Die Krux mit dem Wirtschaftswachstum

farbiges Säulendiagramm über den Wirtschaftswachstum.

Grüne Wirtschaft

Die Krux mit dem Wirtschaftswachstum

Von Beate Krol

Wenn die Wirtschaft nicht wächst, gilt das als Grund zur Sorge. Doch das Wirtschaftswachstum hat auch eine Kehrseite. Es verbraucht immer mehr Ressourcen und setzt immer mehr CO2 frei. Der Unternehmer und Planet Wissen-Studiogast Volker Schmidt-Sköries setzt deshalb auf qualitatives Wachstum.

Wirtschaftswachstum als oberstes Ziel

Ein Leben ohne Wirtschaftswachstum? Das ist für viele Menschen genauso undenkbar wie ein Leben ohne Sauerstoff. Nur wenn die Wirtschaft stetig wachse, argumentieren sie, könnten Arbeitsplätze erhalten und geschaffen werden. Ohne Wachstum sei der Wohlstand bedroht.

Doch das Wirtschaftswachstum hat auch einen Preis. Oft geht es mit einem hohem Rohstoff- und Energieverbrauch einher. Manchmal erzielen Unternehmen ihre Wachstumsgewinne auch, indem sie die Arbeit verdichten oder in Länder auslagern, die billiger produzieren.

Die Kritik am Wirtschaftswachstum nimmt zu

Das Wirtschaftswachstum infrage zu stellen, war lange tabu. Angesichts des Pariser Klimaschutzabkommens scheint sich das zu ändern. Als die Klimaaktivistin Greta Thunberg das "ewige ökonomische Wachstum" im September 2019 bei ihrer UN-Rede als "Märchen" bezeichnete, erntete sie dafür nicht nur eine Menge Kritik, sondern auch viel Beifall.

Auch beim wenige Tage zuvor erhobenen ARD-Deutschlandtrend stand das Wirtschaftswachstum nicht mehr über allem. Im Gegenteil: Knapp zwei Drittel der Wahlberechtigten gaben an, dass der Klimaschutz Vorrang haben solle, selbst wenn dies dem Wirtschaftswachstum schade (Quelle: ARD-Deutschlandtrend vom 20.9.2019).

Das Wirtschaftswachstum ist Teil des Systems

Vom Wirtschaftswachstum abzulassen, ist allerdings nicht einfach. So müssen Unternehmen beispielsweise Kredite bedienen, die sie für neue Maschinen oder Gebäude aufgenommen haben. Mit einem gleichbleibenden Gewinn ist das meist nicht zu schaffen. Auch wenn sich Betriebskosten erhöhen oder Gehälter steigen, müssen Unternehmen ihre Einnahmen steigern.

Bei Aktiengesellschaften erzeugt auch die Börse eine Menge Wachstumsdruck: Wer stagniert, wird für Anleger uninteressant oder gar zum Übernahmekandidaten. Auch wenn Konkurrenzunternehmen wachsen, kann das Firmen zum Wachsen zwingen.

Eine Joggerin und Fahrradfahrer auf einem Weg.

Postwachstum bedeutet: weniger Konsum dafür mehr Lebensfreude

Die Politik wiederum ist am Wirtschaftswachstum interessiert, weil sie eine möglichst niedrige Arbeitslosigkeit anstrebt. Außerdem werden die Sozialsysteme über die Beiträge von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanziert. Würde das Wachstum stagnieren oder sogar sinken, würde weniger Geld in den Gesundheits-, Pflege- und Rentenkassen landen. Nicht zuletzt sichert eine wachsende Wirtschaft auch die politische Position gegenüber anderen Staaten.

Der Traum vom guten Wachstum

Die große Hoffnung besteht deshalb darin, wachsen zu können, ohne übermäßig Ressourcen zu verbrauchen und dem Klima zu schaden. Dazu soll die Wirtschaft Rohstoffe effizienter nutzen und besser recyceln, und erneuerbare Energien sollen fossile Energieträger ablösen. Außerdem setzen die Befürworter des sogenannten Green Growth auf technische Neuerungen und Erfindungen, die die Umwelt weniger belasten als heutige Produkte und Verfahren.

Mit Blick auf Arbeitsplätze und Sozialabgaben soll zudem das Wachstum von Branchen vorangetrieben werden, die Produkte und Dienstleistungen für einen besseren Ressourcen- und Klimaschutz anbieten. Arbeitsplätze, die im Kohlebergbau wegfallen, könnten beispielsweise über neu entstehende Arbeitsplätze in Wind- und Solarenergie-Firmen kompensiert werden.

