Vom Ural nach Westen

Ungarnschlacht auf dem Lechfeld, 955 n. Chr., historische Illustration.

Ungarn

Vom Ural nach Westen

Von Frank Drescher

Als die Ungarn noch Magyaren waren, zogen sie jahrhundertelang durch die Steppen Osteuropas Richtung Westen. Die Vorfahren der heutigen Deutschen trugen zu ihrer Sesshaftwerdung bei. Dabei ging es zeitweise blutig zu, doch eine arrangierte Ehe änderte alles – grundlegend und dauerhaft.

"Ungarn, Weichselaner, Schlesier: 15 Städte" – so profan lautet, auf Latein verfasst, die älteste überlieferte schriftliche Erwähnung der Ungarn im deutschen Sprachraum, enthalten in einer mittelalterlichen Handschrift. Der Historiker Erwin Herrmann hat eine Theorie zur Bedeutung dieser rätselhaften Nennung: Sie stammt demnach von einem Priester oder Mönch, der wahrscheinlich dem Erzbistum Salzburg unterstand.

Wohl um das Jahr 870 herum notierte er mit schwarzbrauner Tinte auf Pergament, welche der vom Christentum noch unberührten Völker östlich der Bistumsgrenzen wie viele befestigte Siedlungen besaßen und wo ungefähr die sich von der Donau aus gesehen befanden.

Die Ungarn zur Zeit der Völkerwanderung Planet Wissen 01.05.2019 01:09 Min. Verfügbar bis 01.05.2024 SWR

So konnten die Missionare abschätzen, wo sich ihre Arbeit am ehesten lohnen würde, denn das Erzbistum Salzburg war damals noch ein Außenposten der christlichen Welt und sollte die Heiden in der unmittelbaren Umgebung bekehren, so Erwin Herrmann. Wo aber kamen nun diese Ungarn her?

Ursprünge tief im Osten

Den Namen "Ungarn" gaben ihnen ihre neuen Nachbarn im Westen Europas. Die leiteten ihn her von den Onoguren, einem Reitervolk, das mit ihnen Ende des 9. Jahrhunderts ins Karpatenbecken kam. Sich selbst nennen die Ungarn nämlich Magyaren.

Die Magyaren siedelten vor mehreren tausend Jahren in Westsibirien, in dem riesigen Gebiet zwischen Uralgebirge und dem Fluss Ob. In der Sprache der heutigen Ungarn haben Linguisten entfernte Ähnlichkeiten bei Vokabeln und Grammatik mit einer Reihe weiterer Sprachen festgestellt, von denen Finnisch und Estnisch die bekanntesten sind.

Daraus folgern sie, dass es vor tausenden Jahren eine gemeinsame Ursprache dieser Völker gegeben hat. Alle Sprachen, die sich aus dieser Ursprache entwickelten, zählt die Sprachwissenschaft zur sogenannten uralischen Sprachfamilie. Das macht die Ungarn mit Finnen und Esten zu Exoten in Europa, denn fast alle anderen Sprachen des Kontinents gehören zur indo-europäischen Sprachfamilie.

Viele Zwischenstationen auf der Völkerwanderung nach Westen

Auf ihrem langen Weg nach Westen machten die Magyaren mehrere sagenumwobene Zwischenstationen. Die wahrscheinlich erste davon war "Magna Hungaria", ein Gebiet westlich des Urals an der Wolga, wo sie dem Reisebericht eines Dominikanermönches zufolge noch bis zum Ansturm der Mongolen im 13. Jahrhundert blieben.

Bereits im Frühmittelalter zog ein Teil der Magyaren weiter in Richtung Schwarzes Meer, in ein Land namens Levedien, wo sie sich mit den Chasaren verbündeten, einem Verband türkischer und mongolischer Nomadenstämme.

Im frühen 9. Jahrhundert überwarfen sich die Magyaren jedoch mit den Chasaren und brachen wieder auf, weiter nach Westen, in ein Land namens "Etelköz" ("Land zwischen den Flüssen"), bei dem sich die Historiker uneins sind, welche Flüsse von Donau bis Wolga genau damit gemeint sind. In Etelköz jedenfalls vereinten sich die Magyaren mit den Onoguren und Kawaren – zwei Turkvölkern, von denen die Magyaren auch manche Wörter in ihre Sprache übernahmen.

