Ignatianische Exerzitien – Interview mit dem Jesuiten Martin Föhn SJ

Portraitaufnahme von Martin Föhn SJ.

Ordensleute

Ignatianische Exerzitien – Interview mit dem Jesuiten Martin Föhn SJ

Von Claudius Auer

Mit den „Geistlichen Übungen“ entwickelte Ignatius von Loyola eine Methode für den meditativen und spirituellen Weg zu sich selbst und zu Gott. Heute gibt es viele Exerzitienhäuser, die diesen Weg für jeden anbieten – auch für Nichtchristen.

Planet Wissen: Die Spiritualität der Jesuiten äußert sich in den "Geistlichen Exerzitien", oder "Exercitia spiritualia" auf Latein, ein berühmtes Buch von Ignatius von Loyola, das 1548 erschien. Was hat es damit auf sich?

Martin Föhn SJ: Ignatius selber sagt schon, dass es sportliche Übungen gibt, um den Körper zu trainieren und es gibt geistliche Übungen, um die Seele zu trainieren. Darunter versteht er Besinnungen, Betrachtungen und Gebete, die dem Menschen helfen mit sich selbst und mit Gott, der Quelle des Lebens selbst in Kontakt zu kommen.

In einem ersten Schritt helfen die Übungen das eigene Innere zu erforschen, die eigene Lebensgeschichte anzuschauen, sie aufzuräumen, anzunehmen und sich mit ihr zu versöhnen. Dies geschieht zusammen mit Gott. Das heißt, es werden biblische Texte meditiert, in denen Menschen Gott als Halt und Kraft in ihrem Leben erfahren haben. Wie zum Beispiel: «Gott ist mein Licht und mein Heil, vor wem sollte ich mich fürchten?» Psalm 27,  «Gott ist meine Kraft und mein Schild, mein Herz vertraut ihm» Psalm 28 «Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.» Matthäus 28,20. Sich von jemandem begleitet zu wissen, der einem hält und auf den man vertrauen kann ist existentiell, damit ich ehrlich auf mein eigenes Leben schauen kann.

Wie muss man sich das vorstellen? Wie laufen die Ignatianischen Exerzitien ab?

Klassische Ignatianische Exerzitien dauern zwischen sechs und zehn Tagen. Die längste Form dauert 30 Tage. Sie finden meistens in einem Exerzitienhaus in Gruppen von fünf bis zwanzig Personen statt. Es wird während der ganzen Exerzitien geschwiegen, so dass die Übenden wirklich bei sich selbst sind. Einmal pro Tag gibt es ein persönliches Gespräch mit der geistlichen Begleitung. Dabei wird über das gesprochen, was in den Teilnehmer/innen während ihrer Übungen vorgegangen ist, was sie bewegt hat. Und dort bekommen die Übenden auch ihre Textstellen und Aufgaben für die Gebets- bzw. Meditationszeiten des folgenden Tages. In der Regel handelt es sich um Bibelstellen, es können aber auch andere Texte oder Übungen sein. Pro Tag betet / meditiert jede Person für sich drei bis vier Mal je zirka 45 Minuten.

Die Themen, die in den Gebetszeiten und im Gespräch behandelt werden, sind sehr individuell und unterscheiden sich je nachdem, wo die Person gerade steht in ihrem Leben und welche Fragen sie mitbringt.

Wie funktioniert das Beten mit einer Text-, beziehungsweise Bibelstelle?

Eine unserer Hauptgebetsweisen ist die Betrachtung. Sie besteht darin, sich den Text wie eine Filmszene vorzustellen. Sich mit der ganzen Phantasie und all seinen Sinnen in diese Szene hineinzuversetzen. Dort angelangt, versuche ich zu hören, zu riechen, zu spüren und zu sehen, was dort vor sich geht. Die Bedürfnisse, Handlungen und Emotionen wahrzunehmen der Personen, die dort vorkommen.

