Evangelikale Christen – Schattierungen einer besonderen Frömmigkeit

Drei Mädchen weinen und heben ihre Hände bei einer kirchlichen Veranstaltung in den USA

Religiöse Bewegungen

Evangelikale Christen – Schattierungen einer besonderen Frömmigkeit

Von Udo Feist

Sie gelten als erzkonservativ und engstirnig in Glaubensfragen. Doch die Wirklichkeit ist vielfältiger.

Jesus als Freund, Gott als Familienmitglied

"Evangelikal" ist nicht das gleiche wie "evangelisch". Der Begriff beschreibt auch keine eigene Konfession wie etwa evangelisch oder katholisch, sondern einen Glaubensstil oder eine Glaubensintensität innerhalb des Protestantismus. Viele Evangelikale sind in Freikirchen organisiert, aber der Evangelikalismus selbst ist keine eigene Freikirche.

Evangelikale betonen ihren Glauben stärker als andere Christen und versuchen, den Alltag danach auszurichten. Wenn sie davon erzählen, klingt das mitunter, als betrachteten sie Jesus, den Heiland, als persönlichen Freund und Gott wie ein Familienmitglied.

Sich selbst nennen sie gern bibeltreu – weil sie zum einen die Bibel für genauso aktuell halten wie zur Zeit von deren Entstehung; und zum anderen, um sich von jenen abzugrenzen, die das nicht so sehen.

Ihr Ruf in der breiten Öffentlichkeit ist eher zwiespältig: Sie fallen damit auf, dass sie Homosexualität verdammen, sexuelle Aufklärung in der Schule oder die Ehe für alle ablehnen. "Rechtsgerichtete Protestanten" und "Evangelikale" gilt von daher oft als bedeutungsgleich.

Dazu passt, dass sich Leute dieses Spektrums unter dem Namen "Christen im Widerstand" 2020 medienwirksam an Protesten gegen Corona-Maßnahmen beteiligten. Solche Meldungen prägen das Bild.

Der Pfarrer Ulrich Parzany bei der Missions-Aktion "ProChrist"

Urgestein der deutschen Evangelikalen: Pfarrer Ulrich Parzany

Bibelkult und Bekehrung

Aber evangelikal bedeutet nicht unbedingt erzkonservativ, sagt die Religionssoziologin Maren Freudenberg. Die Bandbreite sei viel größer und reiche von denen, die biblische Aussagen strikt wörtlich nehmen und damit die moderne Gesellschaft bestimmen wollen, bis hin zu eher alternativ und links Engagierten.

Auch so genannte Pfingstler gehören dazu – ihr Name erinnert an die biblische Geist-Ausgießung zu Pfingsten. In ihren Gottesdiensten spielen Gefühle und emotionale Ergriffenheit eine zentrale Rolle. Das reicht von spontanen Gebets-Zwischenrufen bis hin zu dem sogenannten Zungenreden, bei dem die Gläubigen plötzlich in unverständlichen Sprachen predigen.

Maren Freudenberg forscht am "Centrum für religionswissenschaftliche Studien" (CERES) der Ruhr-Universität Bochum zu Evangelikalen in den USA, der Schweiz und in Deutschland. Sie schätzt, dass hierzulande etwa 1,5 Millionen Menschen Evangelikale sind.

Beheimatet sind sie in jenen Kirchen, die im Gefolge der Reformation im 16. Jahrhundert entstanden – in den einstigen Staatskirchen und heutigen EKD-Landeskirchen ebenso wie in den vielen Freikirchen, die sie oft auch prägen.

"Allen gemein ist, dass Evangelikale die Autorität der Bibel nicht anzweifeln. Sie ist das Wort Gottes – inspiriert oder wortwörtlich – und steht im Zentrum", sagt Maren Freudenberg. Wichtig ist ein persönliches Bekehrungserlebnis. Viele Evangelikale erinnern sich sogar noch an den genauen Moment oder das Datum, als sie "zum Glauben, zu Jesus gefunden haben".

Charakteristisch sei ein ausgeprägtes Missionsstreben, um "neue Anhänger für Jesus zu gewinnen". Dabei ist das Weltbild oft von simplem Schwarz-Weiß-Denken geprägt: "Die Welt wird in gute und böse Mächte eingeteilt. Auf der hellen Seite stehen Gott und seine Anhänger, auf der dunklen die, die sich noch nicht zum Glauben bekehrt haben. Das geht bei konservativeren Gruppen auch in die Richtung von Dämonen und teuflischen Wesen", sagt Freudenberg.

Ein Zelt voll Kinder beim "Jesus-Camp" der Geistlichen Gemeinde Erneuerung

"Jesus-Camp" der Geistlichen Gemeinde Erneuerung

Die Erlösung empfinden – ein Glaubensstil

Die Wurzeln des Evangelikalismus liegen zum einen im Pietismus des 17. und 18. Jahrhunderts (von lateinisch: pietas = Frömmigkeit, Gottesfurcht). Dort kommt es darauf an, das eigene Erlöstsein wirklich zu empfinden.

Zum andern liegen sie in den Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts, deren Prediger erfolgreich mit dem Wiederbeleben des christlichen Glaubens auf die soziale und weltanschauliche Entwurzelung durch Industrialisierung und aufgeklärte Religionskritik reagierten.

