" missfiel König Wilhelm I. Der Vorschlag mochte zwar für die anderen Fürsten die akzeptabelste Lösung sein; für Wilhelm I. war die Bezeichnung "Deutscher Kaiser" gleichbedeutend mit Machtlosigkeit.

Die Kaiserproklamation in Versailles

Am 17. Januar 1871 versammelten sich im Spiegelsaal von Versailles die deutschen Fürsten, hohe Militärs sowie die Spitzen der Hof- und Staatsbehörden – rund 1400 Personen. Mit der Zeremonie sollte der Kaisertitel bestätigt werden. Der Tag war bewusst gewählt: Genau 170 Jahre zuvor hatte Friedrich I. sich selbst in Königsberg gekrönt – Preußens erster König.

Bei der Zeremonie hatte wieder Otto von Bismarck die Finger im Spiel, um bei der Kaiserbezeichnung seinen Willen durchzusetzen. Nach dem Ende des Proklamationstextes, so hatte er den badischen Großherzog Friedrich instruiert, sollte dieser rufen: "Seine Kaiserliche und Königliche Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch! hoch! hoch!" Damit wurde aus Wilhelm der Deutsche Kaiser – und Bismarck hatte gesiegt.

Unsere Quellen:

Deutsches Historisches Museum Online
https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/das-reich/reichsgruendung-1871.html
https://www.dhm.de/lemo/rueckblick/1871-reichsgruendung-im-krieg.html

Bundeszentrale für politische Bildung: Äußere und innere Reichsgründung
https://www.bpb.de/geschichte/deutsche-geschichte/kaiserreich/138914/aeussere-und-innere-reichsgruendung

Haus der Bayerischen Geschichte:

Der deutsch-französische Krieg 1870/71, die Reichsgründung und Bayern im Kaiserreich
https://www.hdbg.eu/koenigreich/index.php/themen/index/herrscher_id/7/id/38

Otto-von-Bismarck.net
https://otto-von-bismarck.net/bismarck-und-ludwig-ii/

Uwe Klussmann, Joachim Mohr (Hg.): Das Kaiserreich. Deutschland unter preußischer Herrschaft
Goldmann, München 2016

SWR | Stand: 02.01.2021, 15:00

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