Tierische Mediziner

Tierische Helfer

Tierische Mediziner

Pillen, Spritzen, Operationen: In manchen Fällen kann die Schulmedizin ihre Patienten trotz aller Fortschritte nicht heilen. Selbst modernste Technik vermag es oft nicht, Menschen zu helfen. Und während die Mediziner viel Geld für Forschung und Entwicklung aufwenden, übersehen sie bisweilen, wie einfach die Lösung mancher medizinischer Probleme sein könnte – wenn man sich auf die Hilfe von Tieren verlässt.

Ersatz für die Sinne

Die Medizin ist eines der größten Einsatzgebiete für tierische Helfer. Der mit Abstand dienstälteste Gefährte in diesem Bereich ist der Blindenhund.

Bereits in der Antike wurden Hunde als Begleiter für blinde Menschen eingesetzt. Das zeigen Wandmalereien aus Herculaneum, einer antiken Stadt nahe Neapel, auf denen ein Mann von einem Hund geführt wird. Die systematische Ausbildung von Blindenführhunden begann jedoch erst viel später, im 18. Jahrhundert.

Heute übernehmen Hunde noch viel umfassendere Aufgaben. Viele Menschen mit einer Hörbehinderung setzen zum Beispiel auf Signalhunde (Hearing Dogs). Diese werden darauf trainiert, verschiedene Geräusche – von der Türglocke bis zum Wecker – zu unterscheiden und auf sie zu reagieren.

Zuverlässig führen Signalhunde ihr Herrchen oder Frauchen zur Geräuschquelle oder zeigen eine Gefahr, zum Beispiel einen Feueralarm, durch bestimmtes Verhalten an.

Archiv: 26.10.2016. Ausbildung eines Blindenhundes, Blindenhund mit Ausbilderin am Straßenrand

Blindenhunde gibt es schon seit Jahrhunderten

Hufe statt Pfoten

Durch ihr enges Verhältnis zum Menschen meistern Blindenhunde ihre Aufgaben mit Bravour. Doch was machen eigentlich behinderte Menschen mit einer Hundehaarallergie?

Die Alternative kommt aus den USA, hat ebenfalls vier Beine und ist auch nicht viel größer als ein Hund: das Blindenpony. Obwohl das Konzept zunächst etwas seltsam klingt, findet es inzwischen auch in ganz Europa viele Anhänger. Denn die eingesetzten Mini-Ponys haben durchaus ihre Vorteile gegenüber dem klassischen Blindenhund.

Pferde haben generell eine höhere Lebenserwartung und können ihr Herrchen oder Frauchen im Idealfall bis zu 35 Jahre lang durchs Leben führen. Als Fluchttiere besitzen Pferde zudem ein weiteres Blickfeld als Hunde, da ihre Augen seitlich am Kopf liegen. Autos oder Radfahrer, die von der Seite auf den Blinden zusteuern, erkennen sie also besser.

Auch sind die kleinen Tiere sehr kräftig: Menschen, die zusätzlich zu ihrer Sehbehinderung auch körperlich eingeschränkt sind, können sich auf Hilfe zum Beispiel beim Aufstehen verlassen.

Frau mit Blindenpony steigt aus Straßenbahn.

Blindenpony im Einsatz

Ein Pony für die Uni

Blindenponys können ähnlich wie Hunde etwa 20 Befehle erlernen und ausführen. Damit sie auf glatten Oberflächen mit ihren Hufen nicht wegrutschen, tragen sie bei der Arbeit oft dicke Filzpantoffeln.

Einen weiteren Vorteil bieten die Ponys für manche Muslime, die Hunde als unrein erachten; ein Problem, das erst durch die Geschichte der blinden US-amerikanischen Studentin Mona Ramouni bekannt wurde. Da ein Hund für sie nicht in Frage kam, begleitet sie nun das 76 Zentimeter kleine Pony Cali zu den Vorlesungen.

Wird also der klassische Blindenhund bald ausgedient haben? Wohl kaum. Im Gegensatz zu Hunden werden die Ponys in Deutschland noch nicht als offizielles Hilfsmittel für Blinde anerkannt – auch wenn sie hierzulande bereits vereinzelt ausgebildet werden.

Und im Gegensatz zu Hunden können selbst diese Mini-Pferde nicht dauerhaft in einer Wohnung gehalten werden. Zwar sind sie größtenteils sogar stubenrein, aber ein großer Auslauf ist unerlässlich.

