Armut in Deutschland
Die Armut wächst
Laut des dritten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung galten im Jahr 2005 ganze 13 Prozent der Bevölkerung als arm. Weitere 13 Prozent werden nur durch Sozialtransfers wie Kindergeld oder Arbeitslosengeld II vor dem Abrutschen in die Armut bewahrt. Die Tendenz ist steigend: 2002 galten 12,7 Prozent als arm, 1998 noch 12,1 Prozent. Besonders alarmierend: Jedes sechste Kind ist arm oder von Armut bedroht. Bei den Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren sind es sogar noch mehr: Bei ihnen gilt jeder vierte als arm. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef wächst die Armut von Kindern in Deutschland sogar stärker als in den meisten anderen Industrieländern. Auch die Altersarmut ist in Deutschland gestiegen: von 11,4 Prozent im Jahr 2003 auf 13 Prozent im Jahr 2005. Neuere Zahlen liegen bislang noch nicht vor. Der vierte Armuts- und Reichtumsbericht soll erst 2011 erscheinen.
Wann ist ein Mensch "arm"?
Der Begriff Armut lässt sich nicht eindeutig definieren. Wirtschaftlich betrachtet ist Armut eine "Mangelversorgung mit materiellen Gütern und Dienstleistungen". Generell gibt es eine Unterscheidung zwischen "absoluter Armut" und "relativer Armut".
"Absolute Armut" bedroht die physische Existenz. Als "absolut arm" gelten Menschen, die pro Tag weniger als einen US-Dollar ausgeben können. In Wohlstandsgesellschaften wie in Deutschland wird Armut meist als "relative Armut" definiert. Die "relative Armutsgrenze" bezieht sich auf statistische Zahlenwerte wie das durchschnittliche Einkommen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO bezeichnet denjenigen als arm, der monatlich weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens seines Landes zur Verfügung hat. Die OECD-Skala der "Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung" geht dagegen von 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens aus.
Diese Armutsgrenzen sind jedoch umstritten. Weil die sogenannte Einkommensarmut den gesellschaftlichen Status nicht genügend wiedergibt, versucht man mit dem "Lebenslagenkonzept" eine weitere Beschreibung. Dieses Konzept interpretiert Armut als Unterversorgung in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel in den Bereichen Wohnen, Bildung, Gesundheit, Arbeit, Einkommen und Versorgung mit technischer und sozialer Infrastruktur. Eins haben fast alle Versuche, das Problem "Armut" zu beschreiben, gemeinsam: Es geht um die ungleiche Verteilung von Chancen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Wen trifft Armut am häufigsten?
Früher waren in besonderem Maß ältere Frauen von Armut betroffen. Es hieß, "Armut ist alt und weiblich". Heute ist Armut jung, man spricht von "Infantilisierung" der Armut. Wer viele Kinder hat oder allein erziehend ist, trägt ein größeres Armutsrisiko als kinderlose Menschen oder Ehepaare, die gemeinsam ihre Kinder aufziehen können.
Wesentliche Ursache für ein erhöhtes Armutsrisiko bleibt die Arbeitslosigkeit. Laut des dritten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung lebten 43 Prozent der Arbeitslosen im Jahr 2005 in Armut oder an der Armutsgrenze. Eine entscheidende Rolle für die Situation spielt das Bildungsniveau des Einzelnen: Wer über einen niedrigen Bildungsstand verfügt, ist stärker gefährdet in die Armut abzugleiten. Denn gute Bildung und Ausbildung sind noch immer die besten Garanten für einen Arbeitsplatz.
Sehr gefährdet sind zudem wohnungslose Menschen, Ausländer und in Zukunft – durch die Gesundheitsreform und die Anpassung der Renten – wieder verstärkt alte Menschen, chronisch Kranke und Behinderte. Häufig kommen gleich mehrere Belastungen zusammen, wie geringes Einkommen, ungesicherte oder schlechte Wohnverhältnisse, Verschuldung, chronische Erkrankungen, psychische Probleme und soziale Ausgrenzung.
Ist Armut ein Teufelskreis?
Wer erst einmal auf staatliche Unterstützung angewiesen ist, hat es oft schwer, sich aus dieser Abhängigkeit wieder zu befreien. Eine der schlimmsten Auswirkungen von Armut ist der Verlust der eigenen Wohnung. Ein Teufelskreis: Wer obdachlos ist, bekommt keinen Job. Wer keinen Job hat, wird nur sehr schwer eine Wohnung bekommen oder kann sich erst gar keine leisten. Oft bekommen die Betroffenen das Gefühl, ihre Situation selbst zu verschulden. Dieses Gefühl wird ihnen auch von Außen vermittelt. Viele sind deprimiert und verunsichert, vor allem, wenn sich ihre Lage jahrelang nicht verändert hat. Prof. Dr. Gerhard Trabert, der den Verein "Armut und Gesundheit in Deutschland" ins Leben gerufen hat, kommt bei seiner Arbeit täglich mit solchen Fällen in Berührung. Seiner Meinung nach brauchen diese Menschen vor allem jemanden, der an ihre Fähigkeiten glaubt: "Wichtig ist, diesen Menschen Wertschätzung entgegen zu bringen, ihnen das nötige Selbstbewusstsein zu vermitteln, sich aus diesem Teufelskreis wieder heraus zu bewegen."
Wie kann die Situation verbessert werden?
Jeder kann einen Beitrag leisten, die Situation zu verbessern. Eine Möglichkeit ist es, Geld oder Kleider an eine der vielen Wohlfahrtsorganisationen zu spenden, zum Beispiel an die Caritas, die Arbeiterwohlfahrt oder das Rote Kreuz. Es müssen aber nicht unbedingt Spenden sein. Wer sich persönlich engagieren will, kann bei den gleichen Verbänden ehrenamtliche Mitarbeit anbieten. Dort können Interessierte zum Beispiel in der Kleiderkammer tätig werden oder bei der Essensausgabe in einer Suppenküche helfen. Auch im kleineren, privaten Rahmen gibt es genug Möglichkeiten zu helfen, zum Beispiel in der Schule. In vielen Klassen gibt es Schüler und Schülerinnen aus sozial benachteiligten Familien, die Unterstützung von außen benötigen. Damit die Betroffenen sich nicht "outen" müssen, könnte die Klasse beziehungsweise der Lehrer oder die Lehrerin für einen "Sozialfond" sammeln, schlägt Gerhard Trabert als eine Möglichkeit vor. Mit dem Geld könnten Klassenfahrten finanziert werden, Schreibutensilien oder Bücher. Neben solchen praktischen Hilfsangeboten wäre es wichtig, dass Armut in der Gesellschaft zum Thema wird. Die Betroffenen sollten auch psychisch unterstützt werden, meint Gerhard Trabert: "Wir sollten uns von Schuldzuweisungen entfernen und den Betroffenen mit Respekt begegnen."
Claudia Heidenfelder, Stand vom 28.01.2010
Sendung: Armut - Mitten in Deutschland, 07.11.2005









