Innenansicht eines gefüllten Einkaufswagens.

Konsum

Geschichte des Supermarkts

Mit dem Einkaufswagen durch prall gefüllte Regalreihen fahren, nach Lust und Laune zugreifen und am Ende an einer Kasse bezahlen: Das war nicht immer so. Und es bleibt nicht so: In Zukunft werden Automatisierung die Supermärkte stark verändern.

Von Kerstin Deppe und Martin Janning

Die Supermarkt-Revolution startet in New York

Bis in die 1960er Jahre hinein war das Prinzip der Selbstbedienung in Deutschland nahezu unbekannt, Supermärkte gab es nicht. Die Idee dazu kam aus den USA – und verbreitete sich nach ein paar Anlaufschwierigkeiten auch bei uns rasend schnell.

Der erste Supermarkt wurde 1930 von der King-Kullen-Kette eröffnet, in einer ehemaligen Autowerkstatt in der Nähe von New York.

Das Besondere: Es gab ein komplettes Angebot an Lebensmitteln; Kunden konnten Fleisch, Backwaren, Obst und Gemüse unter einem Dach kaufen. Und sie konnten sich das, was sie haben wollten, selbst aus den Regalen nehmen und am Ende alles zusammen bezahlen.

Das Motto der Kette: Die Waren hoch stapeln und zum Niedrigpreis verkaufen. Sogar Parkplätze vor der Tür gab es schon, um den Kunden den (Groß-)Einkauf so bequem wie möglich zu machen.

schwarz-weiß-Aufnahme einer Supermarkt-Kasse.

Revolution Selbstbedienung

Einkauf im Tante-Emma-Laden dauerte lange

In Deutschland war das alles damals noch undenkbar. Hier war der Lebensmitteleinkauf eine umständliche und langwierige Angelegenheit. Für verschiedene Produkte mussten die Kunden in verschiedene Geschäfte: Fleisch und Wurst gab es beim Metzger, Brot und Kuchen beim Bäcker, andere Lebensmittel und Produkte für den täglichen Bedarf im Tante-Emma-Laden.

Die gewünschten Produkte wurden für jeden Kunden einzeln geholt, von Hand abgewogen, verpackt und abgerechnet. An den Theken bildeten sich oft lange Schlangen, der Einkauf dauerte wesentlich länger als heute.

Dafür war er aber auch ein soziales Ereignis: Bei Tante Emma kauften die Kunden nicht nur Käse, Kaffee und Konserven, sie hielten auch ein Schwätzchen und tauschten Neuigkeiten mit dem Ladenbesitzer und den Nachbarn aus.

Selbstbedienung trifft auf Skepsis

1938 eröffnete Herbert Eklöh in Osnabrück den ersten Selbstbedienungsladen in Deutschland, einen Vorläufer des Supermarkts mit einer Ladenfläche von rund 250 Quadratmetern.

Die Konkurrenz, aber auch die Kunden reagierten anfangs skeptisch. Die Händler befürchteten, durch das Konzept der Selbstbedienung den engen Kontakt zu den Kunden zu verlieren. Außerdem hatten sie Angst vor Diebstählen.

Die Kunden wiederum mussten den Umgang mit dem Einkaufswagen erst lernen und beluden ihn zunächst nur zögerlich – aus Sorge, den Überblick zu verlieren und am Ende an der Kasse nicht genug Geld dabei zu haben. Anfang der 1950er Jahre gab es in Deutschland gerade einmal 39 Geschäfte mit Selbstbedienung.

Schwarzweiß-Aufnahme eines Tante-Emma-Ladens

Bis in die 1960er waren Tante-Emma-Läden die Norm

Der Siegeszug der Supermärkte beginnt 1957

1957 wurde dann der erste große Supermarkt in Köln eröffnet, nach amerikanischem Vorbild und mit einer für damalige Verhältnisse riesigen Verkaufsfläche von 1.700 Quadratmetern. Hier gab es alles, was das Herz begehrte, selbst Frisches wie Obst und Gemüse. Die Kundenzahl stieg rasant – ebenso wie die Zahl der Supermärkte in Deutschland.

Ein Grund für das Wachstum: Durch den wachsenden Wohlstand in der Zeit des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich die Menschen mehr leisten, der Massenkonsum begann. Gleichzeitig galt gutes Essen Anfang der 1960er Jahre als Statussymbol.

Doch ein Problem blieb: Die Preise waren auch in den Supermärkten noch relativ hoch. Grund dafür war die Preisbindung, die es den Herstellern erlaubte, die Verkaufspreise für ihre Produkte festzulegen. Ein Wettbewerb über den Preis fand nicht statt.

Discounter mischen den Markt auf

Das änderte sich 1962, als die Brüder Karl und Theo Albrecht ihren ersten Discounter eröffneten. Ihr Geschäftsmodell: einfach und günstig. Statt einer riesigen Produktpalette hatten sie nur 300 Artikel im Angebot, die sie zum Dauerniedrigpreis verkauften.

Um die Preisbindung der Markenhersteller zu umgehen, ließen sie die Produkte unter eigenem Namen selbst herstellen und erfanden so das Konzept der Eigenmarken. Damit beeinflussten sie die gesamte Branche: Heute haben alle Supermärkte Eigenmarken im Sortiment.

1974 fiel die Preisbindung in Deutschland. Doch die Discounter blieben auch danach sehr erfolgreich. Ihr Geschäftsmodell gilt als deutsche Besonderheit und wird weltweit exportiert.

Mann schiebt Getränkewagen voller Getränke auf einen Parkplatz.

