Antisemitismus in Verschwörungsideologien

Zeichnung eines angeblichen Ritualmords

Verschwörungsideologien

Antisemitismus in Verschwörungsideologien

Von Martina Frietsch

Jahrhundertelang wurden Juden für Verbrechen, Seuchen und Unheil aller Art verantwortlich gemacht. Da die jüdischen Gemeinden in der mittelalterlichen Gesellschaft Europas häufig unter Restriktionen litten, fiel es leicht, sie zu Sündenböcken zu machen. Heute werden Menschen jüdischen Glaubens wieder zum Opfer von aberwitzigen Gerüchten, die sich teils nicht sonderlich von denen des Mittelalters unterscheiden.

Ein Verschwörungsglaube nimmt seinen Lauf

Ein Ereignis wurde zum Auslöser einer Verschwörungsvorwurfs gegen die Juden, die sich über Jahrhunderte halten sollte: 1144 wurde der englische Lehrling William im Wald von Norwich tot aufgefunden. Seine Mutter verbreitete das Gerücht, nur die Juden könnten dafür verantwortlich sein, ohne dass es für die Behauptungen Beweise gab.

Der Mord blieb ungeklärt. Einige Jahre später trat der Benediktinermönch Thomas von Monmouth auf den Plan. Er wollte Norwich zum Pilgerzentrum machen und erklärte den getöteten William zum Heiligen. Zu diesem Zweck musste der Junge aber grausam ums Leben gekommen sein, etwa durch einen Ritualmord.

Aufgrund der dünnen Beweislage konstruierte der Mönch durch Gerüchte und Vermutungen eine Verschwörungsvermutung, die besagte, dass Juden in einem religiösen Ritual Christen ermordeten.

Diese Vermutung fand immer neue Nahrung. Im 13. Jahrhundert behauptete der Dominikanermönch Thomas von Cantimpré, dass die Juden Christen in Ritualmorden töteten und das geopferte Blut an alle jüdischen Gemeinden verteilt werde.

Dass verschiedene Päpste die Juden immer wieder unter ihren Schutz stellten, konnte diese nicht vor Übergriffen schützen. Das letzte Judenpogrom wegen eines angeblichen Ritualmordes gab es in Polen direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. 41 Juden wurden dabei in der polnischen Stadt Kielce von aufgebrachten Christen getötet.

Juden – die Sündenböcke schlechthin

Juden waren über Jahrhunderte das Feindbild Nummer eins. Für Seuchen oder andere Katastrophen, die über die Menschen hereinbrachen, konnte es nur einen Schuldigen geben. Beim Ausbruch der Pest im 14. Jahrhundert bekamen die Juden den ganzen Hass ihrer nichtjüdischen Mitbürger zu spüren. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie die Brunnen vergiftet hätten und die Seuche so habe ausbrechen können.

Unter Folter wurden von einzelnen Juden "Geständnisse" erpresst, die deren verbrecherische Taten beweisen sollten. Für die mittelalterliche Bevölkerung war es verwunderlich, dass in jüdischen Stadtvierteln die Pest nicht so schlimm wütete. Doch das hatte lediglich mit der Tiefe der Brunnen zu tun.

Juden war es vorgeschrieben, aus religiösen Reinheitsgeboten Brunnen besonders tief anzulegen. So kamen die jüdischen Brunnen nicht mit dem durch Pesterreger verseuchten Oberflächenwasser in Berührung.

Selbst in Städten, die die Pest noch nicht erreicht hatte, blieben die jüdischen Bewohner nicht verschont. Man warf ihnen vor, sie planten bereits, die Brunnen zu vergiften.

Die "Protokolle der Weisen von Zion"

Ab dem frühen 20. Jahrhundert verbreitete sich die Theorie, dass die Juden nach der Weltherrschaft strebten. Als "Beweis" dienten "Die Protokolle der Weisen von Zion". Den Juden wurde unterstellt, dass sie das herrschende System in verschiedenen Ländern absetzen und die Weltherrschaft übernehmen wollten.

Lange wurde vermutet, dass die Schrift vom zaristischen Geheimdienst lanciert wurde. Tatsächlich basieren "Die Protokolle der Weisen von Zion" auf einer Satire, den "Gespräche(n) in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu" sowie anderen fiktiven Erzählungen.

Obwohl bereits mehrfach nachgewiesen wurde, dass "Die Protokolle der Weisen von Zion" eine Fälschung sind, haben sie eine schreckliche Breitenwirkung entfaltet.

So sollen die vermeintlichen Protokolle eine Rolle beim Mord an Walther Rathenau durch Anhänger der rechtsextremistischen "Organisation Consul" im Juni 1922 gespielt haben. Der Außenminister der Weimarer Republik wurde verleumdet, einer der "300 Weisen von Zion" zu sein. Allerdings war Rathenau schon vorher vielfach bedroht worden – nicht, weil er nach Macht strebte, wie unterstellt, sondern einfach, weil er Jude war.

Schwarz-weiß Aufnahme von Walther Rathenau

Rathenau wurde Opfer einer Verschwörungsideologie

Die Nazis nutzten die Schrift für ihre Propaganda und noch heute sind im arabischen Raum die Protokolle weit verbreitet, um das angebliche Streben der Juden nach der Weltherrschaft zu untermauern.

