Georges Gilles de la Tourette

Auf dem Bild sieht man eine Porträt-Zeichnung von Georges Gilles de la Tourette. Er trägt einen markanten Vollbart.

Tourette-Syndrom

Georges Gilles de la Tourette

Ein junger französischer Neurologe gibt dem Tourette-Syndrom seinen Namen. Im Alter von nur 28 Jahren veröffentlicht Georges Gilles de la Tourette seine Studie zur "Krankheit der Tics". Und er gelangt so zu Weltruhm.

Darum geht's:

  • Georges Gilles de la Tourette beschäftigte sich mit Tic-Störungen.
  • Auch andere Nervenkrankheiten interessierten ihn.
  • 1901 erkrankt Tourette an Hirnsyphilis.

Beruflicher Aufstieg und privates Glück

Am 30. Oktober 1857 erblickt Georges Gilles de la Tourette das Licht der Welt. Und er scheint unter einem glücklichen Stern geboren zu sein: Schon mit 16 Jahren legt er sein Abitur ab. Acht Jahre später beendet er sein Medizinstudium – und mit 24 Jahren geht es endlich in die Großstadt: Nach Paris – schon im 19. Jahrhundert eine pulsierende Metropole, die Hauptstadt der Kunst.

Zwei Millionen Menschen leben hier, flanieren an der Seine, genießen das Nachtleben. Georges Gilles de la Tourette schließt sich ihnen an. Er besucht Galerien und Museen, nimmt an literarischen Diskussionen teil.

Auf der Schwarzweiß-Fotografie sieht man die Universität Sorbonne in Paris.

Tourette arbeitet an der Universität Sorbonne

Aber das Herz des jungen Mannes schlägt nach wie vor auch für die Medizin. Und er hat Glück. 1884 nimmt ihn Jean Martin Charcot unter seine Fittiche. Charcot ist Arzt am berühmten Pariser Krankenhaus Salpêtrière und Professor für Pathologische Anatomie an der medizinischen Fakultät der Sorbonne.

Die Zusammenarbeit mit Charcot erweist sich als überaus fruchtbar – und in nur wenigen Jahren steigt Tourette vom Assistenz- zum Chefarzt auf.

Doch auch für einen Tourette ist Arbeit nur das halbe Leben. Um sein Glück perfekt zu machen, fehlt dem Mittdreißiger nur noch das eine: die passende Frau. Und er findet sie. 1887 heiratet der Mediziner seine zehn Jahre jüngere Cousine Marie Detrois. Tourette scheint der glücklichste Mann von Paris zu sein. Und schon bald ist er nicht mehr nur der strebsame junge Arzt, sondern auch der stolze Vater von vier Kindern.

Forschungsschwerpunkte und Behandlungsmethoden

Seit 1881 beschäftigt sich Georges Gilles de la Tourette mit Tic-Störungen. Und vier Jahre später ist es endlich so weit: Der aufstrebende Neurologe veröffentlicht seine berühmteste Studie über die "Krankheit der Tics". Er ist der Erste, der in ganz unterschiedlichen Tic-Störungen ein gemeinsames Krankheitsbild erkennt. In Fachkreisen eine Sensation.

Historischer Stich: In einer Psychatrie im Jahr 1886 wird eine Elektrotherapie mit mehreren Patienten zeitgleich durchgeführt.

Elektrotherapie – zu Tourettes Zeiten eine gängige Behandlung

Aber Georges Gilles de la Tourette interessiert sich nicht nur für Tics. Er forscht auch zur Hysterie, zur Epilepsie und zur Hypnose. Seine Ergebnisse werden von Fachleuten diskutiert. Und selbst der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, reist nach Paris, um einer seiner Vorlesungen zu folgen.

Tourette forscht, er lehrt und er will heilen. Hierzu lässt er sich auch völlig neuartige Behandlungsmethoden für seine Patienten einfallen. So erfindet er einen batteriebetriebenen Vibrationshelm, der bei der Behandlung von Schwindelanfällen helfen soll. Wie erfolgreich diese Behandlungsmethode im Einzelfall war, lässt sich heute nur schwer sagen – durchgesetzt haben sich Vibrationshelme in der modernen Medizin nicht.