Großeinkauf

Supermärkte – einmal grüne Wiese und zurück

Anfang der 1970er Jahre gingen die ersten Supermärkte auf die grüne Wiese. Die Verkaufsflächen und das Angebot wurden größer, es gab jede Menge Parkplätze.

Die Händler entsprachen damit den geänderten Lebensgewohnheiten der Menschen: Die Deutschen wurden mobiler und konnten sich mehr leisten. Sie wollten mit dem Auto bequem bis vor die Supermarkt-Tür fahren und gleich für die ganze Woche einkaufen.

Inzwischen sind viele Märkte in die Innenstädte zurückgekehrt – weil sich der Lebensstil der Menschen erneut gewandelt hat. Statt lange im Voraus zu planen, wollen sie flexibel bleiben und spontan entscheiden. Und gerade in den großen Innenstädten besitzen viele Menschen gar kein Auto mehr.

Die Händler reagierten darauf mit kleineren, gut zu erreichenden Supermärkten und längeren Öffnungszeiten – und einem Comeback der Bedientheken.

Wohnortnahe Supermärkte sind gefragt

Der aktuelle Trend geht zu kleinen, wohnortnahen Supermärkten. Ein Treiber dafür ist die wachsende Zahl alter Menschen, aber auch die Konkurrenz durch Lebensmittel-Lieferdienste.

Neu ist die Entwicklung, Supermärkte mit Wohnungen zu bauen. Vielerorts würden Baugenehmigungen nur erteilt, wenn über den Märkten Wohnungen entstünden, berichtet Prof. Alexander Hennig von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Kommunen versuchten so, die Wohnungsnot zu lindern.

Verführung zum Kauf

Bereits seit den 1970er Jahren setzen Händler bewusst verkaufspsychologische Mittel wie Farben, Düfte oder Musik ein, um die Kunden zum Kaufen zu animieren.

Der Ladenbau folgt bis heute bestimmten Kriterien: Am Anfang des Markts befindet sich in der Regel ein Frische-Bereich mit Backwaren sowie Obst und Gemüse. Die Botschaft: Hier ist alles frisch.

In den Regalen steht Teures in Augenhöhe und die günstige "Bückware" findet sich ganz unten. Produkte, die große Aufmerksamkeit bekommen sollen, befinden sich oft in einer sogenannten Gondelplatzierung. Das ist die Position am Regalende, die von drei Seiten gesehen werden kann.

Frei verteilte Flächen mit Sonderangeboten oder Saisonware sollen die Kundschaft zum Stoppen und Zugreifen bewegen. Diese Konzepte wurden im Laufe der Jahre nur im Detail verfeinert.

Lebensmittel-Lieferdienste machen Supermärkten Konkurrenz

Eine echte Revolution bahnte sich erst vor einigen Jahren an: der Lebensmitteleinkauf im Internet. Bestellt wird online, geliefert bis an die Haustür. Auch diesmal setzte sich der Trend zuerst in den USA durch. Supermarktketten und Online-Händler in Deutschland zogen nach.

Der Lebensmitteleinkauf per App hat während der Corona-Pandemie zugenommen. Es gründete sich eine ganze Reihe von Startups, die in Städten durch Fahrradkuriere Lebensmittel liefern. Diese Lieferdienste versprechen kurze Lieferzeiten von unter zehn Minuten.

Die Lieferdienste von Supermärkten können da nicht mithalten. Sie liefern die Einkäufe in bestimmten Zeitfenstern – und per Auto.

Fahrradkurier-Lieferdienste erreichen ihre kurzen Lieferzeiten, indem sie ihre Warenlager in Wohngebieten einrichten. Der Verkehr durch die "Rider" genannten Fahrradkuriere sorgt vielerorts für Unmut bei den Anwohnern.

Aber auch wegen schlechter Arbeitsbedingungen für die Fahrradkuriere stehen diese Lebensmittel-Lieferdienste in der Kritik. Die vielen kleinen Einzellieferungen produzieren außerdem zusätzlichen Verpackungsmüll.

Automatisierung verändert die Supermärkte

Vor einigen Jahren war es noch Zukunftsmusik: das Bezahlen mit dem Handy. Heute ist es vielerorts Realität in den Supermärkten. Die Digitalisierung verändert die Supermärkte vor und hinter den Kulissen.

Planen und bestellen der Waren laufen zunehmend automatisiert ab. Die Supermärkte digitalisieren auch ihre Preisschilder. Das vereinfacht Preisänderungen, weil die Schilder nicht mehr von Hand ausgetauscht werden müssen.

Der Kundschaft verhilft die Digitalisierung zu mehr Transparenz. Über QR-Codes lassen Produkte sich zurückverfolgen. Das entspricht dem Wunsch vieler Kundinnen und Kunden und setzt außerdem neue gesetzliche Vorgaben um.

Große Veränderungen werden an den Supermarktkassen erwartet. Einige Märkte experimentieren mit Selbstkassierkassen, in denen die Kundschaft ihre Einkäufe eigenhändig einscannt.

Andere Supermärkte machen bereits den nächsten Schritt und testen Supermärkte ohne Kassen. Hier werden die Produkte im Einkaufswagen automatisch erkannt und beim Verlassen des Supermarkts per App bezahlt.

Durch die Automatisierung werden Supermärkte keine großen Kassenzonen mehr benötigen. Das ist wirtschaftlicher für die Händler. Und langes Warten an der Kasse wird in Zukunft wohl der Vergangenheit angehören.

Quelle: SWR | Stand: 15.12.2022, 16:00 Uhr

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