Ein Modell des St. Galler Klosters steht vor einer Projektion des St. Galler Klosterplans

Ordensleute

Der Sankt Galler Klosterplan

Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Orden hatten regen Zulauf. Die Klöster waren von großen Gemeinschaften mit zahlreichen Mönchen oder Nonnen besiedelt. Doch warum gingen die Menschen damals überhaupt ins Kloster?

Von Gregor Delvaux de Fenffe, Ana Rios

Mönche als Teil der Gesellschaft

Der zentrale Grund lag in einer tiefen Frömmigkeit, die Menschen suchten damals ihr Seelenheil. Es war die einfache Rechnung: "Wenn ich ein anständiges Leben als Mönch lebe, dann komme ich in den Himmel, dann verdiene ich mir das Leben nach dem irdischen Dasein."

Zudem waren Klöster trotz des strengen Lebens in Askese auch attraktive Zentren der Zivilisation. Hier herrschten geordnete Verhältnisse, es existierte Rechtssicherheit, es gab hervorragende Bildungsmöglichkeiten und – anders als heute – großes gesellschaftliches Ansehen.

Natürlich waren auch wirtschaftliche Aspekte von Bedeutung. Das Leben innerhalb der Klostermauern war nicht gemütlich, aber außerhalb herrschte oft blanke Not. Im Kloster hatte man dagegen meist sein sicheres tägliches Auskommen.

Buchmalerei: Mehrere Mönche während eines Gottesdienstes.

Suche nach dem Seelenheil

Klöster voller Leben

Im Kloster lebte ein breiter Querschnitt der Gesellschaft. Während den Adligen und Mächtigen zwar auch in der klösterlichen Hierarchie die Bekleidung der hohen Ämter vorbehalten blieb, waren es nicht nur sie, die das Bild klösterlicher Gemeinschaften prägten.

Ein Kloster war damals ein eigenständiges Universum – ein großes mittelalterliches Wirtschaftsunternehmen, das sich selbst versorgte und auf Steuern oder die Versorgung durch die Bevölkerung nicht angewiesen war.

Um diese Eigenständigkeit zu erwirtschaften, waren viele Hände und berufliche Fertigkeiten nötig. Im Kloster lebten Theologen, Naturwissenschaftler, heilkundige Ärzte, Architekten und Ingenieure. Aber auch Bauern, Müller, Bäcker, Braumeister, Metzger, Wagen- und Fassmacher, Schmiede, Tischler und Krankenpfleger.

Das perfekte Kloster

Das wichtigste Dokument, das über die reichen und lebendigen Klöster jener Zeit Aufschluss gibt, ist der Klosterplan von St. Gallen. Er spiegelt den Grundriss und den Aufbau eines benediktinischen Großklosters im Mittelalter wieder. Der Plan ist ein idealer Entwurf für eine Klosterstadt. Eine Blaupause, die für Jahrhunderte das Schema europäischer Klosterarchitektur festschrieb.

Obwohl der Klosterplan die Idealform eines Benediktinerklosters abbildet, entspricht er keiner realen Klosteranlage vollständig. Der Plan, der heute zum Nationalschatz der Schweiz gehört, wurde im 9. Jahrhundert in einem Skriptorium des Bodenseeklosters Reichenau gezeichnet und dem damaligen Abt des bedeutenden Klosters St. Gallen gewidmet.

Klösterliche Menagerie

Der mit roter Tinte auf Pergament gezeichnete Klosterplan enthält neben dem sakralen Teil weitere 55 Gebäudetypen mit Einrichtungen zur Bildung, Krankenversorgung, Viehhaltung, Weiterverarbeitung und Beherbergung. Die rund 350 Beschreibungen ordnen jedem dargestellten Gebäude seine genaue Funktion zu. Das ideale Benediktinerkloster wird in der Mitte des Plans von einer großen Kirchenanlage dominiert.

Um die Kirche scharen sich die unmittelbaren Räume klösterlichen Lebens: der Klausurbereich mit Abthaus, Kreuzgang, der Speisesaal (Refektorium), der Schlafsaal, die Latrinen, die Gebäude für die Novizen und die Kranken.

