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Kinderarmut in Deutschland

Vormittags sitzen sie mit knurrendem Magen im Schulunterricht, der kostenpflichtige Klassenausflug findet ohne sie statt und nach den Ferien bleibt ihr Blatt zum Thema "Mein schönstes Urlaubserlebnis" leer. In Deutschland erleben immer mehr Kinder hautnah, was es bedeutet, arm zu sein.

Ein Junge sitzt vor einem Suppenteller. (Rechte: picture alliance)

Ausgewogene Ernährung ist keine Selbstverständlichkeit

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Arm ist nicht gleich arm

Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt und hat soziale Sicherungssysteme, dank derer eigentlich niemand hungern oder auf der Straße schlafen müsste. Trotzdem ist das Problem der Kinderarmut in Deutschland aktuell. Denn arm sein bedeutet bei uns etwas völlig anderes als in Afrika.

Die vom deutschen Jugendinstitut in Auftrag gegebene Untersuchung "Kinderarmut in Deutschland" von 2009 hat herausgefunden, dass über 25 Prozent der Kinder bis 15 Jahre vom sogenannten Armutsrisiko betroffen sind. Das bedeutet: Das Einkommen der Familie des Kindes liegt unter 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Dieses liegt laut dem 3. Armutsbericht der Bundesregierung von 2008 je nach Berechnungsmethode zwischen 780 und 980 Euro monatlich.

Von "relativer Armut" spricht man, wenn einer Familie weniger als 40 Prozent des Durchschnitteinkommens im Monat zur Verfügung steht. Die "absolute Armut", besteht dann, wenn Menschen nicht genug zu essen haben, und deshalb ihre Gesundheit gefährdet und ihr Leben bedroht ist. Nach den Berechnungen der Weltbank sind das Menschen, die weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag verdienen.

Mutter geht mit Sohn an der Hand über Parkplatz (Rechte: WDR/dpa)

Alleinerziehende sind besonders armutsgefährdet

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Was verursacht Kinderarmut?

Arbeitslosigkeit oder ein niedriges Einkommen sind die Hauptgründe für fehlendes Geld in den Familien und damit auch die wichtigsten Auslöser für Kinderarmut in Deutschland. Durch die Abhängigkeit von ihren Eltern steht und fällt das Wohlbefinden der Kinder immer mit dem finanziellen und gesellschaftlichen Zustand der Erziehungsberechtigten. Die Studie "Kinderarmut in Deutschland" belegt, dass Familien mit Migrationshintergrund, Alleinerziehende und Familien mit drei oder mehr Kindern besonders armutsgefährdet sind.

So erscheint der Übertrag der Studienergebnisse in den Alltag einfach und fast schon klischeehaft: Viele Kinder verursachen natürlich viele Kosten. Alleinerziehende Elternteile können entweder nicht genug Geld verdienen, weil sie ihre Kinder betreuen, oder die Kinder werden vernachlässigt, weil ihre Eltern viel arbeiten. Ausländische Familien haben Schwierigkeiten mit Sprache und Kultur, also leiden die schulischen Leistungen der Kinder und die Integration wird behindert.

In jedem Fall steht ein persönliches Schicksal hinter der Statistik. Stets gilt: Arm ist nicht gleich arm. Zusätzlich zur materiellen Armut gibt es Eltern, die aus mangelndem Verantwortungsbewusstsein, Unwissenheit oder wegen persönlicher Probleme ihre Kinder vernachlässigen, mit leerem Magen aus dem Haus schicken und nicht genug fördern. Hier sind die Kinder nicht nur finanziell, sondern auch emotional benachteiligt. Doch oft ist die Armut von den Eltern nicht selbst verschuldet worden und die meisten tun alles, damit ihr Nachwuchs so wenig wie möglich von den finanziellen Sorgen spürt.

Mädchen mit streitenden Eltern im Hintergrund (Rechte: mauritius images)

Streitpunkt Finanzen– auch für Kinder eine Stresssituation

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Was sind die Auswirkungen?

