Ein angerritzter Kautschukbaum mit einer Schale, in der eine weiße Flüssigkeit aufgefangen wird

Gummi

Die Geschichte des Gummis

Bereits die Maya und die Azteken kannten Kautschuk, den Ausgangsstoff für Gummi. Für rituelle Spiele stellten sie daraus unter anderem Bälle her. Mit dem Gummi, wie wir es heute kennen, hatte dies jedoch noch nicht viel gemein.

Von Christina Lüdeke

Milch aus Bäumen, die weinen

Schon im 3. Jahrhundert nach Christus stellten die Maya Bälle aus Kautschuk her, wie archäologische Funde nahe Guatemala City belegen. Sie ritzten Bäume an, fingen deren Milch auf und ließen diese trocknen. Der Saft des Kautschukbaums verklumpte zu einer mehr oder weniger festen Masse. Die Maya nannten den Baum Caa-o-chu, weinender Baum.

Die ersten Seefahrer, die ab 1492 nach Amerika kamen, berichteten von Produkten aus Kautschuk. Bei seiner zweiten Reise in die neue Welt beobachtete Christoph Kolumbus Indios, die mit einem elastischen Ball spielten. Das war im Jahr 1495 auf Haiti.

Auch der spanische Eroberer Hernán Cortés berichtet vom Spiel mit dem hüpfenden Ball, dem er in den Ballspielhäusern des Aztekenherrschers Montezuma beiwohnen konnte. Für das elastische Material, aus dem die Bälle hergestellt wurden, zeigten weder Kolumbus noch Cortés besonderes Interesse.

Ein Maya-Tempel in Yucatán.

Schon die Maya kannten Gummiprodukte

Vom Vogelleim zum Heißluftballon

Den Ureinwohnern des heutigen Mexiko gelang es im 16. Jahrhundert, Stoff mit Kautschuk zu beschichten und diesen damit wasserabweisend zu machen. Zeitgleich diente Kautschuksaft in Asien als Vogelleim, also als Kleber zum Fangen von Vögeln. Erst dem Naturforscher Charles-Marie de la Condamine wurde jedoch bewusst, welchen Nutzen Kautschuk haben könnte.

1734 war Condamine zu einer Amazonas-Expedition aufgebrochen. Dort traf er auf Indianerstämme, die mit dem geronnenen Saft von Bäumen Boote abdichteten und für ihre Kinder Bälle formten. Der Forscher nahm Proben des Stoffs und untersuchte dessen Eigenschaften.

Für die Weiterverarbeitung in Europa war das Rohmaterial allerdings ungeeignet: Während des langen Transports wurde der Baumsaft zäh und fest und konnte daher nicht mehr verarbeitet werden. Mitte des 18. Jahrhunderts entdeckten zwei französische Forscher mehrere Lösungsmittel für Kautschuk, unter anderem Terpentin.

Damit ließ sich der Stoff formen und verarbeiten. Es entstanden verschiedene Produkte aus dem neuen Material, etwa Gummischuhe und -schläuche. Auch der Heißluftballon des Franzosen Jacques Charles, der am 1. Dezember 1783 zum Jungfernflug aufstieg, bestand aus Seide, die mit in Terpentin gelöstem Kautschuk bestrichen worden war.

Charles Goodyear erfindet die Vulkanisation

1823 stellte der Schotte Charles Macintosh einen mit Kautschuk beschichteten Regenmantel her. Bis heute sagen die Engländer daher auch "Macintosh" zu dem Kleidungsstück. Früher war die kautschukbeschichtete Kleidung allerdings vor allem bei warmem Wetter klebrig, bei Kälte wurde das Material brüchig. Eine ganze Reihe von Forschern experimentierte mit dem Rohstoff, um dessen Eigenschaften zu verbessern.

Einer von ihnen war Charles Goodyear. Auch er stellte zunächst mit wechselnden Geschäftspartnern Kleidung und andere Produkte aus Kautschuk her. Ein wirtschaftlicher Erfolg wollte sich jedoch nicht einstellen, weil auch Goodyears Waren der sommerlichen Hitze nicht standhalten konnten. Der Chemiker landete wegen Zahlungsunfähigkeit mehrere Male im Gefängnis. Als einer seiner Söhne im Alter von zwei Jahren starb, hatte die Familie nicht einmal das Geld für die Beerdigung.