Ein Arzt und seine Patienten

Georges Gilles de la Tourette versucht, Nervenkrankheiten auf den Grund zu gehen. Und deshalb ist er fasziniert vom Studium exzentrischer Menschen. Paris wimmelt von auffallenden Typen. Und auch im Moulin Rouge, dem bekannten Varieté, trifft Tourette 1893 auf einen interessanten Fall: Es ist der "zwanghaft besessene Tänzer".

Auf der Schwarzweiß-Fotografie sieht man das französische Varieté Moulin Rouge. Von außen sieht es aus wie eine Windmühle.

Das Moulin Rouge – hier tanzt auch Tourette

Der "zwanghaft besessene Tänzer" ist den Gästen im Moulin Rouge schon seit einiger Zeit ein Begriff. Ordentlich gekleidet und mit einer Blume im Knopfloch, fällt er vor Aufführungsbeginn kaum auf.

Doch kaum ist das Bühnenprogramm eröffnet, verändert er sein Verhalten. Er reißt die Arme in die Luft, schreit nach Aufmerksamkeit. Er springt auf die Bühne und vollzieht spektakuläre Tanzschritte – und das Publikum krümmt sich vor Lachen.

Kaum verklingt die Musik, ist sein seltsames Verhalten vorbei. Er vermischt sich wieder mit der Menge, ist unauffällig wie zuvor. Für die Menschen im Moulin Rouge ist der "zwanghaft besessene Tänzer" ein harmloser Spinner. Für Tourette ist er ein interessanter Fall, der nach wissenschaftlichen Kriterien befragt und untersucht werden will.

Nicht alle Patienten danken Tourette für sein Verständnis und sein Engagement im Dienste der Wissenschaft. Und einige entwickeln sogar einen echten Hass auf ihn. So wie Rose Kamper.

Die geistig verwirrte Frau glaubt, gegen ihren Willen hypnotisiert worden zu sein – und sie will Rache. Am 6. Dezember 1887 verschafft sie sich Zutritt zum Haus des Neurologen, zückt eine Waffe und schießt auf ihn. Tourette überlebt das Attentat. Nur kurze Zeit später nimmt er seine Arbeit wieder auf.

Der "geisteskranke Psychiater"

1901 endet die berufliche Karriere von Georges Gilles de la Tourette. Er tritt einen Erholungsurlaub in Luzern an, doch irgendetwas stimmt nicht. Der Erforscher der "Krankheit der Tics" zeigt selbst merkwürdige Verhaltensweisen.

Er gerät plötzlich in Rage, kauft 25 Spazierstöcke auf einmal, klaut in Restaurants Speisekarten und Zahnstocher. Georges Gilles de la Tourette scheint verrückt zu werden – und schon bald betiteln ihn französische Zeitungen als "geisteskranken Psychiater".

Seine Familie will das Beste für ihn. Und das Beste scheint unter den gegebenen Umständen ein Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt zu sein. Doch Tourette denkt gar nicht daran, sich selbst zum Patienten zu machen.

Und so hilft nur eine List, um ihn zum Hôpital de Cery zu locken: Es gebe einen sehr interessanten Patienten, der unbedingt von ihm in Augenschein genommen werden müsse, gaukelt man Tourette vor. Tourette fällt auf die Finte rein – und wird am 28. Mai 1901 zwangseingewiesen.

Sein Zustand verschlechtert sich stetig. Mal glaubt er, er sei der Präsident von Frankreich, mal hält er sich für den König von Italien. Die Diagnose der Ärzte ist bald eindeutig. Tourette leidet an der damals weit verbreiteten Hirnsyphilis. Am 22. Mai 1904 stirbt Tourette. Er ist 46 Jahre alt.

Autorin: Clara Walther

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Stand: 06.07.2017, 15:00

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