Maskerade: Rollentausch auf Zeit
Planet Wissen (PW): Herr Oelsner, warum verkleiden sich Menschen?
Wolfgang Oelsner (W.O.): Weil wir Menschen eigentlich nicht auf Probe leben können. Es sei denn, der Mensch spielt. Spielen können Schauspieler und Kinder, aber der normale, etablierte Bürger kann das sonst nicht. Bis auf die wenigen legitimierten und ritualisierten Tage im Jahr, zu denen die Gesellschaft sagt: "Ja, wir verkleiden uns. Wir machen mal was anderes." Dann kann man sich selbst in einer anderen Rolle begegnen, man kann der Welt in einer anderen Rolle begegnen und kann sich dann mit der Welt auch einmal anders unterhalten.
PW: Welche unterschiedlichen Verkleidungstypen gibt es?
W.O.: Man kann nicht wirklich sagen, wie die Frau im Krankenschwesterkostüm charakterlich gestrickt ist. Das sind oft Tagesbefindlichkeiten, obwohl es natürlich ganz unterschiedliche Richtungen gibt. Man verkleidet sich gerne als das, was das Gegenteil zum normalen Leben darstellt oder auch umgekehrt, man möchte die Realität überhöhen: sich eine Feder an den Hut stecken und Prinz sein für einen Abend oder ein Eishockeyspieler mit Riesenmuskeln.
Das Kostüm gibt die Möglichkeit, eine neue Seite an sich auszuprobieren. Da ist man dann nicht mehr der schüchterne Schmitz, sondern der Rambo, der den Macho raushängen lassen kann, ohne sich ständig fragen zu müssen: Kann ich das? Darf ich das? Was sagen die Kollegen dazu? Man riskiert mal was, tut, was man sich sonst nicht traut. Die brave Angestellte trägt dann das Röckchen mal ganz kurz, rollt als neckisches Miezekätzchen niedlich das Schwänzchen. Das sind solche Gesten, die man sich aber im Alltag nicht auszuführen traut, wobei man immer sagen muss: Ich rede von Erwachsenen. Jugendliche haben da eine ganz andere Schwelle und in den Diskotheken ist eigentlich das ganze Jahr Ausnahmezustand, Karneval.
PW: Aber es gibt ja nicht nur die schönen Maskeraden, sondern auch ganz grässliche und hässliche.
W.O.: Mit unseren Verkleidungen ist es wie mit unseren Träumen: Sie sind nie eindeutig. Wir träumen ja sowohl das, was wir wünschen, als auch das, was wir fürchten. Beides ist eine spielerische Begegnung mit dieser anderen Welt, sodass ich mir das Gewünschte hole oder das, was ich fürchte, auf Probe schon mal bewältige, vielleicht auch das Böse zulasse. Die süddeutsche Fastnacht zum Beispiel ist beherrscht von Geister- und Horrormasken. Ursprünglich sollten diese Gestalten den Winter vertreiben. Aber es ist auch ein Spiel mit dem Horror an sich, ein Ausprobieren: Wie fühlt es sich an, mit wilden Kerlen, Unholden, Kobolden herumzuziehen und anderen Angst zu machen?
Es gibt Geisterzüge, zum Beispiel in Blankenheim, bei denen ein ganzes Dorf mit Bettlaken über dem Kopf herumzieht und etwas durchspielt, was ja im normalen Leben etwas sehr Gruseliges ist. Das ist wie Pfeifen im dunklen Wald. Die Psychologen nennen das auch die Identifikation mit dem Aggressor. Das, was mir eigentlich Angst macht, spiele ich nach. Das kann die Hexe sein, die alte Möhne, der Bettler oder die immer beliebten Todesmasken: Sensenmann, Skelett, Geist. Das ist einerseits wieder das Spiel mit dem Schrecken, andererseits aber auch der Wunsch, sich den Tod oder das Alter zum Freund zu machen, nach dem Motto: Besiegen durch Umarmen.
PW: Wie verändert sich der Mensch im Kostüm?
W.O.: Wir bewegen uns anders, wir gehen anders, wir verkleiden unter Umständen sogar unsere Stimme. Ich habe das mal sehr intensiv am eigenen Leib erlebt, als ich bei einer Kindergartenfeier meines Sohnes im Männerballett mittanzen musste. Es war ein sehr merkwürdiges Gefühl, sich in diesen hohen Schuhen, in Strumpfhosen, mit Tutu-Röckchen zu bewegen - alle sprachen auch plötzlich viel höher und weiblicher. Das war ein Spiel, bei dem man dem anderen Geschlecht mal kurz sehr nahegekommen ist. Man konnte nachempfinden, wie das wohl sein mag. Und alle waren froh, als sie die Klamotten dann wieder los waren.
