Ballaststoffe – Gut für die Verdauung?

Eine Schüssel voller Müsli mit Bananen und Blaubeeren

Probiotika

Ballaststoffe – Gut für die Verdauung?

Ballaststoffe in der Nahrung gelten als sehr gesund. Angeblich stimulieren sie die Verdauung, schützen vor Darmkrebs und senken überhöhte Cholesterinwerte. Doch was sich so gut anhört, können Studien nur sehr vage bis gar nicht belegen.

Darum geht's:

  • 30 Gramm Ballaststoffe pro Tag sollte jeder zu sich nehmen.
  • Zu viele Ballaststoffe können den Darm überfordern.
  • Studien belegen nicht, dass Ballaststoffe vor Darmkrebs schützen.

Ernährungsempfehlungen und Schuhgröße

Mindestens 30 Gramm Ballaststoffe jeden Tag, das zumindest empfiehlt die DGE, die "Deutsche Gesellschaft für Ernährung". Das klingt erst mal gar nicht so viel, ist aber genau betrachtet eine ganze Menge.

Um das zu verdeutlichen: 30 Gramm Ballaststoffe stecken zum Beispiel in je 30 Vollkornzwieback, in 17 gehäuften Esslöffeln Weizenkeimen, in 30 Esslöffeln Früchtemüsli oder anderthalb Kilo Äpfeln, in 750 Gramm Cornflakes oder in 21 Schüsseln Salat.

Mit den allgemeinen Ernährungsempfehlungen ist das ohnehin so eine Sache. Oft vergessen wir, dass sie sich an den Durchschnitt der Bevölkerung richten und somit nicht ohne Weiteres allgemein auf jeden übertragbar sind.

Genauso wenig wie die Empfehlung, dass jeder Schuhgröße 40 tragen sollte – auch wenn eine Menge Menschen damit sehr gut zu Fuß sind.

Zu viel des Guten ist schlecht, wie so oft

Ganz im Gegenteil. Das Müsli am Morgen ist nicht für jeden der ideale Start in den Tag. Hohe Ballaststoffmengen über lange Zeit können uns sogar krank machen. Das zumindest ist das Ergebnis, mit dem Ernährungsmediziner wie Dr. Maximilian Ledochowski in ihren Praxen konfrontiert werden.

Viele, die seit Jahren auf gesunde Ernährung achten, am liebsten ballaststoffreich den Tag beginnen und dann "vollwertig" weiteressen, überfordern damit ganz offensichtlich ihren Darm.

Ein Geschäftsmann auf einem weißen Sofa hält sich mit verzerrtem Gesicht den schmerzenden Bauch

Zu viele Ballaststoffe können den Darm überfordern

Zu viel des Guten ist schlecht, wie so oft. Irgendwann kann ihr Darm größere Ballaststoffmengen nicht mehr bewältigen. Er reagiert dann zum Beispiel mit Blähungen oder Durchfall.

Nach Erkenntnis von Dr. Ledochowski übertreiben wir es heute mit der sogenannten "Gesunden Ernährung". "Das Kernproblem liegt darin, dass eine Empfehlung ausgegeben wird, viele Ballaststoffe zu essen", beschreibt er die Situation.

"Jetzt versucht die Lebensmittelindustrie, ihre Produkte wertvoller zu machen und reichert diese mit Ballaststoffen an. Wenn das ein Hersteller macht, ist das in der Regel kein Problem.

Wenn aber alle oder die meisten Lebensmittelhersteller auf diesen Zug aufspringen, haben wir in der Summe zu viel Ballaststoffe. Und das führt dann zu Bauchbeschwerden, Reitzdarmsymptomatik, Blähungen und so weiter."

Entzündungen im Darm

Wer über Jahre hinweg große Ballaststoffmengen isst, kann ernste Probleme bekommen. Denn sie sind keineswegs nur unnötiger Ballast, der den Körper unverändert wieder verlässt.

Ballaststoffe wandern in den Dickdarm und werden dort von Bakterien größtenteils vergoren. Dabei entstehen Gase, unter anderem Kohlendioxid.

Je mehr Ballaststoffe wir essen, umso mehr blähen die Gase den Dickdarm auf. So stark, dass die Schleimhautfalte zwischen Dick- und Dünndarm nicht mehr richtig schließt.

Der Nahrungsbrei fließt zurück in den Dünndarm. Dort verursachen die Dickdarmbakterien heftige Abwehrreaktionen. Über lange Sicht kommt es zu einer ständigen leichten Entzündung im Darm.

"Diese Reizdarmsymptome werden nach der derzeitigen Lehrmeinung als sehr harmlos hingestellt", erklärt der Innsbrucker Mediziner. "Es darf aber nicht vergessen werden, dass Reizdarmsymptome mit ganz milden Entzündungsreaktionen einhergehen.

Und diese Entzündungsreaktionen können sekundär zu Krankheiten führen wie Diabetes, Übergewicht, Depressionen, alles Erkrankungen, die wir als Zivilisationserkrankungen kennen."

Jeder sollte auf den eigenen Körper hören

Sind Ballaststoffe also doch nicht so gesund? Woher kommt dann der Glaube, sie seien ein idealer Schutz vor Darmkrebs?

Angefangen hat alles mit dem britischen Tropenarzt Denis Burkitt Ende der 1960er Jahre. Er beobachtete, dass afrikanische Ureinwohner mehr faserreiche Nahrung aßen als Europäer. Sie hatten mehr Stuhlgang und erkrankten viel seltener an Darmkrebs.

Er schloss daraus, dass eine ballaststoffreiche Ernährung bestimmte Krankheiten verhindern könne. Burkitts gewagte Hypothese wurde zur allgemeinen Lehrmeinung, die sich bis heute in unseren Köpfen hält.

Verschiedene Getreidesorten in einem Bündel

Getreide enthält viele Ballaststoffe

Und das, obwohl neuere Studien den Mythos vom positiven Effekt der Ballaststoffe längst zerplatzen ließen. "Es gab ursprünglich Studien, die gezeigt haben, dass Ballaststoffe vor Darmkrebs schützen", erklärt Dr. Maximilian Ledochowski.

"In letzter Zeit sind groß angelegte Studien durchgeführt worden, die diesen Zusammenhang aber nicht bestätigen konnten. Das bedeutet: Möglicherweise quält man die Patienten unnötig mit hohen Ballaststoffanteilen in ihrer Nahrung."

Auch die cholesterinsenkende Wirkung hat sich nicht bestätigt. Ebenso wenig wie der Schutz vor Osteoporose.

Im Gegenteil: Ballaststoffe binden Kalzium ab und hemmen dadurch dessen Aufnahme. Somit kann das Kalzium, das in der Osteoporose-Prophylaxe so hoch gepriesen wird, seine Wirkung nicht entfalten.

Trotz allem, es gibt keinen Grund, Ballaststoffe zu verteufeln. Jeder Mensch reagiert schließlich anders. Wer sich ausgewogen ernährt, hat ohnehin ausreichend davon, denn sie sind in den meisten Lebensmitteln enthalten.

Aber jeder sollte auf den eigenen Körper hören, statt strikt allgemeine Ernährungsempfehlungen zu befolgen. Denn die passen nun mal nicht auf jeden.

Autorin: Andrea Wengel

Stand: 17.07.2017, 12:10

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