Sechs Epochen, die Ungarns Geschichte prägten

Mongolenschlacht bei Liegnitz (Schlesien).

Ungarn

Sechs Epochen, die Ungarns Geschichte prägten

Von Frank Drescher

Dass mittags um 12 Uhr überall auf der Welt die Kirchenglocken läuten, hat mit einem typischen Moment der ungarischen Geschichte zu tun: Es ging um die Abwehr einer Bedrohung von außen. Das gelang den Ungarn nicht immer.

Niemand hörte auf die Warnung des Mönches: Der Dominikaner Julianus hatte 1235 das ihm nur aus Überlieferungen bekannte Alt-Ungarn ("Magna Hungaria") östlich der Wolga wiederentdeckt, eine Zwischenstation der Magyaren auf ihrem Weg nach Westen.

500 Jahre zuvor waren sie dort aufgebrochen, aber eben nicht alle. Als er die Nachkommen der Zurückgebliebenen ein zweites Mal besuchen wollte, erfuhr er unterwegs, dass die Mongolen Alt-Ungarn vernichtet und alle Magyaren getötet, vertrieben oder versklavt hatten.

Mongolensturm 1241

Doch Ungarns König Béla IV. (1206–1270) soll Julianus' Warnungen kaum beachtet haben. Ein Fehler, den 70.000 Kämpfer in der Schlacht bei Muhi mit dem Leben bezahlten, als die Mongolen 1241 einfielen. Nur schätzungsweise ein Viertel der Bevölkerung überlebte die Massaker und die darauffolgenden Hungersnöte und Epidemien.

Zum Wiederaufbau ließ Béla Handwerker und Bauern aus Westeuropa ins Land holen, auch aus Deutschland. Die Anwerbung von Migranten hatte da schon 100 Jahre Tradition in Ungarn. Ihnen bot das Land Grundeigentumsrechte und etwas politische Mitbestimmung, festgeschrieben 1224 im "Goldenen Freibrief" durch Andreas II.

Wie ein gescheiterter Kreuzzugsplan die Osmanen zur Invasion ermuntert

Drei Jahre nachdem sie das Byzantinerreich vernichtet hatten, griffen die Osmanen 1456 Ungarn an. Deshalb ordnete Papst Kalixt III. an, dass mittags um zwölf Uhr in jeder Kirche die Glocken läuten sollten. Alle Christen sollten auf dieses Zeichen hin für die Ungarn um Beistand beten. Tatsächlich scheiterten die Osmanen diesmal noch. Und die Kirchenglocken läuten bis heute weiterhin mittags.

Zum Schutz vor weiteren Angriffen ließ 1517 Tamás Bakócz, Kardinal von Gran (heute: Esztergom), im Auftrag von Papst Leo X. ein Kreuzzugsheer gegen die Türken aufstellen. Mit dabei waren großteils Bauern, die so der Ausbeutung durch Adel und Großgrundbesitzer entkommen wollten.

Die aber fürchteten den Verlust ihrer billigen Arbeitskräfte, und dass die nun auch noch bewaffnet waren, gefiel ihnen auch nicht. Sie verweigerten dem Kreuzzug die Unterstützung. Der fiel tatsächlich aus, dafür erhoben sich die Bauern zu einem Aufstand.

Und die Osmanen nutzten die Chance, die sich ihnen dadurch bot. Bald gelang Sultan Süleyman I. der entscheidende Schlag mit der ersten Schlacht bei Mohács 1526. Ab 1541 hielt er weite Teile Ungarns besetzt, die Hauptstadt Buda wurde für 145 Jahre türkisch.

Erst nach der Niederlage der Osmanen vor Wien 1683 konnte Ungarn die Osmanen mithilfe der Habsburger und Bayern allmählich loswerden. Die entscheidende Schlacht fand 1687 statt, wieder bei Mohács. 

Ein adliger Anwalt probt den Aufstand

Nach Französischer Revolution und Untergang des Heiligen Römischen Reichs 1806 wünschten sich die Ungarn immer stärker die Unabhängigkeit. Einer sprach diesen Wunsch besonders laut aus: Lajos Kossuth (1802–1884), aus dem Kleinadel stammender Rechtsanwalt.

Im März 1848, als in vielen Ländern Europas die Bürger gegen den Adel revoltierten, forderte er eine konstitutionelle Monarchie. Er wurde Minister in der ersten unabhängigen Regierung und setzte unter anderem die Befreiung der Bauern und den Aufbau eines Freiwilligenheers durch.