Karte von Osteuropa bis Westasien, mit farblich hervorgerufenem Bereich zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer.

Im 9. Jahrhundert zogen die Magyaren aus dem Gebiet der Chasaren weiter gen Westen

Ankunft im Karpatenbecken: die Landnahme

Auch in Etelköz fanden die Magyaren keinen Frieden: Gegen Ende des 9. Jahrhunderts bedrängten sie aus Richtung der östlichen Türkei anrückende Krieger. Sieben ihrer Stämme vereinten sich unter der Führung des Großfürsten Árpád. Der hatte bereits die Pannonische Tiefebene erkunden lassen.

Nachdem er sich mit dem ostfränkischen Kaiser Arnulf verbündete, besiedelten die Magyaren das von den Karpaten umschlossene Land. Für das nomadische Reitervolk war das ein einschneidendes Ereignis: Sie hatten eine Heimat gefunden und begannen sesshaft zu werden. Und Großfürst Árpád wurde zum Ahnherrn einer Dynastie, die sein Volk für die nächsten 400 Jahre beherrschen sollte.

Guerillakrieg in Bayern

Um aber richtig sesshaft zu werden, brauchten die Magyaren noch eine Weile. Nach dem Tode ihres Bündnispartners Kaiser Arnulf 899 fielen ihre Reiterhorden immer wieder in die Gebiete westlich des Karpatenbeckens ein, ins heutige Bayern und die heutige Schweiz etwa.

"So verzehrten die Ungarn die halbrohen Fleischstücke nicht mit Messern, sondern zerrissen sie mit ihren Zähnen und warfen sich zum Zeitvertreib die angenagten Knochen zu", notierte ein Chronist des Klosters St. Gallen anlässlich des Überfalls der Magyaren im Jahre 926. Anschließend zogen sie brandschatzend weiter.

Für Frieden sorgte erst ihre Niederlage bei der Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg 955, die ihnen die Truppen des Bischofs Ulrich vereint mit denen Ottos des Großen beibrachten. Für gläubige Christen war dieser Sieg ein Zeichen für eine göttliche Intervention – und für die großteils noch heidnischen Magyaren ein Grund, dem Christentum beizutreten.

Historische Illustration der Ungarnschlacht auf dem Lechfeld, 955 n. Chr.

Die Niederlage auf dem Lechfeld bei Augsburg beendete die Ungarneinfälle

Stephan und Gisela: eine Ehe für den Frieden

Árpáds Urenkel, der Großfürst Géza (940/45–997), ließ sich und seinen Sohn István (Stephan, geboren um 975) im Jahre 985 taufen. Zehn Jahre später, nach dem Tode des bayerischen Herzogs Heinrich der Zänker, ließ Géza am Regensburger Hof um die Hand der Herzogstochter Gisela für seinen Sohn Stephan anhalten.

Die Eheanbahnung geriet zu einem geostrategischen Politikum: Sowohl der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches als auch der Papst unterstützten den Heiratsplan, denn der eine wollte Ungarn seinem weltlichen, der andere seinem religiösen Machtbereich einverleiben. Und beide wussten: Östlich von Ungarn herrschten die orthodoxen Byzantiner, denen sie Ungarn nicht überlassen wollten.

Stephan und Gisela heirateten 996. Die Verbindung war der Beginn jahrhundertelanger, überwiegend friedlicher Beziehungen zwischen Deutschen und Ungarn. Im Jahr 1001 krönte Papst Silvester II. in Gran (heute: Esztergom) Stephan zum König.

In seinem Reich führte Stephan Schulen, Justiz und Finanzwesen ein, und beim Aufbau der Verwaltung schickte seine Schwiegerfamilie Berater aus Bayern. Und dank Stephan ließen sich Ungarns Schriftgelehrte auch auf ein neues Alphabet ein: das Lateinische nämlich, das im Gegensatz zur altungarischen Schrift nur noch eine Schreib- und Leserichtung, von links nach rechts, kennt.

Wegen seiner Verdienste um die Verbreitung des Christentums wurde König Stephan als erster europäischer Herrscher vom Papst heiliggesprochen.

Stand: 05.12.2018, 18:30

Darstellung: