Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung

Das Logo der Anti-Atomkraft-Bewegung: Eine lachende rote Sonne auf gelbem Kreis mit der Aufschrift 'Atomkraft - Nein danke'.

Tschernobyl

Geschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung

Von Lothar Nickels

Die Anti-Atomkraft-Bewegung ist eine auf der ganzen Welt vertretene Bewegung, die ihren Ursprung in den USA hat. In Deutschland hat die Anti-AKW-Bewegung ihre Anfänge in den 1970er Jahren.

Nachholbedarf bei der Kernforschung

Bis zum Zweiten Weltkrieg war Deutschland in der Entwicklung von Kernenergie weltweit führend. Das änderte sich mit Kriegsbeginn, als viele Wissenschaftler – aus Gewissens- oder Abstammungsgründen – vor den Nationalsozialisten ins Ausland flohen. Nach Kriegsende war Deutschland jegliche Arbeit auf dem Gebiet der Kernenergie seitens der Siegermächte verboten.

Somit hatte die 1949 gegründete Bundesrepublik Deutschland großen Nachholbedarf in Sachen Atomstromforschung, waren sich die politischen Entscheidungsträger doch des wirtschaftlichen Potenzials der Kerntechnik für die Energiegewinnung sicher. Für den Wiederaufbau wurde reichlich Strom gebraucht. Im Auftrag der Bundesregierung gelang es 1954 dem Physiker Werner Heisenberg, die USA von der Aufhebung des deutschen Atomforschungsverbots zu überzeugen.

Konrad Adenauer

Unter Konrad Adenauer wurde das Bundesministerium für Atomfragen gegründet

Deutschland will die Kernenergie

Mit der Unterzeichnung der Pariser Verträge durch die Alliierten war dann der Weg für eine friedliche Kernenergienutzung der Deutschen frei. Um die Anstrengungen auf diesem Gebiet voranzutreiben, wurde 1955 unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) eigens eine Verwaltungsbehörde mit entsprechendem Aufgabenbereich gegründet.

Chef des neuen Bundesministeriums für Atomfragen wurde Franz Josef Strauß (CSU), der sein Amt mit ambitionierten Vorsätzen antrat: Bis 1970 sollten die ersten deutschen Atommeiler in Betrieb gehen. Der Glaube in die neue Technik schien grenzenlos. Sie galt als eine nahezu unerschöpfliche und saubere Methode der Energieerzeugung. Nachkriegsdeutschland war regelrecht im Atomfieber. Bereits 1961 ging das erste Versuchskernkraftwerk im unterfränkischen Großwelzheim ans Netz.

Der Widerstand gegen das Kernkraftwerk Wyhl

Bis zu Beginn der 1970er-Jahre rührte sich in der Bevölkerung wenig Widerspruch gegen die Kernenergie. Das änderte sich mit den 1969 gefassten Plänen für den Bau eines Atomkraftwerks im südbadischen Breisach. Einer Gruppe von atomkritischen Bürgern schlossen sich ortsansässige Winzer an.

Letztere befürchteten durch aufsteigende Wasserdampfschwaden der Kühltürme weniger Sonneneinstrahlung für ihre Weinstöcke und damit Ertragseinbußen. Gemeinsam sammelten sie Unterschriften und demonstrierten gegen das Bauvorhaben. Die Betreiberfirma entschied daraufhin 1973, das Projekt im zehn Kilometer entfernten Wyhl umzusetzen. Dort hatten die Bewohner natürlich Kenntnis von den Ereignissen im nahegelegenen Breisach.

Schwarzweißaufnahme: Demonstration Ostern 1975 in Wyhl gegen das geplante Kernkraftwerk Süd mit Holzschild: 'Kein KKW in Wyhl und auch nicht anderswo'.

