Die Tomaten-Industrie

Die Geschichte der Tomate – eine Zeitreise Planet Wissen 04.05.2021 04:08 Min. UT Verfügbar bis 04.05.2026 SWR

Tomaten

Die Tomaten-Industrie

Von Angelika Wörthmüller

Tomaten halten oft nicht das, was ihre appetitliche rote Farbe verspricht. Geschmacklich und gesundheitlich bleiben industriell angebaute Tomaten unter ihrem Potenzial. Die Arbeitsbedingungen von Erntehelfern werfen überdies ethische Fragen auf.

Von der fremden Frucht zur Massenware – die Tomate

Die Italiener entdeckten in Europa als Erste die kulinarischen Vorzüge der fremden Früchte aus Südamerika. Dort fanden Tomaten im 16. Jahrhundert ihren Weg in die italienische Küche. In West- und Mitteleuropa gab es da noch Vorbehalte. Es herrschte der Aberglauben, Tomaten könnten "Liebeswahn" erzeugen; der alte plattdeutsche Name "Liebesappel" scheint dafür ein Zeugnis zu sein. So wurden Tomaten lange Zeit wenig genutzt.

In Deutschland zogen Tomaten erst im Zuge der Nahrungsmittelknappheit während der beiden Weltkriege vermehrt in deutsche Gärten ein. Bald erfreuten sie sich großer Beliebtheit. Anders im Gemüsehandel. Dort waren Tomaten wenig beliebt, weil die weichen Früchte zu schnell verdarben.

Heutige Tomaten sind Zuchtgewächse

Ihren Durchbruch verdankt die Industrietomate der Pflanzenzüchtung. Es gelang, Sorten zu gewinnen, die auch als reife Früchte genügend Druck aushalten, um beim Transport nicht zu zermatschen.

Der Anbau in Gewächshäusern schützte die Pflanzen außerdem vor Pilzbefall, und die Regulation von Feuchtigkeit und Temperatur bot stabilere Wachstumsbedingungen.

Viele rote Tomaten, die fast alle gleich aussehen.

Massenware Tomate – eine Frucht fast wie die andere

Die neuen Sorten und die neuen Anbaumethoden eröffneten die Chancen der Massenproduktion von Industrietomaten und verdrängten gleichzeitig die Freilandtomate, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zunächst gut etabliert hatte.

Zwischen 1960 und 1990 gab es sowohl in der DDR als auch in der BRD vorwiegend Freilandanbau. Auf einer Fläche von immerhin 1500 bis 2500 Hektar Land wurden Tomaten für den Verkauf produziert.

Erst nach der Wende schrumpfte die Tomaten-Anbaufläche stark zusammen. Im Jahr 2003 gab es wieder eine kleine Steigerung, doch die gesamte Anbaufläche für Tomaten blieb verschwindend gering: Nur 398 Hektar waren es im Jahr 2018 – das deckte nur zwölf Prozent des Bedarfs.

Tomatenanbau: Überdacht, beheizt, computergesteuert

Die Hälfte der in Deutschland verkauften Tomaten wird aus Holland importiert. Früher hatten sie einen schlechten Ruf und waren in den 1980er-Jahren als "Wasserbomben" verschrien. Heute kann die Holland-Tomate geschmacklich mit südeuropäischen Industrie-Tomaten mithalten.

Die Niederlande produzieren die Früchte in Gewächshäusern – unter Glas, beheizt, mit computergesteuerter Regulation von Temperatur und Nährstoffzufuhr. Die modernsten Anlagen Hollands gelten mitunter als Vorbild für die Landwirtschaft der Zukunft, weil sie bei hohen Erträgen mit weniger Pestiziden und Wasser auskommen.

Die Wurzeln dieser Industrie-Tomatenpflanzen stecken meist in Steinwolle statt in Erde. Mit der ursprünglichen Gartentomate, die unter freiem Himmel wächst, Wind und Luft atmet, hat diese Industrietomate nicht mehr viel gemeinsam.

Tomaten-Anbau von oben.

Tomaten-Anbau in den Niederlanden

Industrietomaten haben alte Sorten verdrängt

Die Massenproduktion von Tomaten konzentriert sich auf wenige Sorten, die sich effizient herstellen und gut transportieren lassen. Das hat Auswirkungen auf die Vielfalt.

"Durch die Entwicklung der Tomate zum Massenprodukt gingen viele alte Sorten verloren", sagt die Tomatenzüchterin Melanie Grabner. "Das ist gerade angesichts des Klimawandels problematisch. Wir berauben uns der ökologischen Vielfalt, die wir unbedingt brauchen, um gegen Trockenheit und intensivere Sonneneinstrahlung gewappnet zu sein."

Melanie Grabners Antwort darauf: Sie startete im Jahr 2000 eine Tomatensaatgut-Initiative. Mühsam trug sie altes Saatgut zusammen, besuchte private Gärtner, wälzte Kataloge und reiste bis nach Weißrussland, um alte Tomatenpflanzen zu finden, um deren Samen zu bewahren und Hobbygärtnern zur Verfügung zu stellen.

Marktstand mit vielen Tomatensorten.

Tomatenvielfalt – ein seltenes Bild

Schmutzige Geschäfte mit dem "Roten Gold"

Industrietomaten werden teilweise unter sehr fragwürdigen Bedingungen angebaut. In Apulien in Italien beispielsweise werden Tomaten von Migranten geerntet, die für wenig Geld unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen. Lange Arbeitstage, dürftige Behausungen, fehlendes Trinkwasser trotz großer Hitze sind durchaus üblich.

Lokale Gewerkschaften prangern das ausbeuterische System seit Jahren an, denn es verstößt gegen geltende Arbeitsschutz-Vorschriften. Auch aus Spanien, wo afrikanische Migranten auf den großen Tomatenplantagen arbeiten, gibt es Berichte über Verstöße gegen Lohn- und Arbeitsrechte.

Spanien ist der zweitgrößte Tomatenimporteur Deutschlands, aus Italien kommen vor allem Tomatenkonserven. Die günstigen Preise von Tomatenmark und Dosentomaten basieren auch auf den niedrigen Löhnen der Arbeiter. Tomatenproduzenten, die fairere Löhne zahlen, geraten aufgrund der Konkurrenz durch Billigproduzenten wirtschaftlich an ihre Grenzen.

Auch China verdient in großem Stil am "Roten Gold" – so werden Tomaten in Wirtschaftskreisen wegen der außerordentlichen Gewinnspannen genannt. China ist der mit Abstand größte Tomatenproduzent weltweit – obwohl die Früchte in der chinesischen Küche traditionell keine Rolle spielen. Von China aus werden die Früchte oft nach Italien transportiert und dort zu Konserven verarbeitet. Wenn sie dann in Deutschland in die Supermärkte kommen, gelten sie als italienische Tomaten. Auf den Etiketten ist nicht vermerkt, dass die Früchte in China angebaut wurden.

"Die Konserven gehen auch nach Afrika, zum Beispiel nach Ghana", berichtet Dr. Bernd Horneburg von der Universität Kassel. Dort zerstörten sie den lokalen Tomatenmarkt. "Vor allem Frauen sind die Leidtragenden, für die der Tomatenanbau meist die einzige Existenzgrundlage ist. Die billigen chinesischen Konserven nehmen ihnen die Kundschaft weg."

Blutige Tomaten Planet Wissen 04.05.2021 04:31 Min. UT Verfügbar bis 04.05.2026 SWR

Tomatenqualität durch regionalen Bio-Anbau

Wer Tomaten selbst anbaut, kommt nicht nur um ethische Bedenken herum, sondern genießt auch die geschmacklichen und gesundheitlichen Vorzüge der Früchte aus dem Eigenanbau. Gekaufte Tomaten aus ökologischem Anbau haben den Vorteil, dass sie ohne Pestizide angebaut werden.

Tomatenzüchter Dr. Bernd Horneburg von der Universität Kassel rät zu regionaler Bio-Qualität. "In jeder Region Deutschlands werden Tomaten angebaut, es muss keine Importware sein. Am besten man schaut gezielt nach Freilandtomaten aus der Region. Die haben auch noch die beste CO2-Bilanz."

Tomatenpflanzen im Garten.

Guter Tomatengeschmack durch Eigenanbau

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SWR | Stand: 16.04.2021, 15:30

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