Dann versuche ich wieder in mich hineinzuspüren und frage nach meinen eigenen Bedürfnissen. Vielleicht möchte ich von etwas geheilt werden, so wie ein Gelähmter, der in einer Bibelstelle geheilt wird (Mk 2,1-12). Mit diesem Bedürfnis gehe ich dann wieder in die Szene und versuche dort zu verweilen, mich selbst in die Situation hineinzuversetzen, zu sein wie dieser Gelähmte. Dann schaue ich, was ich empfinde, was mit mir geschieht. Man kann sich das ein bisschen vorstellen wie einen bewussten Tagtraum. Es gibt Dinge, die ich aktiv beeinflusse, wie das Einsteigen in den Text und es gibt Dinge, die ich passiv geschehen lasse und wahrnehme. Nach der Betrachtung schreibe ich mir in zwei, drei Stichworten oder Sätzen auf, was sich in mir bewegt und welchen Nutzen mir dieses Gebet gebracht hat und bespreche es dann später mit der geistlichen Begleitung.

Ein junger Priester sitzt mit gefalteten Händen vor einem aufgeschlagenen Buch.

Eine unserer Hauptgebetsweisen ist die Betrachtung, die darin besteht, sich den Text wie eine Filmszene vorzustellen

Wo liegt der Unterschied zu einer Psychotherapie?

Bei psychischen Erkrankungen sollte man unbedingt medizinische Hilfe suchen. Die Psychotherapie hilft dem Menschen unmittelbar durch die therapeutische Beziehung und die Gespräche, sein Leben zu stabilisieren und zu ordnen. Die Exerzitien wenden sich an Menschen, die Fragen an sich selbst und das Leben stellen. Sie ordnen und erweitern das Leben auf einer anderen, tieferen und umfassenderen Ebene. Diese Ebene ist zu Beginn weniger konkret, denn sie enthält auch die Beziehung zum Transzendenten, das die Endlichkeit und das Materielle der Welt übersteigt.

Für Ignatius war klar: Der Mensch kommt zur vollen Gesundheit nur durch Verbundenheit und Transzendenz, nur dadurch kommt er in seine volle Entfaltung und Menschwerdung. Deswegen meditieren wir die Texte, die für uns liebend, heilend, verzeihend, klärend und aufbauend sind.

Wie haben ihnen die Exerzitien konkret für ihr Leben gebracht?

Bevor ich in den Orden eingetreten bin, habe ich Religionspädagogik studiert. Dort habe ich viel theologisches, geschichtliches und philosophisches Wissen mitgekriegt. Doch erst durch die Exerzitien-Erfahrung ist mir wirklich bewusst geworden was es heißt, mit sich selbst und Gott in einer Beziehung zu sein. Die biblischen Geschichten wurden lebendig mit einem direkten Bezug zu meinem eigenen Leben. Die Exerzitien haben mir einen Raum geschaffen, in dem ich bewusster und unmittelbarer mit mir und dem Transzendenten in Beziehung treten konnte.

Finden sich diese Exerzitien nur beim Jesuitenorden?

Nein, mittlerweile werden sie von verschiedenen Orden sowie auch außerhalb des Ordens angeboten. Der Begriff ist allerdings nicht geschützt, so dass sich hinter „Exerzitien“ ganz verschiedene Akzentsetzungen verbergen können. Explizit „Ignatianische“ Exerzitien werden in der Regel allerdings auch so benannt.

Eignen sich die ignatianischen Exerzitien auch für Nicht-Jesuiten, also für jeden von uns? Wenn jemand Exerzitien machen möchte, was schlagen Sie vor?

Ja, die Exerzitien eignen sich für alle Menschen, die – so wie Ignatius sagt – ein offenes und freigiebiges Herz haben. Für alle die eine Sehnsucht nach einer Vertiefung ihres Lebens haben. Die auf der Suche sind nach der Quelle des Lebens. Wer Exerzitien machen möchte, kann zuerst eine Einführung besuchen. Wer bereits auf einem Weg ist, vielleicht regelmäßig betet oder meditiert kann auch direkt eine Woche Exerzitien machen. Viele Diözesen bieten zum Beispiel Exerzitien im Alltag an. Man nimmt sich dann jeden Tag etwa eine Stunde Zeit. Dies ist auch eine gute Einstiegsmöglichkeit.

SWR | Stand: 22.09.2021, 16:30

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