Die Jesuiten

Ordensleute

Die Jesuiten

Verehrt und bewundert, verachtet und gefürchtet: Den Orden der Jesuiten umgibt seit jeher eine ganz besondere Faszination. Der Spanier Ignatius von Loyola gründet 1540 den mächtigen Männerbund Societas Jesu und schon früh erfährt der Orden einen rasanten Aufstieg. Die Jesuiten spielen lange Zeit eine dominierende Rolle im Bildungssystem Europas, haben größten Einfluss auf die Mächtigen ihrer Zeit und engagieren sich in der Missionsarbeit in der Neuen Welt. Sie sind auf allen Gebieten erfolgreich. Umso erstaunlicher erscheint es, dass der Papst 1773 den Orden auflöst und verbietet.

Die Gründung des Ordens

Siegel an Kirchenfassade mit Cherub und Christusmonogramm

Siegel an Kirchenfassade mit Cherub und Christusmonogramm

Ignatius von Loyola und sechs Gefährten legen 1534 in einer kleinen Kapelle auf dem Pariser Montmartre ein Gelübde ab: Sie verpflichten sich zu Armut und Keuschheit und wollen zur Seelsorge ins Heilige Land. Da macht ihnen der Türkenkrieg einen Strich durch die Rechnung. Sie entscheiden sich, direkt nach Rom zu gehen, um sich ganz in den Dienst des Papstes zu stellen. Und der hat Hilfe bitter nötig. Es ist die Zeit der Renaissance. Die katholische Kirche steckt in der vielleicht größten Krise ihrer Geschichte.

Die Reformationsbewegungen nördlich der Alpen um Luther, Zwingli und Calvin bedeuten für die katholische Kirche eine existenzielle Bedrohung. Dem Papst fehlen die Mittel, die Reformation wirksam zu bekämpfen. Die alten Orden können auf die neuen Herausforderungen keine Antwort geben und in dieser Situation tritt Ignatius von Loyola mit seinem neuen Orden, der Societas Jesu (Gesellschaft Jesu), auf. Der Papst spürt, dass in dem jungen Orden um Loyola eine starke Kraft für die katholische Kirche im Kampf gegen die Reformation heranwächst. Er erkennt den Orden 1540 an.

Unterschied zu anderen Orden

Die Jesuiten verzichten auf den Ballast des Klosterwesens. Sie leben nicht im Kloster, sondern wollen örtlich ungebunden sein. Sie tragen kein Ordensgewand und verzichten auf das gemeinsame Chorgebet. Dadurch sind sie wesentlich flexibler als andere Orden. Auch deshalb, weil der Orden generalstabsmäßig organisiert ist, eine Folge von Loyolas früherem Leben als Soldat. Disziplin, Strenge und Gehorsam hat er in die Struktur des Ordens eingebracht. An der Spitze des Ordens steht der Generalobere, Weisungen erfolgen direkt von oben. Das System des Ordens beruht auf dem Prinzip strikten Gehorsams.

Das Ziel der Jesuiten ist es, in die Welt zu gehen, direkt zu den Menschen und dort zu helfen, wo die Not am größten ist. Und sie packen ein großes Problem ihrer Zeit an: die Bildung. Gerade der Klerus ist schlecht ausgebildet, öffentliche Schulen im heutigen Sinn gibt es noch nicht. An diesem Punkt setzen die Jesuiten an. Sie bilden Priester aus und schicken sie in die Welt. Überall, wo Jesuiten sind, entstehen sogenannte Kollegien, die Vorläufer heutiger Gymnasien.

Das Bildungswesen

Holzstich um 1840: Der Jesuit

Holzstich: Der Jesuit

Das Reizvolle an den Kollegien ist, dass sie von den Fürsten und Städten finanziert werden. Die Jesuiten stellen sich kostenlos zur Verfügung, sodass für Bildung kein Schulgeld bezahlt werden muss. Somit können auch die Kinder einfacher Leute auf die Schule gehen. Priester empfehlen begabte Kinder aller Schichten an die Kollegien. Die Jesuiten gehen auch in der Wissensvermittlung neue Wege. Sie verbinden religiöse Erziehung mit humanistischer Bildung und setzen dabei auf moderne Pädagogik - so spielt das Theater eine große Rolle an den Schulen. Die Schüler lernen alte Sprachen und die Inhalte der "septem artes liberales" (Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie, Astronomie) des Mittelalters, mit der Zeit beschäftigen sie sich auch mit Physik, Medizin und Rechtswissenschaft.

Auf der Suche nach neuen Erkenntnissen forschen die Jesuiten mit viel Erfolg in den Naturwissenschaften, zum Beispiel in der Astronomie. Der Jesuitenpater Christoph Schreiner entdeckt zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Sonnenflecken und berechnet die Umdrehungszeit der Sonne und ihre Achsenneigung. Viele Mondkrater und Mondgebirge tragen Namen von Jesuiten. Ihr ausgezeichnetes Bildungsniveau öffnet den Jesuiten auch die Pforten zu den katholischen Fürstenhäusern Europas. Die Fürsten wollen die besten Lehrer haben und holen sich viele Jesuiten als Beichtväter an ihre Höfe, weil sie auch als Ratgeber für die persönliche Lebensführung geschätzt sind. Der Vorteil für die Jesuiten: Aus dieser Position heraus haben sie viel Einfluss und stehen unter dem Schutz der Mächtigen.