Die Kindheit ist für die Entwicklung eines Menschen entscheidend. In diesem Zeitraum werden wichtige Grundlagen für später gelegt. In den ersten Lebensjahren bilden sich im Gehirn Millionen von Nervenverbindungen, die darauf warten, benutzt und gekräftigt zu werden: Der Forscherdrang entsteht. Das ist erstmal keine Frage des Geldes. Toben, Spielen und Entdecken kostet nicht viel. Allerdings kann diese Entwicklung durch die Armut entscheidend gehemmt werden, wie das folgende fiktive Beispiel zeigt:

Nina ist genervt. Schon wieder streiten ihre Eltern. Es geht wieder einmal um Geld. Um das Geld, das Familie Fischer nicht hat, weil Herr Fischer wenig verdient und Frau Fischer ihre Berufsausbildung abbrechen musste. Ninas Geburt kam damals dazwischen. Durch die kleine Wohnung, in der Familie Fischer lebt, kann sich Nina nicht zurückziehen, sie teilt sich ein Zimmer mit ihrem kleinen Bruder.
Die 13-Jährige will ihre Eltern nicht mit zusätzlichen Problemen belasten und verschweigt, dass sie dringend neue Schulhefte und Stifte braucht. Den Ausflug mit ihrer Klasse in die nahegelegene Großstadt schwänzt Nina. Sie hat Angst, ohne Geld mit ihren Freundinnen auf Shoppingtour gehen zu müssen. Sie meldet sich in letzter Zeit oft krank, ihre Noten werden schlechter. Ihr großer Traum, Klavierunterricht zu nehmen, ist weit weg. Zu teuer! Zwei Wörter, die Nina sehr oft hört.
Ninas kleiner Bruder versteht die Zusammenhänge des Elternstreits zwar nicht, spürt aber den Stress und reagiert aggressiv. Bei den Vorsorgeuntersuchungen stellt der Arzt fest, dass der kleine Junge verhaltensauffällig ist.

Nina und ihr Bruder erleben das, was als Mangel an "Teilhabechancen" bezeichnet wird. Gemeint sind die Auswirkungen der Kinderarmut im Alltag, die nicht immer direkt mit der finanziellen Situation zusammenhängen müssen. Eine UNICEF-Studie zum Wohlbefinden von Kindern in Industrieländern aus dem Jahr 2007 hat die wichtigsten Entwicklungsbereiche benannt:

  1. Materielle Lage
  2. Gesundheit und Sicherheit
  3. Bildung
  4. Beziehung zu Eltern und Freunden
  5. Risiken im Alltag
  6. subjektives Wohlbefinden
Ältere Frau hilft Mädchen bei Hausaufgaben (Rechte: WDR/dpa)

Auch Unterstützung bei den Hausaufgaben hilft

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Was wird unternommen?

Mit Förderungen wie Kindergeld, Wohngeld, Unterhaltsvorschuss oder dem Sozialgeld für Kinder werden Familien vom Staat unterstützt. Doch die Kinderarmut steigt trotzdem. Aus dem vierten Armutsbericht der Bundesregierung geht hervor, dass im Jahr 2010 zwischen 17 und 20 Prozent der Kinder bis 15 Jahre in Deutschland vom Armutsrisiko betroffen waren. Damit gehört Deutschland im EU-Vergleich zu den Staaten mit unterdurchschnittlichem Risiko.

Die Kinderarmut zu bekämpfen und ihr vorzubeugen ist vor allem Aufgabe der Familienpolitik. Viele Konzepte und Ideen stehen zur Diskussion: Der Mindestlohn, Wohnungsbauprojekte zur Verhinderung sozialer Brennpunkte oder die Abschaffung kostenpflichtiger Mahlzeiten in Schulen und Kindergärten.
Diese Maßnahmen könnten dazu beitragen, dass aus armen Kindern keine armen Erwachsene werden. Der Blick in die Vergangenheit zeigt den Teufelskreis: Kinder aus sozial schwachen Familien bleiben oft lebenslang arm. Sie haben es unheimlich schwer, aus ihrem Milieu herauszukommen.

Jugendliche helfen Kindern (3'35'')

Auch Kirchen, gemeinnützige Organisationen, Schulen und Privatpersonen helfen, die Armut zu lindern. In vielen deutschen Großstädten schießen Kinderhilfswerke und soziale Einrichtungen aus dem Boden. Das christliche Kinderhilfswerk "Die Arche" ist allein in Berlin mit vier Anlaufstellen für bedürftige Kinder vertreten. Ein günstiger Einkauf in der Kleiderkammer, Hausaufgabenhilfe und eine Möglichkeit zum Reden vermitteln "Wohlbefinden auf Zeit". Elterninitiativen sorgen dafür, dass auch bedürftige Kinder Schulmittagessen bekommen.

Das klingt wie ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein. Aber für ein paar Kinder bedeutet es, dass sie eben nicht mit knurrendem Magen in der Schule sitzen müssen und sich endlich einmal auf den Unterricht konzentrieren können.

Daniel Schneider, Stand vom 18.04.2013
Sendung: Herr Spenner hat's geschafft – Vom afrikanischen Straßenkind zum Hamburger Lehrer, 18.04.2013

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