In Deutschland sind die Schriften verboten und seit 2001 auf dem Index der jugendgefährdenden Schriften zu finden. Ihre Verbreitung wird wegen des Aufrufs zur Volksverhetzung strafrechtlich verfolgt. Dennoch tauchten sie bei der Frankfurter Buchmesse 2005 auf dem Messestand eines staatlichen iranischen Verlages auf – ohne strafrechtliche Konsequenzen.

Die Leugner des Holocaust

Eine der am besten erforschten Zeit der neueren Geschichte ist das Dritte Reich mit dem Holocaust. Akribisch aufgearbeitet, durch überlebende Zeitzeugen geschildert, vielerorts durch Tatorte und Funde belegt. Doch immer wieder wird der Völkermord an den Juden geleugnet oder verharmlost – Behauptungen, die in Deutschland inzwischen unter Strafe stehen.

Doch die antisemitische Leugnung des Völkermords wird immer wieder mit abstrusen Verschwörungsideologien vermischt. Demnach sei der Völkermord eine Lüge, erfunden von den Alliierten, um Deutschland zu schaden. Alternativ: Alles sei erfunden, damit "die Juden" immer aufs Neue Wiedergutmachungszahlungen erpressen können.

Vielfach behauptet wird auch, es habe kein Giftgas gegeben und es sei nicht möglich gewesen, in Auschwitz so viele Leichen zu verbrennen. Immer treten auch Prominente als Holocaust-Leugner auf, beispielsweise der britische Historiker David Irving. Einer der in Deutschland prominentesten Leugner des Holocaust ist der ehemalige Radiomoderator Ken Jebsen, der auch zur Corona-Pandemie Verschwörungserzählungen verbreitete.

Jüdische Menschen sitzen in einer Synagoge.

Juden, die als Verschwörer hinter allem stecken – auch in unserer Zeit lässt sich diese Unterstellung nicht aus der Welt schaffen

New World Order oder der Griff nach der Weltherrschaft

Die Verschwörungserzählung von der jüdischen Weltherrschaft gibt es schon Jahrhunderte. Mal wird unterstellt, die Juden strebten sie an, mal wird behauptet es gebe sie bereits. Juden, die als Verschwörer hinter allem stecken – diese Unterstellung lässt sich auch im 21. Jahrhundert nicht aus der Welt schaffen.

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 machten manche Verschwörungsideologen sehr schnell jüdische Finanziers dafür verantwortlich. Bei den Anschlägen sei niemand jüdischen Glaubens im World Trade Center gewesen – diese Behauptung ist zwar falsch, kursiert aber nach wie vor.

Bei New World Order (NWO), jener geheimen Weltregierung, die bereits im Hintergrund die Strippen ziehen soll, sind sich die – überwiegend politisch sehr rechts stehenden – Verschwörungsideologen nicht so ganz einig. Mal besteht NWO aus Illuminaten, Freimaurern oder gar Reptiloiden, mal sind es Juden oder ganz schnöde Politiker ohne solche Merkmale.

Und eben jene geheime Regierung ist verantwortlich für alles Übel – für Kriege, Krankheiten, Katastrophen und mehr.

QAnon sieht Satanisten am Werk

Auch QAnon unterstellt Menschen jüdischen Glaubens, sie hätten – gemeinsam mit anderen Eliten – heimlich bereits die Weltherrschaft ergriffen. Die abenteuerlichen Unterstellungen erinnern sehr an den Antisemitismus im tiefsten Mittelalter: Die internationalen Eliten seien ein Netzwerk satanistischer Kinderschänder. Mit dem Blut der Kinder versuchten sie ihr eigenes Leben zu verlängern – dies ist der alte Vorwurf des Ritualmordes.

Menschen bei einer Demonstration; einer hält ein selbstgeschriebenes Blatt Papier mit der Aufschrift 'We are Q" in die Luft.

Die QAnon-Bewegung findet auch unter deutschen Verschwörungsideologen Anhänger

Zur verhassten Elite zählen die Verschwörungsanhänger von QAnon überwiegend Menschen jüdischen Glaubens, beispielsweise die Bankiersfamilie Rothschild oder den Milliardär George Soros. Die QAnon-Anhänger glauben ebenso, Angela Merkel sei Hitlers Tochter oder zumindest mit ihm verwandt.

Selbst bei ihren Protesten gegen die Corona-Maßnahmen machen die QAnon-Anhänger ihre antisemitische Haltung deutlich: So trugen viele bei Demonstrationen einen gelben Stern an der Kleidung, Aufschrift: "ungeimpft".

Verschwörungslegenden in der Politik

Durch den Einzug rechtsextremer Abgeordneter in den deutschen Landtagen und im Bundestag werden antisemitische Äußerungen von Politikern, mitunter gepaart mit Verschwörungsideologien, stärker beachtet. 2018 unterstellte der AfD-Landtagsabgeordnete Till Schneider in einer Rede dem Zentralrat der Juden, er wolle mithilfe des Islam "multikulturelle Verhältnisse herbeiführen" und das deutsche Volk abschaffen.

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