Demonstration Ostern 1975 in Wyhl auf der Baustelle des geplanten Kernkraftwerks Süd

Daraufhin gründeten sich Bürgerinitiativen, es kam zu ersten Protestaktionen, Klagen wurden beim Verwaltungsgericht Freiburg eingereicht. Trotz des Widerstands starteten am 17. Februar 1975 die Bauvorbereitungen auf dem Gelände. Am Folgetag besetzten mehrere Hundert Atomgegner sämtlicher gesellschaftlicher Gruppen den Bauplatz, der durch entsprechendes Polizeiaufgebot geräumt wurde.

Die Fernsehbilder der Räumung sorgten deutschlandweit für Aufmerksamkeit und bescherten dem Anliegen der Demonstranten große Solidarität. Erstmals rückten die Risiken von Atomenergie in ein breiteres öffentliches Bewusstsein, was sich auch unmittelbar in Wyhl widerspiegelte.

Die Anfänge der Anti-Atom-Bewegung

Knapp eine Woche später kamen etwa 28.000 Demonstranten nach Wyhl, unter ihnen Bürger aus dem ganzen Bundesgebiet sowie der Schweiz und Frankreich. Einem Teil von ihnen gelang es, die Absperrung des Baugeländes zu durchbrechen und den Platz schließlich für neun Monate zu besetzen.

Das zeigte Wirkung: Schon im März 1975 wurde gerichtlich ein vorläufiger Baustopp verfügt. In den anschließenden mehrjährigen Gerichtsverfahren konnte juristisch jedoch nicht das endgültige Aus erwirkt werden.

Obwohl dem Bau damit rechtlich nichts mehr im Wege stand, änderte sich in den Folgejahren allmählich die Haltung der Politik in Baden-Württemberg dazu. Die ursprüngliche Atomeuphorie wich zunehmend der Erkenntnis, dass Kernenergie nicht beherrschbar ist. Wenn auch spät, entschied sich die Landesregierung 1994 doch endgültig gegen den Bau eines Atomkraftwerks.

Schon ab Mitte der 1970er Jahren hatte der Widerstand von Wyhl gezeigt, dass Bürger mit vereinten Kräften dem Staat durchaus etwas entgegensetzen konnten. Diese Erfahrung war die Initialzündung für eine bundesweite Bewegung gegen die Nutzung von Kernenergie in Deutschland.

Es gründeten sich weitere zahlreiche regionale Bürgerinitiativen und Verbände, die wiederum alle gemeinsam in einem losen und dezentralen Verbund die Anti-Atom-Bewegung ausmachten.

Die "Schlacht um Brokdorf"

1976 kamen im schleswig-holsteinischen Brokdorf 30.000 Atomgegner zusammen. Im Gegensatz zu Wyhl blieb es hier aber nicht friedlich. Das Aufeinandertreffen von Aktivisten und Polizisten eskalierte – mit zahlreichen Verletzten auf beiden Seiten. In der Presse war die Rede von der "Schlacht um Brokdorf".

Schwarzweißaufnahme: Großdemonstration gegen die Inbetriebnahme Atomkraftwerk Brokdorf am 28.02.2981.

Großdemonstration gegen die Inbetriebnahme des AKWs Brokdorf

Ein vorläufiger Baustopp entschärfte schließlich die aufgeheizte Situation. Die Arbeiten wurden aber nach vier Jahren wieder aufgenommen. Das konnten selbst etwa 100.000 Kernenergiegegner nicht verhindern, die 1981 in die Nähe von Brokdorf gekommen waren.

Erneut wurden die Proteste von gewalttätigen Auseinandersetzungen begleitet. Brokdorf nahm 1986 – als das erste Kernkraftwerk nach der Tschernobyl-Katastrophe – seinen Betrieb auf.

Proteste gegen AKWs und Endlager

Ihre Hochphase hatte die Anti-Atom-Bewegung aber in den 1970er Jahren. Nach den Protesten in Brokdorf richtete sich der Fokus auf das geplante AKW Grohnde in Niedersachsen. Es ist heute noch in Betrieb.

1977 demonstrierten 40.000 Menschen in Kalkar am Niederrhein gegen die Fertigstellung des sogenannten "schnellen Brüter". Obwohl der Bau bis 1986 beendet war, wurde die Anlage nie angefahren.

Zur zahlenmäßig beeindruckendsten Großdemonstration gegen Kernenergie mit bis zu 150.000 Teilnehmern kam es 1979 in der ehemaligen Hauptstadt Bonn.

Gegen Ende der 1970er Jahre erweiterte sich das Themenspektrum der Proteste. Ging es bis dahin in erster Linie um die Gefahr für Mensch und Umwelt durch den sogenannten GAU (größter anzunehmender Unfall eines Kernkraftwerkes), rückte nun der anfallende Atommüll und seine Lagerung beziehungsweise die Wiederaufarbeitung ins Zentrum der Anti-Atomkraft-Proteste.

Die Bekanntgabe von Gorleben in Niedersachsen als Standort für ein nukleares Entsorgungszentrum brachte 1979 den "Gorleben-Treck" ins Rollen. 350 Traktoren machten sich im Konvoi auf den Weg in die etwa 160 Kilometer entfernte Landeshauptstadt. Als sie nach sechs Tagen in Hannover einfuhren, zählte der Traktorenzug 500 Fahrzeuge und wurde von 100.000 Menschen friedlich empfangen.

Schwarzweißfoto des 'Gorleben-Trecks': Einem Treck von Bauern mit ihren Traktoren, sowie Studenten und Atomkraftgegnern.

Der "Gorleben-Treck" vereinte Bauern, Studenten und Atomkraftgegner

Keine zwei Monate später kam das Aus für die Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben, was für die Anti-AKW-Bewegung ein großer Erfolg war. Die Pläne für ein Atommülllager blieben jedoch bestehen und boten bis 2020 immer wieder Anlass für Protestaktionen. Dann schließlich wurde der Salzstock Gorleben doch als geologisch ungeeignet bewertet.

Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf: Verhärtete Fronten

Die Suche nach alternativen Standorten für Wiederaufarbeitungsanlagen gestaltete sich von da an immer schwieriger. In der Bevölkerung war ein kritisches Bewusstsein gegenüber der Atomenergie gewachsen. Stark dazu beigetragen hatten die Reaktorunfälle von Harrisburg und Tschernobyl in den Jahren 1979 und 1986.

Wie zuvor in Gorleben scheiterte 1989 deshalb auch im bayerischen Wackersdorf der Versuch, dort eine Wiederaufarbeitungsanlage zu errichten. Die Proteste wurden bundesweit von 100.000 Anhängern der Anti-Atomkraft-Bewegung unterstützt. Auch die Polizei erhielt Verstärkung durch Einheiten aus anderen Bundesländern. In Wackersdorf kam es 1986 zu heftigsten Gewalteskalationen zwischen Einsatzkräften und Demonstranten.

Fukushima besiegelt das Ende der AKWs

Der Anti-Atomkraft-Bewegung in Deutschland war es durch jahrzehntelange Bemühungen gelungen, große Teile der Bevölkerung vom Gefahrenpotenzial der Kernenergie zu überzeugen. Dabei setzte sie von Beginn an auch auf fachlichen Sachverstand, der von Wissenschaftlern eingebracht wurde, um die eigenen Argumente fundiert untermauern zu können.

Aufnahme des zerstörten Reaktorgebäudes Nr. 4 des Atomkraftwerks von Fukushima.

Das Unglück von Fukushima setzte in Deutschland einen Schlussstrich unter das Thema Kernenergie

Dadurch konnte der politische Druck auf die Entscheidungsträger erhöht werden, sodass diese allmählich von ihrem Pro-Atom-Kurs abweichen mussten. Spätestens 2011 war der ohnehin nicht mehr zu halten. Drei Monate nach dem Reaktorunfall bei Fukushima beschloss der Deutsche Bundestag den definitiven Ausstieg aus der Atomenergienutzung bis Ende 2022.

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