Aber man verändert sich auch darüber hinaus. Wir kennen das doch alle: Sie stehen im Alltag an der Supermarktkasse und plötzlich merken Sie, dass Sie beobachtet werden. Da steht ein Vertreter des anderen Geschlechts und lächelt Ihnen zu. Fortan ist der Tag ein besserer. Sie packen anders ein, Sie fahren anders, Sie glauben wieder an sich. Man trägt aus solchen Momenten etwas mit in die andere Welt. So ist das auch im Karneval. Natürlich legt man das Kostüm wieder ab. Aber etwas von den Erfahrungen, die man darin gesammelt hat, von den Gefühlen, die man durchlebt hat, nimmt man mit in den Alltag und verändert sich dadurch unter Umständen auch ein kleines Stück. Die Erfahrung "ich könnte auch jemand anders sein" behalte ich über den Aschermittwoch hinaus - oder auch über den Discobesuch, den Empfang im Smoking oder eine andere Gelegenheit in besonderer Kleidung, denn wir verkleiden uns ja in gewisser Weise auch im Alltag immer wieder.
PW: Welche Rolle spielt die Erotik beim Verkleiden?
Über das Minikleid-Mädchen oder das Kätzchen, das Flirtbereitschaft signalisiert, haben wir ja schon gesprochen. Aber der Maskenflirt ist viel vielschichtiger: Der Flirt ist ja eigentlich ein Phänomen von Distanz und Nähe. Und durch den Ausnahmezustand, der im Verkleiden steckt, sind die alten Grenzen, die alten Codes aufgelöst. Je nach Verkleidung kann man dann den Flirtfaktor einsetzen, ohne dass es brenzlig wird. Der bis zur Unkenntlichkeit geschminkte Lappenclown zum Beispiel ist zunächst mal ein asexuelles Wesen. Man kann oft nicht erkennen, ob sich ein Mann oder eine Frau darin verbirgt. Dann kann man auch einmal Nähe riskieren, ohne dass direkt Erotik ins Spiel kommt und kann immer noch gucken, ob es funkt, ob man den Hebel noch umlegt oder ob man es einfach mal so genießt.
Politik und Erotik im Karneval (4'19'')
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Eine richtig schauerliche Hexe ist so unnahbar, dass sie ihr Gegenüber provozieren kann, ohne dass das gleich als Anmache erscheint. Das ist ein Spiel mit eingebauter Bremse, wenn man in Mann-Frau-Konstellationen denkt. Durch die Maskierung kann ich nicht wissen, mit wem ich es wirklich zu tun habe. Bei den alten höfischen Maskenbällen sah man darum der Demaskierung, dem Moment, in dem die Masken fielen, mit einer gewissen Angst entgegen: Auf wen hatte man sich da eingelassen? Wenn man den ganzen Abend mit einem als Frau verkleideten Mann getanzt und vielleicht sogar geschmust hätte, wäre das für einen Mann in der damaligen Zeit ausgesprochen peinlich gewesen.
PW: Die Maskerade geht gern mit Anarchie und Regelverstößen einher. Andererseits gibt es aber auch Kostüme, die mit einem Haufen Regeln und Auflagen versehen sind. Die Uniformierten, Gardisten und Grenadiere der Züge und Karnevalsvereine beugen sich doch einer hohen Disziplin. Wie passt das zusammen?
W.O.: Das sind kompensatorische Rangordnungen. In unserer freiheitlichen, demokratischen Gesellschaft gibt es keinen Uniformkult mehr. Aber es gibt nach wie vor eine Sehnsucht der Menschen, sich über die Uniform zu definieren, auch etwas darzustellen, was ich sonst mit meiner Person vielleicht nicht so ganz hergebe - ein sehr kindlicher Wunsch, aber wir können ihn nicht leugnen. Für mich ist da der Karneval oder auch das Schützenwesen ein wunderbares Ventil, wie man dieser Sehnsucht nachgeben kann, ohne dass es auch nur entfernt in der Wirklichkeit gefährlich werden könnte. Und es ist das bewusste Bekenntnis zur Persiflage. Dass das von einigen Garden so nicht eingehalten wird, die sich dann wirklich militaristisch gebärden, ist eine andere Geschichte. Es läuft immer unter dem Oberbegriff: Wir machen eine Persiflage auf das Militär. Deswegen sind Bräuche so etwas Tolles.
Interview: Barbara Garde, Stand vom 06.11.2009