Die Idee der Postwachstumsgesellschaft

Für Wachstumskritiker ist das Green Growth-Konzept keine Lösung. Sie gehen davon aus, dass das grüne Wachstum in einem Rebound-Effekt mündet, das heißt dass die Energie- und Rohstoff-Einsparungen durch eine höhere Nachfrage wieder aufgefressen werden. Statt auf ein anderes quantitatives Wirtschaftswachstum umzusteigen, plädieren sie deshalb für qualitatives Wachstum. Die Menschen sollen ihren Lebenssinn und ihre Lebensfreude stärker aus immateriellen als aus materiellen Gütern ziehen und ihren Konsum verringern.

Dass damit das Arbeitsaufkommen abnimmt, sehen die Vertreter der sogenannten Postwachstumsgesellschaft nicht als Nachteil. Zum einen verringere sich der Stress, zum anderen bleibe mehr Zeit für Hobbys und soziale Aufgaben. Auch könnten Reparatur- und Haushaltsarbeiten besser erledigt werden. Das so eingesparte Geld und die Einsparungen durch weniger Konsumausgaben würden das niedrigere Einkommen ausgleichen.

Ein Wiesbadener Unternehmer als Trendsetter

Wie qualitatives Wachstum in der Praxis aussehen kann, erprobt seit etlichen Jahren der Wiesbadener Unternehmer Volker Schmidt-Sköries. Seine Biobäckerei-Kette im Rhein-Main-Gebiet ist Mitte der 1970er Jahre aus einem Kollektiv heraus entstanden, dessen Mitglieder gemeinsam leben und arbeiten und "der Zerstörung der Welt" ihr "leidenschaftliches Engagement" entgegensetzen wollten.

Wenn der gelernte Konditor und Unternehmensberater an Wachstum denkt, fragt er sich: "Wie können die Menschen wachsen?" Die mehr als 300 Mitarbeiter dürfen während der Arbeitszeit an Schulungen teilnehmen. Es gibt eine Kulturwerkstatt, eine Bibliothek, ein Fitnessstudio und bezahlte Mußezeiten. Die Arbeit, sagt Volker Schmidt-Sköries, soll dazu beitragen, dass das Leben wertvoll ist.

Gewinne ja, aber nicht als Selbstzweck

Angemessene Preise für Getreide und Mehl sind für den Unternehmer ebenfalls selbstverständlich. Außerdem hat er eine Gewinngrenze eingeführt. Statt der in der Branche üblichen 15 Prozent-Marge peilt die Biobäckerei lediglich einen Gewinn von 5 Prozent an. Nur so könne gesichert werden, dass niemand in der Produktionskette ausgebeutet werde. Andernfalls produziere man "einen Haufen unausbalancierte Ungerechtigkeit". Und: "Immer größer und immer mehr passt nicht dazu, schonend mit Ressourcen umzugehen."

Biene fliegt auf gelbe Blüte zu.

Volker Schmidt-Sköries will Bienen am Gewinn beteiligen

Übersteigt der Gewinn die 5-Prozent-Grenze, schüttet die Bäckerei das Geld an alle aus, die zum Gewinn beigetragen haben. 2019 flossen so von 1,5 Millionen Euro Gewinn 380.000 Euro an die Belegschaft. 150.000 Euro erhielten die Biobauern und Müller und 70.000 Euro bekamen Sozial- und Umweltprojekte. Demnächst will Volker Schmidt-Sköries auch Bienen am Gewinn beteiligen. Dazu will er sie als Gesellschafter eintragen lassen, der Gewinn soll in Form von Wildblumenwiesen ausgezahlt werden.

Kooperation statt Wachstum

Expandieren will der Unternehmer hingegen nicht mehr. Ein Baum, sagt Volker Schmidt-Sköries, höre auch irgendwann auf zu wachsen. Trotzdem bleibt die Wachstumsfrage auch für ihn knifflig, denn Gewinn muss sein. So hat er vor ein paar Jahren eine neue Backstube gebaut, ein Wärmerückgewinnungssystem und eine Photovoltaik-Anlage installiert und E-Autos und E-Bikes angeschafft, deren Kosten die Bäckerei bei allen langfristigen Einsparungen erst mal erwirtschaften muss. Außerdem erwarten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass ihre Löhne und Gehälter steigen.

Um all das ohne zusätzliches quantitatives Wachstum bezahlen zu können, setzt Volker Schmidt-Sköries zum einen auf die Kunden. Sie müssten gegebenenfalls höhere Preise akzeptieren. Eine andere Strategie besteht darin, Kosten und Raum mit anderen Biobäckereien zu teilen. Das erste Gemeinschaftsprojekt soll ein Laden von drei Biobäckereien in Frankfurt sein. Später soll ein nachhaltiges Logistik-Center für das Rhein-Main-Gebiet entstehen, das von vier Biobäckereien betrieben wird.

SWR | Stand: 21.01.2021, 15:00

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