In einigen Gebieten Deutschlands wirkt das im Stil der Frömmigkeit bis heute nach: in Ostwestfalen etwa, dem Siegerland, dem Erzgebirge und in Baden und Württemberg.

Fundamentalistische Tendenzen

In der Ablehnung von Charles Darwins "Entstehungslehre der Arten" im 19. Jahrhundert zeigen sich zudem auch markant fundamentalistische Ansätze, die die Bibel als ein Tatsachenbuch ansehen. Sie ist ihnen Grundlage (Fundament) dafür, wie die Welt zu verstehen sei. Im Kreationismus (lateinisch: creatio = Schöpfung), der Ansicht, Gott habe Welt und Arten in wenigen Tagen erschaffen, wirken sie im Evangelikalismus fort.

Auch in Fragen von Familienbild, Geschlechterrollen und -identität und bei der Ablehnung von Homosexualität und Abtreibung wird fundamentalistisch begründet: Die Bibel schreibe das nun mal so vor.

Politisch einflussreich sind Evangelikale heute in Brasilien, einigen Ländern Afrikas und besonders in den USA, wo in den Staaten des sogenannten "Bible Belt" ("Bibelgürtel" – vor allem die alten Südstaaten) bis zu ein Drittel der Bevölkerung evangelikal ist.

Dabei ist es für viele Evangelikale kein Problem, einen offensiven Sexisten, Rechtspopulisten und Demokratiefeind zu wählen – wie im Fall des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump bei den Wahlen 2016 und 2020. Denn Trump verfolgte zum Teil dieselben Ziele wie sie, etwa in der Abtreibungsfrage.

Donald Trump und seine "persönliche spirituelle Beraterin" Paula White

Donald Trump und seine "persönliche spirituelle Beraterin" Paula White

Der Amerikanist Walter Grünzweig von der TU Dortmund beschreibt ihre Haltung so: "Gott verwendet gern Leute für seine Zwecke, die moralisch Schwierigkeiten haben, oder überhaupt Leute, die unwahrscheinliche Objekte seiner Vorsehung sind."

Einen aus ihrer Sicht zu einer Ketzerkirche gehörenden Mormonen dagegen hätten sie keinesfalls akzeptiert, selbst wenn dessen Lebenswandel absolut einwandfrei wäre: "Aber bei Trump geht das schon, weil der einfach nur ein vom Weg Abgekommener ist, den Gott auf diese Weise für seine Zwecke nutzt."

Das "Maschinengewehr Gottes" und Lobpreis-Gottesdienste

Sehr erfolgreich ist die Mission evangelikaler US-Kirchen in Lateinamerika und in Afrika. Auch den deutschen Evangelikanismus prägten sie mit: Legendär sind die Großveranstaltungen des Erweckungspredigers Billy Graham (1918-2018), wegen seiner stakkato-artigen Sprechweise auch "Maschinengewehr Gottes" genannt.

Den Satz "The bible says" ("Die Bibel sagt") benutzte er immer wieder, wie ein Mantra. In der "Bekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium", die jede Deutung der Bibel als zeitgebundenes Buch ablehnt, fand das großen Anklang.

Billy Graham predigt in der Dortmunder Westfalenhalle, 1970

Billy Graham, das "Maschinengewehr Gottes", predigt 1970 in der Dortmunder Westfalenhalle

Auch Veranstaltungsformate der US-Evangelikalen werden gern übernommen, etwa gefühlsbetonte "Lobpreis-Gottesdienste" aus dem pfingstlerischen Spektrum. Sie sind längst auch in den Großkirchen beliebt, sagt Maren Freudenberg: "Ein Gottesdienst wie ein Event, mit moderner Musik und Technik, also Licht, Sound und dem Raum als Präsentationsfläche – dass man eine Bühne hat, auf der dann oft auch eine Band steht. Es ist nicht mehr der klassische Sakralraum, den man so kennt."

So wirken evangelikale Gottesdienste häufig moderner, weltlicher und freier als die üblichen katholischen oder evangelischen Gottesdienste – obwohl der Glaube dahinter oft deutlich konservativer ist.

Obskure und Engagierte

Auch wer in eine evangelikale Gemeinde hineingeboren wurde, steht unter dem Drängen zur Bekehrung. Das wirkt oft sehr belastend, bis hin zu psychischen Problemen.

Auf die Mitglieder der Großkirchen blicken einige Evangelikale herab. Sie gelten ihnen als bloße "Bestandschristen". Mitunter führt das zu Konflikten über die "Richtigkeit" des Glaubens. Manche der Gruppierungen wie die erwähnten "Christen im Widerstand" sind eindeutig obskur. "Richtigkeit" des Glaubens und "Bibeltreue" betonen die allermeisten sehr markant.

Doch daneben stehen andere, die ihren Glauben auch für Nichtgläubige ansprechend leben. In kleinen Hausgemeinden leisten sie zum Beispiel Nachbarschaftsarbeit, bieten Menschen auf der Suche nach Sinn oder Anschluss einen Ort des Zuhörens oder helfen Drogenabhängigen – aber sehr wohl mit dem Ziel, dass auch die sich vielleicht ja bekehren.

UNSERE QUELLEN

(Erstveröffentlichung: 2021)

WDR | Stand: 02.02.2021, 11:25

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