1849 führte Kossuth einen Aufstand gegen Österreich an und erklärte Ungarn für unabhängig. Doch mit russischer Hilfe beendete Österreich den Aufstand, und Kossuth floh ins Exil. Heute steht sein Standbild auf dem Budapester Heldenplatz und schließt die dortige Reihe der bedeutendsten Persönlichkeiten Ungarns ab, die mit dem Heiligen Stephan beginnt.

schwarz-weiß-Portrait von Lajos Kossuth.

Lajos Kossuth

Österreich-Ungarn – die konstitutionelle Doppelmonarchie

Österreichs Kaiser Franz Joseph I. (1830–1916) konnte dem Unabhängigkeitsstreben der Ungarn trotzdem nicht dauerhaft widerstehen. Geschwächt von der Kriegsniederlage gegen Preußen 1866 gewährte er den Ungarn mehr Autonomie und erhielt dafür 1867 die ungarische Königskrone.

Die ungarische Nationalbewegung hatte damit eines ihrer Ziele von 1848 erreicht. Die kaiserliche und königliche (k.u.k.) Doppelmonarchie Österreich-Ungarn hielt bis kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs 1918.

Chaos und Diktatur zwischen den Kriegen

Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zum Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Königstreuen. Letztere gewannen 1920 die Oberhand und wählten ihren Truppenführer Miklós Horthy, vormals Befehlshaber der k.u.k. Kriegsmarine, zum Reichsverweser.

Unterdessen diktierten die Siegermächte des Ersten Weltkriegs Ungarn die Bedingungen des Friedensvertrags von Trianon bei Paris, der sie zur Anerkennung der Kriegsschuld zwang und zur Abtretung von mehr als 70 Prozent seiner Fläche, die an Rumänien, die Tschechoslowakei, das spätere Jugoslawien und Österreich fiel, wo heute noch viele Ungarn leben.

Schwarz-weiß Portrait von Miklós Horthy.

Miklós Horthy

Miklós Horthy führte ein autoritäres Regime, das Juden diskriminierte und mit Hitler-Deutschland im Krieg gegen die Sowjetunion 1941 paktierte. Als 1944 die Rote Armee auf Ungarn vorrückte und Horthy mit Moskau einen Waffenstillstand aushandeln wollte, ließ Hitler seinen Bündnispartner fallen und installierte das Regime der faschistischen Pfeilkreuzler-Bewegung.

Das Regime hielt sich nur wenige Monate, fand aber noch die Gelegenheit, sich an der Judenvernichtung der Deutschen zu beteiligen.

Ungarn unter Hammer und Sichel

Nach Kriegsende machte Sowjet-Führer Josef Stalin Ungarn zum Teil seiner Pufferzone gegen den Westen und setzte ein ihm ergebenes kommunistisches Regime ein. Wie in der Sowjetunion gab es nun auch in Ungarn Arbeitslager, Geheimpolizei-Terror und Schauprozesse. 

Als nach Stalins Tod 1953 Nikita Chruschtschow den eisernen Griff der Sowjet-Diktatur etwas lockerte, passierte das gleiche auch in Ungarn. Der liberalere Imre Nagy wurde Regierungschef. Doch der fiel 1955 einem Machtkampf in Ungarns Kommunistischer Partei (KP) zum Opfer und wurde von einem linientreueren Genossen abgelöst.

In Ungarn wuchs der Unmut über das Regime: Im Oktober 1956 gingen in Budapest Studenten auf die Straße, auf die das Regime schießen ließ. Das mobilisierte noch mehr Menschen, 200.000 schlossen sich den Forderungen der Studenten nach freiheitlicher Demokratie an. Davon beeindruckt, setzte die KP Nagy wieder als Regierungschef ein. Er schaffte die Geheimpolizei ab, ließ ein Mehrparteiensystem zu, trat aus dem Warschauer Pakt aus und wollte die Sowjetarmee des Landes verweisen.

Der Volksaufstand 1956 Planet Wissen 01.05.2019 02:13 Min. Verfügbar bis 01.05.2024 SWR

Doch Moskau ließ seine Panzer nach Budapest rollen, schlug den Volksaufstand nieder und ersetzte Nagy durch den moskautreuen Herrscher Janos Kadar, der bis 1988 als Parteichef amtierte. Tausende Ungarn verließen das Land, viele wurden zu Haftstrafen verurteilt, und Imre Nagy wurde 1958 hingerichtet.

Um den Ungarn wenigstens bei der Versorgung mit Konsumgütern entgegenzukommen, erlaubte Kadar ihnen begrenzte privatwirtschaftliche Aktivitäten – ein kleiner Hauch von Freiheit, der den Namen "Gulaschkommunismus" erhielt und im Ostblock einzigartig blieb.

Stand: 05.12.2018, 18:00

Darstellung: