Rückblick: Die deutsch-afghanischen Beziehungen

Afghanistan: deutsch-afghanische Beziehungen

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Rückblick: Die deutsch-afghanischen Beziehungen

Auch wenn Deutsche in Afghanistan immer öfter zur Zielscheibe von Aufständischen und Taliban werden, genießen sie ein außergewöhnlich hohes Ansehen. In den Deutschen wird große Zuverlässigkeit gesehen – und sie sind seit fast 100 Jahren Partner.

Der erste Kontakt

Deutsche sind in Afghanistan beliebt. Teilweise aus Gründen, die nicht immer nachvollziehbar sind. So glauben die Afghanen zum Beispiel daran, dass Deutsche und Afghanen im selben arischen Urstamm ihre Wurzeln haben, doch dafür gibt es keinerlei Belege. Viel wichtiger jedoch dürften die bereits mehr als 100-jährigen Beziehungen für die entgegengebrachte Freundschaft sein.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm Deutschland für Afghanistan eine besondere Stellung ein. Deutschland hatte schon damals ein geopolitisches Interesse an Afghanistan. Das hatten viele andere Länder auch, doch Deutschland erhob keinerlei koloniale Ansprüche, sondern war an einem gleichberechtigten Bündnis mit Afghanistan interessiert.

Diese Haltung fand natürlich Beachtung. Der erste diplomatische Kontakt wurde 1915 hergestellt, als die Expedition von Oskar von Niedermayer und Werner von Hentig in Kabul eintraf, um Emir Habibullah davon zu überzeugen, Britisch-Indien und Russland den Krieg zu erklären. Doch der Herrscher lehnte ab.

Wirtschafts- und bildungspolitische Kontakte

Dennoch: Dieser erste, gleichberechtigte Kontakt legte den Grundstein für die folgenden deutsch-afghanischen Missionen. 1921 reiste eine afghanische Abordnung nach Deutschland, um Verträge mit zahlreichen Firmen zu schließen, und bereits 1923 wurde die deutsch-afghanische Handelsgesellschaft gegründet.

Ein reger Austausch zwischen beiden Ländern begann – auch auf dem bildungspolitischen Sektor. So wurde etwa in Afghanistan die deutsche Nejat-Schule gegründet, die auch spätere Staatspräsidenten wie Mohammad Yusof, Samad Hamed und Barak Karmal besuchten. Deutsche Lehrer unterrichteten dort bis 1984.

In der Weimarer Republik waren der afghanische Präsident Amanullah und der ägyptische König Faruk die einzigen Staatsoberhäupter, die das weitgehend isolierte Berlin besuchten und somit ein Zeichen setzten.

Besuch Amanullahs in Berlin: Der König Amanullah bei Reichswehrmanövern am Scherenfernrohr.

Besuch Amanullahs in Berlin

Die Wirtschaftskontakte wurden enger, und so verwundert es nicht, dass Ende der 1930er Jahre bereits 70 Prozent der afghanischen Industrieausrüstung aus Deutschland kamen und deutsche Firmen, wie zum Beispiel Siemens, die Infrastruktur in Afghanistan mit aufbauten. Die deutsche Lufthansa errichtete 1937 erstmals eine westliche Flugverbindung zwischen Berlin und Kabul.

Entwicklungshilfe

Während des Zweiten Weltkrieges hielten die beiden Länder Kontakt. Afghanistan, das in diesem Konflikt streng neutral blieb, weigerte sich sogar, die 180 Deutschen, die im Land lebten, an die Alliierten auszuliefern. Dies widersprach – ähnlich wie im Fall Osama Bin Laden – den Prinzipien afghanischer Gastfreundschaft. Und so einigte man sich zwar darauf, dass die Deutschen ausgewiesen wurden, sicherte ihnen aber freies Geleit.

Teile der afghanischen Elite standen im Übrigen der nationalsozialistischen Rassenlehre nicht ablehnend gegenüber, sahen sie sich doch als die authentischen Nachkommen des arischen Volkes, dessen Reich Ariana auf afghanischem Territorium begründet worden sei.