Darüber hinaus finden sich umfangreiche Stallungen für Nutztiere und Volieren für Geflügel, ein Kräutergarten, Kornkammern, eine Bäckerei, eine Mühle, eine Brauerei, Küchen und diverse Werkstätten.

Getreu der Benediktregel "Die Sorge für die Kranken muss vor und über allem stehen: Man soll ihnen so dienen, als wären sie wirklich Christus" wird der medizinischen Versorgung viel Raum gewährt. Das ideale Kloster besitzt ein Arzthaus mit Apotheke, eine Kapelle der Kranken, Küche und Badehaus der Kranken, ein Hospiz für Pilger und Arme, und neben dem berühmten Kräutergarten für medizinische Zwecke sogar ein Aderlass-Haus.

Klosterbau in Meßkirch am Bodensee

Seit 2013 wird der Klosterplan St. Gallen originalgetreu nachgebaut und zwar genau so, wie die Klosteranlage im berühmten Plan aus dem 9. Jahrhundert aufgezeichnet ist. Die Idee dazu hatte der Journalist Bert M. Geurten. Nach dem Vorbild eines Burgnachbaus im französischen Guédelon entsteht die Klosterstadt in Meßkirch am Bodensee mit den Baumethoden und dem Baumaterial des frühen Mittelalters.

Das Projekt wird von Campus Galli e.V. getragen, einem eingetragenen Verein, der mithilfe öffentlicher Zuschüsse das Bauvorhaben begonnen hat. 2013 wurde zunächst mit dem Bau der Klosterkirche aus Holz begonnen. Die gesamte Bauzeit für das Kloster wird voraussichtlich etwa 40 Jahre betragen.

Campus Galli in Meßkirch

Für das Projekt wurden 24 Hektar Land in Meßkirch gepachtet. In 19 Stationen sollen die verschiedenen Handwerker ihre Arbeit verrichten, so wie man das im frühen Mittelalter tat. Das gesamte Baumaterial und Werkzeug wird selbst hergestellt. Selbst das Eisen wird aus dem Bohnenerz vor Ort gewonnen.

Die Baustelle kann von den Besuchern gegen Bezahlung besichtigt werden. Im Jahr 2018 besuchten 83.000 Gäste die Klosterstadt-Baustelle, 2019 waren es mehr als 90.000. Auch Mitbauen ist möglich: Freiwillige können Holz bearbeiten, schmieden, Steine behauen, Körbe flechten oder auf dem Acker helfen.

Foto einer Handwerkstation mit Besuchern im Campus Galli.

Auch Besucher können mitbauen

Was wird gebaut?

Im Mittelpunkt des Klosterplans aus der Karolingerzeit steht die Klosterkirche. Da der Plan den Idealtyp einer Klosterstadt abbildet, sind nahezu alle Gebäude erfasst, die man damals in einem Gesamtensemble brauchte.

Insgesamt werden 52 Gebäude gebaut, von der Eremitage über ein Krankenhaus bis zum Hühnerstall. Außer der Kirche, die zunächst aus Holz und später aus Stein errichtet wird, sind alle anderen Gebäude in Holzbauweise geplant, wie es im frühen Mittelalter üblich war.

Klosterstadt-Baustelle Campus Galli

Campus Galli ist Freilichtmuseum und Forschungsprojekt zugleich

Bauen wie im Mittelalter

Wie aufwändig und mühselig die Arbeit auf einer mittelalterlichen Baustelle war, kann man am Beispiel des Burgbauprojektes Guédelon bereits sehen. Seit 1997 wird nahe der französischen Gemeinde Treigny im Départment Yonne mittelalterlich gebaut.

Da die Burg nach einem Plan aus dem 13. Jahrhundert entsteht, sind die Arbeitstechniken bereits weiter entwickelt als zu der Zeit, in der der Klosterplan Sankt Gallen gezeichnet wurde.

Quelle: SWR | Stand: 09.02.2021, 12:00 Uhr

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