Die Missionsarbeit in Südamerika und Asien

Matteo Ricci in Peking

Matteo Ricci in Peking

Im Zeitalter der Entdeckungen treibt es auch die Jesuiten in fremde Kontinente, um die Seelen der Menschen zu retten. Sie sind nicht die ersten Missionare in Südamerika, Schon Franziskaner, Benediktiner und Dominikaner waren dort tätig. Die Jesuiten haben aber einen ganz neuen Ansatz für ihre Missionsarbeit: Sie gehen nach dem Prinzip der Inkulturation vor. Das heißt, sie erforschen die einheimische Kultur und versuchen die Menschen aus ihrer Kultur heraus zu verstehen. Auf diese Weise versuchen sie Anknüpfungspunkte für eine Missionierung zu finden.

In Südamerika gründen sie sogenannte Reduktionen. Das sind Siedlungen, in denen die halbnomadischen Indios zum Schutz vor Sklavenjägern und den spanischen Siedlern angesiedelt werden. Die Jesuiten gründen auch hier Kollegien, unterrichten die Indios und lehren sie, von ihrer eigenen Landwirtschaft zu leben. Das System der Reduktionen hat 150 Jahre Bestand.

In China überzeugen die Jesuiten dank ihrer naturwissenschaftlichen Kenntnisse. Der Jesuitenpater Matteo Ricci, Astronom und Mathematiker, bereitet sich drei Jahre auf seine Mission in China vor. Er lernt die chinesische Sprache und befasst sich mit Kunst und Philosophie der Chinesen. 1583 reist er nach China und kann die Mächtigen des Landes mit seinen Kenntnissen beeindrucken. Die Jesuiten erhalten 1601 die Erlaubnis, nach Peking zu kommen. Sie tragen die einheimische Tracht, stehen in engem Kontakt mit der gesellschaftlichen Elite und feiern Gottesdienste in der Landessprache.

In den Augen anderer Orden lassen sie sich aber zu sehr auf die fremde Kultur ein. Franziskaner und Benediktiner beschweren sich deshalb beim Papst. Streitpunkt ist vor allem eine bestimmte Form der Ahnenverehrung, die den Jesuiten zum Verhängnis werden soll. Der Papst entscheidet im sogenannten Ritenstreit gegen die Jesuiten und verbietet die Tolerierung des Ahnenkults. Damit ist das Ende der Mission der Jesuiten in China besiegelt.

Auflösung des Ordens

Im 17. Jahrhundert ändern sich die Verhältnisse in Europa. Die Aufklärung ist auf dem Vormarsch. In den Augen der Aufklärer sind die Jesuiten nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Sie werfen den Jesuiten vor, eine unaufgeklärte klerikale Unterdrückung zu betreiben. Die Fürstenhäuser streben eine Nationalisierung der katholischen Kirche an und dabei sind die international tätigen Jesuiten im Weg. Die Zahl der Feinde nimmt zu. 1757 werden die Jesuiten aus machtpolitischen Gründen aus Portugal vertrieben, 1762 müssen sie Frankreich verlassen und 1767 werden die Jesuiten in Spanien verhaftet und deportiert.

Ruinen des Jesuiten-Kloster Trinidad

Ruine eines Jesuitenklosters in Trinidad

Nach 200 Jahren haben die Jesuiten auch das alte Feuer verloren, sie leisten ihren Gegnern keine große Gegenwehr. 1773 wächst der politische Druck auf Papst Clemens XIV. so stark, dass er keine andere Wahl hat, als den Orden aufzulösen. Immerhin finden viele Jesuiten Zuflucht in Russland und Preußen, weil Katharina die Große und Friedrich der Große nicht auf die Bildungseinrichtungen der Jesuiten verzichten wollen.

Wiederherstellung und Neubeginn des Ordens

Nach der Niederlage Napoleons in Waterloo 1815 kommen die restaurativen Kräfte in Europa zum Wirken, was auch den Jesuiten zugute kommt. Die katholische Kirche muss eine neue Ordnung finden, und wie im 16. Jahrhundert hoffen die Päpste nun wieder auf die Jesuiten als Stütze der katholischen Kirche. Langsam erholt sich der Orden, er besinnt sich auf seine alten Aufgaben und engagiert sich in den Bereichen Bildung, Missionierung und Wissenschaft. Die Jesuiten suchen die Nähe zu den Menschen, um so wieder Einfluss auf die Bevölkerung zu nehmen.

Aber der Orden soll nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder werden die Jesuiten aus verschiedenen Ländern vertrieben. 1872 erlässt Bismarck die Jesuitengesetze in Deutschland und verbietet den unliebsamen Orden, der als Stoßtrupp des Papstes der nationalen Idee schadet. Auch im Dritten Reich werden die Jesuiten verfolgt und einige Mitglieder wie Alfred Delp und Rupert Mayer verlieren ihr Leben.

Autor/in: Horst Basting

Stand: 28.11.2014, 12:00

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