Hörsaal mit Studenten an Tischen. Neben Mona wartet ihr Blindenpony.

Blindenpony Cali besucht mit Mona die Universität

Tiergestützte Therapie

Es gibt noch viele weitere Handicaps oder Krankheiten, bei denen Tiere einen großen Dienst leisten können. Und es ist erstaunlich, wie viele verschiedene tierische Helfer dabei zum Einsatz kommen.

Die Delfintherapie ist wohl eine der bekanntesten tiergestützten Methoden in der medizinischen und emotionalen Betreuung. Vor allem Kinder mit körperlicher oder geistiger Behinderung profitieren vom Umgang mit den freundlichen Tümmlern.

Kritiker haben den Effekt der Therapie lange angezweifelt und machten die oft damit verbundene Urlaubsreise in sonnige Länder für den positiven Effekt bei den Patienten verantwortlich.

Eine Langzeitstudie an der Universität Würzburg konnte Anfang des Jahrtausends jedoch das Gegenteil beweisen. In Zusammenarbeit mit dem Delfinarium Nürnberg erprobten die Forscher die Therapie bei Kindern mit verschiedenen Handicaps, vom Down-Syndrom bis zum Autismus.

Das Ergebnis war erstaunlich: Durch den Umgang mit den Delfinen wurden die Kinder aufgeschlossener, selbstbewusster und mutiger. Auch ihr Sprachgefühl verbesserte sich in nur kurzer Zeit deutlich. Wie genau dieser positive Effekt der Tiere auf die Kinder entsteht, ist jedoch immer noch unklar und weiterhin Gegenstand der Forschung.

Schmusestunde für Senioren

Doch Delfine sind nicht die einzigen Tiere, die in der Therapie eingesetzt werden: Auch Hunde, Pferde und sogar Lamas haben bewiesen, dass sie insbesondere emotionale Blockaden bei Menschen mit und ohne Handicap lösen können.

Dieser Effekt ist auch ein Grund dafür, warum tiergestützte Therapiekonzepte inzwischen in vielen Seniorenheimen getestet werden. Besonders in der Demenzbehandlung haben sich hierbei deutliche Erfolge gezeigt.

Im Rahmen einer Studie des Instituts für Pflegeforschung der Universität Bremen bekamen die alten Menschen zweimal in der Woche Besuch von einem Kleintierzoo. Sie durften mit den Tieren spielen, sie streicheln oder füttern. Das Ergebnis: Die Bewohner wurden aktiver, kommunikativer, fühlten sich gesünder und waren emotional ausgeglichener.

ältere Frau streichelt Golden Retriever

Positive Effekte durch Tiere im Seniorenstift

Schuppige Hautärzte

Tierische Mediziner sind allerdings nicht immer plüschig oder niedlich – sondern in manchen Fällen auch glitschig. Die bis zu sechs Zentimeter lange Rötliche Saugbarbe ist ein kleiner Fisch aus der Familie der Karpfen, und sie hat sich als erstaunlich talentierte Hautärztin bewiesen.

Bei der Ichtyopathie (auch Knabberfisch-Therapie genannt) werden Hunderte der kleinen Fische eingesetzt, um Hautkrankheiten wie Schuppenflechte oder Neurodermitis zu behandeln. Denn Saugbarben verfügen über einen erstaunlichen Appetit auf abgestorbene Hautschüppchen, die sie den Patienten vom Körper knabbern.

Entdeckt wurde die Fähigkeit der Tiere im türkischen Ort Kangal, dem natürlichen Lebensraum der Fische. Dort lassen sich die Bewohner schon lange die Haut glatt knabbern – auch aus ästhetischen Gründen.

Diese Form der Therapie ist hierzulande hingegen noch recht neu und wird hauptsächlich von Heilpraktikern angeboten. Bei der Behandlung nimmt der Patient ein Bad in einem mit Thermalwasser gefüllten Becken. Etwa 300 bis 500 Fische baden mit ihm. Anschließend werden die gesäuberten Hautpartien mit ultraviolettem Licht bestrahlt.

Obwohl viele Patienten danach von einer Linderung ihrer Beschwerden berichten, ist die Ichtyopathie in der Schulmedizin noch immer umstritten – wie so viele tiergestützte Therapiemethoden.

Autorin: Jennifer Dacqué

Stand: 15.08.2018, 10:00

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