So verwundert es nicht, dass die engen Kontakte gleich mit Ende des Krieges wieder aufgenommen wurden. Vor allem der bildungspolitische Aspekt wurde ausgedehnt, und es entstanden wichtige Universitätspartnerschaften und ein Goethe-Institut. Auch nicht zu missachten: Heute ist Hamburg die westliche Stadt, in der sich die größte Gemeinde von Exil-Afghanen gebildet hat.

Auch in der Entwicklungspolitik arbeitete man eng zusammen. Afghanistan war nach Indien und Ägypten Ende der 1970er Jahre der drittgrößte Empfänger deutscher Entwicklungshilfe-Gelder. Das Paktia-Projekt, in dem deutsche Experten eine ganze Provinz aufbauten und modernisierten, ist bis heute eines der größten deutschen Projekte.

Auch die ehemalige DDR nahm in Afghanistan viele Aufgaben wahr und führte die bundesdeutsche Politik fort. So entstand an der Humboldt-Universität zu Berlin zum Beispiel das Fach Afghanologie, und viele Afghanen kamen zum Studium nach Berlin, Dresden oder Leipzig.

Erst der Sturz Mohammad Najibullahs 1992 beendete diese intensiven Beziehungen. Auf bundesdeutscher Seite zog man sich mit dem Einmarsch der Sowjets 1979 in Afghanistan zurück.

Moudjahedeen-Rebellen und Dorfbewohner 1980 während der sowjetischen Besatzungszeit

Afghanistan unter sowjetischer Besatzung

Der Krieg führte zu immensen Flüchtlingsbewegungen, hauptsächlich in Richtung Pakistan und Iran. Zielländer der Exilanten waren aber auch die USA und Deutschland, wohin sich auch Tausende von Angehörigen der geistigen Elite Afghanistans begaben.

Die Bundesregierung plädierte in dieser Zeit mehrfach für den Abzug "fremder Truppen" aus Afghanistan und trat für das Selbstbestimmungsrecht des afghanischen Volkes in Freiheit ein. Und sie leistete humanitäre Hilfe zur Linderung der ärgsten Not im Land.

Wiederaufbau

Als nach dem Sturz des Taliban-Regimes 2001 die internationale Gemeinschaft vor der Frage des Wiederaufbaus steht, ist es Deutschland, das die Initiative ergreift und alle Beteiligten zu den afghanischen Friedensgesprächen auf den Petersberg bei Bonn einlädt. Bei den Afghanen stößt dieser Vorschlag auf große Gegenliebe, schließlich war Deutschland viele Jahre ein verlässlicher und vor allem gleichberechtigter Partner des Landes.

So ist es nicht verwunderlich, dass die deutschen ISAF-Truppen (Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe) ab 2003 den Aufbau des afghanischen Polizeiapparates in der Hand hatten. Es folgte Anfang 2015 die NATO-Trainingsmission Resolute Support (RS), die die ISAF-Mission ablöste.

Afghanistan: Bundeswehr hilft

Berater: Die Bundeswehr um Oberst Axel Hermeling

Deutsche Experten setzen sich auch für eine funktionierende Justiz ein. Zudem wurde eine bessere Trinkwasserversorgung für die Hauptstadt Kabul und Provinzstädte wie Kundus oder Herat hergestellt. Der Straßenbau wird vorangetrieben.

Um der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Afghanistan nachhaltige Impulse zu geben, fördert Deutschland Existenzgründungen sowie berufliche Bildungs- und Fortbildungsmaßnahmen. Mit deutscher Hilfe sind auch viele Schulen wieder aufgebaut worden. Die Lehreraus- und -weiterbildung ist ebenfalls ein wichtiger Teil des deutschen Engagements.

Autorin: Kerstin Zeter

Weiterführende Infos

Stand: 22.10.2018, 14:54

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