Westeuropa

Elsass

Malerische Fachwerkdörfer, sanfte Berge, deftige Sauerkrautgerichte und Hänge voll mit Weinreben – das idyllische Elsass ist ein beliebtes Reiseziel für die Deutschen. Viermal wechselte das Elsass die Nationalität. Heute ist es eine besondere europäische Region.

Von Christiane Gorse

Zwischen Rheinebene und Vogesen

Wer ans Elsass denkt, hat vielleicht vor allem Weinberge vor Augen, wie sie sich an die Vorberge schmiegen: frischgrün im Frühjahr oder goldgelb im Herbst. Doch die rund 200 Kilometer lange Region westlich des Rheins ist mehr als nur ein Weinland, in dem sich hübsche Winzerdörfer aneinander reihen.

In der Ebene, bevor die Berge beginnen, beherrschen Ackerbau und Industrie das Land. Hinter der Weinbergkette erheben sich die Vogesen, das geologische Gegenstück zum Schwarzwald auf deutscher Seite. Hier laden Wälder zum Wandern ein und Kühe weiden auf den Almen, um die Milch für den berühmten Münsterkäse zu produzieren. Im Norden grenzt das Elsass an die Pfalz, im Süden an die Schweiz.

Die Vogesen sind das Gegenstück des Schwarzwaldes | Bildquelle: Imago/Kickner

Deutsch oder Französisch?

Einer der berühmtesten Elsässer, der Künstler Tomi Ungerer, hat einmal gesagt: "Das Elsass ist wie die Toilette Europas; immer ist es besetzt!" Viermal wechselte die Nationalität der Elsässer, mal waren sie deutsch, mal französisch.

Es gab eine lange Phase, da waren die Elsässer deutsch geprägt. Nach den Römern wurde das Gebiet westlich des Rheins nämlich von den Alemannen erobert, später war es Teil des deutschen Kaiserreichs. Erst nach dem Westfälischen Frieden geriet das Elsass im 17. Jahrhundert zunehmend unter französischen Einfluss.

Nach der Französischen Revolution wurde das Elsass schließlich in die französische Nation aufgenommen. Doch in den folgenden Kriegen wechselte die Zugehörigkeit des Elsass immer wieder: Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 wurde das Elsass wieder deutsch.

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg musste Deutschland das Elsass erneut abtreten. 1940 besetzten die Nationalsozialisten das Elsass bis 1944, und erst dieses dunkle Kapitel der Geschichte machte die Elsässer endgültig zu Franzosen.

Nach 1871 wurde das Elsass wieder deutsch | Bildquelle: akg

Tragödie

Die drei Kriege manifestierten die sogenannte "Erbfeindschaft" zwischen Deutschland und Frankreich. Die Leidtragenden waren besonders die Elsässer, denn die Kriege spalteten nicht selten die Familien: Die einen kämpften auf französischer Seite, die anderen auf deutscher. An der Front beschossen sich Brüder, Väter und Söhne.

Auch wenn heute die Zeit die alten Wunden geheilt hat, haben viele die Geschichten der Großväter nicht vergessen, die von ihrer Zwangsrekrutierung in die Wehrmacht erzählten. Denn erst die Gräueltaten der Nazis machten aus den Elsässern richtige Franzosen. Vorher pflegte man mehr die deutschen Traditionen und beharrte auf dem elsässischen Dialekt. Die französische Kultur war den Elsässern fremd. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man mit Deutschland nichts mehr zu tun haben.

1940 wurde das Elsass von Deutschland besetzt | Bildquelle: akg

Das Elsass wird europäisch

Von der wechselvollen Geschichte hat das Elsass aber auch profitiert. Schon 1949 wurde in Straßburg der Europarat gegründet. 1979 nahm das erstmals direkt gewählte Europäische Parlament seine Arbeit in Straßburg auf. Weitere wichtige europäische Institutionen wurden hier angesiedelt: der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, der deutsch-französische Kulturkanal Arte, das Eurokorps ...

1999 weihte der französische Präsident Jacques Chirac das neue Sitzungsgebäude des Europaparlaments ein, einen modernen Bau mit viel Glas direkt an der Ill, dem Fluss, der sich durch Straßburg schlängelt.

Auf die europäischen Institutionen sind die Straßburger heute stolz. Internationales Flair hat sich gebildet in der Stadt, deren Altstadt von hübschen Fachwerkhäusern geprägt ist.

Auch sonst hat die Grenzlage schon lange einen positiven Einfluss auf das Leben der Menschen. Besonders nach den Wirtschaftswunderjahren profitierte das (eher arme) Elsass vom florierenden Deutschland.

Moderne Architektur prägt das Europäische Viertel | Bildquelle: Imago/Westend61/JL Pfeifer

Die elsässische Sprache

"Krütt ùn Krütt ìsch zweierlei" (“Kraut und Kraut ist zweierlei"), oder: "S'Wassr loift nìt d´Barri nùff" ("Das Wasser läuft nicht die Berge hinauf"): Jeder Landstrich hat seine eigenen Sprichwörter, aber nicht jeder Landstrich hat auch seine eigene Sprache!

Ursprünglich ist das Elsässerditsch ein alemannischer Dialekt, heute ist es gespickt mit Lehnwörtern aus dem Deutschen und Französischen – ein Modernisierungseffekt. Noch vor einigen Jahrzehnten beherrschten rund 80 Prozent der Elsässer diesen Dialekt, viele mussten Französisch erst in der Schule lernen. Doch längst hat das Elsässisch an Bedeutung eingebüßt.

Heute spricht nur noch die Hälfte ihre ursprüngliche Sprache, in den Elternhäusern wird inzwischen Französisch gesprochen, ebenso in den Schulen. Nur einige Schulen gehen einen Sonderweg und bieten deutsch-französischen Unterricht an – nicht aber das Elsässerditsch.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, befürchten traditionsbewusste Elsässer, dann ist diese Sprache ausgestorben, zumal sie niemals verschriftlicht und mit einer festgelegten Grammatik versehen wurde, wie beispielsweise das Bretonische. Elsässerditsch ist eine gesprochene Sprache, und wenn sie nicht mehr gesprochen wird, gibt es sie nicht mehr.