Doch Goodyear experimentierte weiter mit Kautschuk und kombinierte das Material mit verschiedenen anderen Stoffen wie Blei und Salpetersäure. 1839 gelang ihm schließlich der Durchbruch: Er erhitzte Kautschuk gemeinsam mit Schwefel und erhielt einen geruchsarmen Stoff, der bei Kälte und Wärme elastischer und stabiler war.

Goodyear hatte die Vulkanisation erfunden – und damit das erste Gummi. Der Begriff Vulkanisation geht auf Vulcanus zurück, den römischen Gott des Feuers und der Schmiedekunst.

Einer Anekdote zufolge soll Goodyears Erfindung aus Versehen zustande gekommen sein, weil er den Kautschuk im oder auf dem Ofen schlicht vergessen hatte. Historisch belegt ist diese Geschichte jedoch nicht.

Brasilien: Todesstrafe für Samenraub

Die Entwicklung von luftgefüllten Autoreifen war eine Revolution im Autobau. Die Nachfrage nach Kautschuk stieg in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasant an.

Zu dieser Zeit stammte der Rohstoff vor allem aus dem Kongo und Brasilien. In dem südamerikanischen Staat wuchs der Baum, der sich am besten für die Kautschukgewinnung eignete: "Hevea brasiliensis". Brasilien verbot die Ausfuhr von Samen unter Androhung der Todesstrafe.

1876 gelang es dem englischen Abenteurer Henry Wickham dennoch, Samen außer Landes zu schmuggeln. In einem botanischen Garten in London wurden sie zum Keimen gebracht und in Ceylon weitergezüchtet. Diese Pflanzen bildeten den Grundstock für den Plantagenkautschuk außerhalb Südamerikas. Rentabel wurden diese Plantagen allerdings erst um 1900.

Schwarzweiß-Foto einer Kautschukplantage auf Samoa, 1907

Kautschukplantage auf Samoa, 1907

In den Urwäldern des Kongos dagegen gab es wilde Kautschukpflanzen, ähnlich wie in Brasilien. Seit 1885 war das Land im Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II. Dieser zwang die Einheimischen auf grausame Weise zur Kautschuk-Ernte: Seine Söldner nahmen Frauen und Kinder als Geiseln, brannten Dörfer nieder und amputierten Gliedmaßen wie Hände und Füße, um bestimmte Kautschukförderquoten durchzusetzen.

Erst als im Jahr 1908 der öffentliche Druck wuchs, fand das Schreckensregime von Leopold II. ein Ende, unter anderem aufgrund der Initiative des britischen Journalisten Edmund Morel und des Diplomaten Roger Casement.

Deutsche forschen an synthetischem Kautschuk

Schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts versuchten Forscher, Kautschuk synthetisch herzustellen. 1909 erhielt der deutsche Chemiker Fritz Hofmann das erste Patent auf diesem Gebiet.

Zunächst war der synthetische Kautschuk jedoch teurer als das Naturprodukt. Zudem war er weniger widerstandsfähig. An Bedeutung gewann der synthetische Kautschuk im Ersten Weltkrieg, als das Deutsche Kaiserreich keine Einfuhren mehr erhielt.

Mitte der 1920er-Jahre entwickelte die I.G. Farbenindustrie einen neuen Kunststoff mit dem Namen Buna. 1936 wurden die ersten Autoreifen aus Buna auf der Internationalen Automobil-Ausstellung vorgestellt.

Als Rohstoffe benötigten die Hersteller Kohle und Kalk – beides ist im ansonsten eher rohstoffarmen Deutschland vorhanden. Während des Zweiten Weltkriegs war Buna für das Land von immenser Bedeutung. Später, ab den 1960er-Jahren, nutzen die Hersteller vor allem Erdöl als Basis für synthetisches Gummi.

Zwei Hände präsentieren synthetischen Kautschuk - eine weiße, krümelige Masse.

Synthetischer Kautschuk besteht heute aus Erdöl

(Erstveröffentlichung 2012. Letzte Aktualisierung 01.07.2019)

Quelle: WDR

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