Bakelit – Urstoff der modernen Alltagskultur

Ein altes Telefon aus Bakelit

Kunststoff

Bakelit – Urstoff der modernen Alltagskultur

Von Thomas Kamp und Inka Reichert

Elfenbein und Edelhölzer waren im 19. Jahrhundert für das Gros der Bevölkerung zu teuer. Man suchte nach Ersatzstoffen, die edles Material vortäuschten und zugleich die Erzeugnisse für die breite Masse der Konsumenten erschwinglich machten.

Leo Hendrik Baekeland erfand den Kunststoff

Der Durchbruch gelang mit "Bakelit", dem ersten vollsynthetischen Kunststoff. Mittlerweile abgelöst durch moderne Kunststoffe, gelten Föhns, Aschenbecher oder Telefone aus dem Kunstharz heute als Sammlerstücke.

"Es ist geruchlos, es widersteht der Hitze, es brennt nicht, es ist dabei bedeutend billiger. Als Billardball steht es dem elfenbeinernen Ball nicht nach. Es kann zu Griffen, Knöpfen, Messergriffen verwendet werden. Aber die Anwendung des Bakelits für solche Luxusgegenstände hat mich wenig interessiert, solange es so viele wichtigere technische Anwendungen gibt", beschrieb der Chemiker Leo Hendrik Baekeland damals seine Erfindung.

Leo Hendrik Baekeland gilt als einer der Begründer der Kunststoffchemie. Der Flame wurde 1863 in Gent als Sohn eines Schuhmachers geboren und studierte Chemie an der Universität Gent. Zu seinen ersten Erfindungen zählt das "Velox-Papier" – ein extrem lichtempfindliches Fotopapier.

In Belgien wie den USA baute er Fabriken, die das fotografische Material herstellten. 1906 verkaufte Baekeland diese samt den Patenten an die Firma "Kodak". Finanziell abgesichert konnte er sich somit wieder ausschließlich seiner Forschung widmen.

Eine Porträtaufnahme von Leo Hendrik Baekeland.

Baekeland gab dem Bakelit seinen Namen

Wie Baekeland das Kunstharz entdeckte

Im Jahr 1905 entdeckte der Chemiker dann bei seinen Experimenten mit Phenolen und Formaldehyd, dass sich die beiden Stoffe zu langen Molekülketten verbinden. Die Kunstharzmasse, die entstand, konnte er anschließend in Formen pressen und durch Wärme und Druck härten. In Anlehnung an seinen Namen nannte Baekeland seine Erfindung "Bakelit".

Das entscheidende Patent für seine Entdeckung, das Hitze-Druck-Patent, verkaufte der Chemiker an die "Rütgerswerke" nahe Berlin. Denn dort hatte man sofort den Nutzen des neuen Materials erkannt. Bakelit, das elektrisch hervorragend isoliert, nicht brennt und sich bei Hitze nicht verformt, war perfekt geeignet für Ummantelungen, Schalter, Leiterplatten und Fassungen.

Gemeinsam gründeten die Rütgerswerke und Baekeland 1910 die "Bakelite GmbH", wenig später lief die Produktion an. Noch im Oktober des gleichen Jahres errichtete der Forscher in den USA die "General Bakelite Company". Dies war der Anfang der großindustriellen Herstellung des Kunststoffs.

Bakelit eroberte schnell den Alltag

Nach Auslaufen des Patents im Jahr 1927 breitete sich die Bakelit-Produktion schnell aus. In den 1930er Jahren gab es bereits mehrere hundert Presswerke in Deutschland.

Neben Isolationsmaterialien wurden Gebrauchsgegenstände aller Art gepresst. In vielen Ausstellungen lassen sie sich noch heute bewundern: in marmorierten Braun- und Rottönen gehaltene Dosen für Seife und Shampoo, Kästchen für Zigarren, Küchenwaagen oder Thermosflaschen.

Auch die Feldtelefone kamen zu Zeiten der Sowjets nicht ohne Bakelit aus. Der Werkstoff erleichterte sogar die Nazipropaganda: Bakelit ermöglichte 1938 eine günstige Massenproduktion des Volksempfängers VE 301, der "Goebbelsschnauze".

Wie in der Bundesrepublik erfreute sich der Kunststoff auch in der DDR großer Beliebtheit: So stellte man bis Ende der 1950er den Mixer "Mixette" her. Bis 1960 wurde von Siemens das bekannte Bakelit-Telefon W48 produziert.

Heute wird Bakelit nur noch für spezielle Anwendungen eingesetzt, die mechanische und thermische Belastbarkeit oder Brandresistenz erfordern. So findet sich das Kunstharz etwa in Schleifscheiben, Filterpapieren oder feuerfesten Materialien.

Weiterführende Infos

Stand: 01.07.2019, 11:07

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