Budapests jüdisches Viertel

Synagoge in Budapest

Budapest

Budapests jüdisches Viertel

Von Eva Mommsen und Andrea Reischies

Die jüdische Gemeinde in Budapest zählt heute zu den aktivsten Gemeinden Europas. Schon im 19. Jahrhundert trugen die Juden viel zur kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung Ungarns und Budapests bei. Dennoch wurden ihnen erst um 1900 alle bürgerlichen Rechte und die freie Ausübung ihrer Religion gewährt.
Sie wohnten vor allem im siebten Bezirk, dem Elisabeth-Viertel, das während des Dritten Reiches zum Ghetto wurde. Heute ist das Leben ins jüdische Viertel zurückgekehrt. Aber viele der historischen Gebäude sind vom Abriss bedroht.

Judenverfolgungen in Ungarn

In der ungarischen Geschichte gab es immer wieder Ausschreitungen gegen Juden. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm der Antisemitismus deutlich zu.

1920 wurde das erste antijüdische Rassegesetz verabschiedet. Die antijüdische Stimmung wurde von Rechtsparteien weiter genährt und von großen Teilen der Bevölkerung übernommen. Hetzjagden auf Juden konnten nur mühsam vom Militär unter Kontrolle gebracht werden.

1937 lebte trotzdem noch eine halbe Million Juden in Ungarn. Ungarns Kriegseintritt auf Seite der Deutschen im Jahre 1941 bedeutete für die Juden eine nochmalige Verschlimmerung ihrer Lage.

Vor allem in den Provinzen wurden als Folge des "Judenkommandos" von Adolf Eichmann – unter Mitwirkung der Polizei und lokaler Mächte – 400.000 Juden in deutsche Konzentrationslager deportiert. Das Elisabeth-Viertel wurde zum Ghetto, 70.000 Juden wurden hier auf engstem Raum eingepfercht und ihr Vermögen konfisziert.

Aufgrund des wachsenden internationalen Drucks und der Proteste der großen Kirchen ließ der damalige ungarische Staatschef Miklós Horthy Ende 1944 schließlich die Züge in die Konzentrationslager stoppen, sodass ein Großteil der Budapester Juden gerettet werden konnte.

Deportation ungarischer Juden

Hunderttausende ungarischer Juden wurden während des Zweiten Weltkriegs deportiert

Jüdisches Leben unter dem Kommunismus

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hofften die ungarischen Juden auf eine Verbesserung, doch auch unter den kommunistischen Machthabern gab es offenen Antisemitismus. Viele Überlebende des Holocausts entschlossen sich, nach Israel auszuwandern, denn in sozialistischer Zeit durfte religiöses Leben nur im Geheimen stattfinden.

Nach dem Ungarnaufstand von 1956 wurde das jüdische Eigentum verstaatlicht, Einrichtungen der Glaubensgemeinschaft geschlossen. Dazu gehörte auch die Synagoge in der Dohány utca, dem jüdischen Viertel. Das Bethaus wurde einst für 3000 Gläubige erbaut und ist bis heute die größte Synagoge in Europa.

Neues Leben im jüdischen Viertel

Nach dem Ende des Ostblocks wurde die große Synagoge mit staatlichen und ausländischen Geldern restauriert und ist jetzt wieder das Zentrum der ungarischen Juden. Allein in Budapest sind es heute rund 80.000.

Auf der Gedenktafel an der Synagoge ist vermerkt, dass Theodor Herzl, der die Idee für die Gründung des Staates Israel entwickelt hatte, hier geboren wurde.

An die Synagoge grenzt der Friedhof, auf dem die Opfer des Ghettos begraben sind. Heute ist neues Leben in das alte jüdische Viertel zurückgekehrt. Viele Emigranten oder deren Kinder sind zurückgekommen und haben sich im siebten Bezirk angesiedelt.

Inzwischen wurde auch das Rabbiner-Seminar, die älteste noch existierende Ausbildungsstätte für jüdische Geistliche in Europa, wieder eröffnet.

Juden in einem Hinterhof beim Befeuern eines Kessels

Heute ist die jüdische Gemeinde wieder sehr aktiv

Die Zerstörung des jüdischen Viertels

Das historische jüdische Viertel ist durch seine Popularität aber auch vom Abriss bedroht. Denn für die Sanierung der maroden Jugendstil-Bauten fehlt das Geld. Die Wohnungsbesitzer sind meist die früheren Mieter, die die Gebäude nach der Wende für ein Achtel des Marktwertes kauften. Doch ihnen fehlen die finanziellen Mittel für die nötige Sanierung.

Die Stadtteilverwaltung selbst investierte in den vergangenen Jahren viele Millionen Euro in die alten Fassaden, doch ihre Mittel sind erschöpft. So werden die Altbauten oft an Investoren verkauft.

Das führt dazu, dass die alten Häuser auf dem begehrten Baugrund abgerissen werden und an ihrer Stelle mehrstöckige Häuser entstehen. Denkmalschützer befürchten einen Dominoeffekt.

Im jüdischen Viertel regt sich aber auch der Widerstand gegen das Vorhaben. So kämpfen jüdische Bürgerinitiativen seit mehreren Jahren für den Erhalt und die Erneuerung der historischen Gebäude, die dem Budapester Elisabeth-Viertel ihr unverwechselbares Gesicht geben.

Weiterführende Infos

Stand: 28.08.2017, 10:04

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