Esoterik – Das Geschäft mit der Spiritualität

Ein Mann sitzt meditierend vor dem Sonnenuntergang an einem Strand und balanciert einen durchsichtigen Ball auf dem Kopf.

Religiöse Bewegungen

Esoterik – Das Geschäft mit der Spiritualität

Von Carsten Upadek

Auf der Suche nach dem Sinn im Leben fühlen sich viele Menschen nicht mehr zu den traditionellen Kirchen hingezogen, sondern begeben sich auf den endlos erscheinenden Markt der Esoterik. Der reicht von Wahrsagern über Geistheiler zu Jenseitskontakten, Feng Shui und Lichtnahrung. In manchen Fällen bereichern die Angebote das Leben der Sinnsuchenden. In anderen sind die Methoden nicht nur teuer, sondern auch gefährlich. Etwa dann, wenn allein mit der Kraft des Geistes Krebs geheilt werden soll.

Der Esoterikmarkt boomt

Nicht weniger als den Pfad zu Glück und Gesundheit verspricht Diplom-Psychologe Robert Betz den Teilnehmern seiner spirituellen Seminare und Therapiesitzungen. Entdeckt haben will er diesen Pfad durch eigene Lebenskrisen – und daraus folgend durch das Studium der Reinkarnations-Therapie.

Seine Methode: eine Mischung aus spirituellen Geister-Kontakten und positivem Denken. Robert Betz verdient damit auch Geld – durch seine Bücher, Seminare und Therapien.

Robert Betz ist nur einer von zahllosen Akteuren auf dem boomenden Esoterikmarkt. Es wimmelt von Engeln und Hexen, Pendeln und kosmischen Strahlen. Gurus und Heiler bieten ein fast unendliches Spektrum an: hawaiianische Körperarbeit, Thetahealing, Organ Unwinding, Quanten- und Bachblütentherapie, Phantomchirurgie und vieles mehr.

Zeitschriften, Bücher zu Esoterik boomen ebenso wie Astro-TV-Shows. Die Umsätze in Deutschland werden auf zehn bis 25 Milliarden Euro geschätzt.

Jeder zweite Deutsche glaubt an Wunder

Uta Bange von der Beratungs- und Informationsstelle Sekten-Info NRW beobachtet den Trend zur Esoterik seit einigen Jahren: "Das Ganze hat einen Erlebnischarakter: Man will spannende Dinge erleben und intensive spirituelle Erfahrungen machen."

Laut einer Studie der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (Allbus) von 2012 ist jeder vierte Deutsche gegenüber Wunder- und Geistheilern aufgeschlossen, 40 Prozent gegenüber Astrologie oder spiritueller Erleuchtung. Jeder zweite Westdeutsche glaubt an Wunder, etwa jeder Vierte an die Wiedergeburt.

Ute Bange sagt: "Spirituelle Sinnsuche ist tief im Menschen verankert. Aber viele wollen sich nicht mehr an eine feste Gruppe anbinden, sei es an eine Kirche oder eine der klassischen Sekten." Der Trend liege im ständigen Ausprobieren und Wechsel.

Die Okkultismusforscherin Sabine Doering-Manteuffel spricht gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit" sogar von einer "stillen spirituellen Revolution".

Tarotkarten.

Knapp jeder zweite Deutsche ist offen für Astrologie

Sektenklischees treffen nicht zu

Ein eigenes Selbstverständnis der Esoterik gibt es nicht. Und der Religionssoziologe Gerald Willms schreibt in seinem Buch "Die wunderbare Welt der Sekten", dass auch die "üblichen 'sozialen' Sektenklischees" wie religiöse Pflichten, soziale Verbindlichkeiten und Kontrolle nicht zuträfen. 1992 entwickelte sein französischer Kollege Antoine Faivre die These, dass man Esoterik als eine eigene Denkform betrachten könne.

Auch Gerald Willms sieht bei spirituell Sinnsuchenden trotz aller Vielfalt in Sachen Weltanschauung gemeinsame Muster: Demnach hänge für esoterisch orientierte Menschen alles mit allem zusammen, auch wenn es unvereinbar erscheine. Für sie existierten Verbindungen zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt, die erkannt und genutzt werden könnten. So nutzten etwa Astrologen die Konstellation von Sternen zur Vorhersage von Menschenschicksalen, wenn sie Horoskope erstellten.

Ein zweites Muster seien kosmische Heilkräfte und Energien, die die gesamte Wirklichkeit durchströmten und beseelten, etwa bei kosmischen Heilkräften.

Eine dritte Gemeinsamkeit sei die Einsicht und der Einfluss des Menschen auf das eigene Schicksal wie bei Meditation, Trance und Jenseits-Kontakten. Und schließlich sieht Willms bei Esoterikern eine "individuelle Bereitschaft neue oder andere Erfahrungen" zu machen.

Meditieren kann einen positiven Effekt haben

Geistiges Heilen gehört laut Religionssoziologe Willms zu den bedeutendsten Ausprägungen der Gegenwartsesoterik. Diese Heilverfahren setzen nicht am Körper an, sondern an Geist und Seele – auch wenn sie durch körperliche Anwendungen praktiziert werden.

Zu ihnen gehören auch Teile der angesagten chinesischen Medizin wie Akupunktur, Shiatsu, Qigong oder Reiki. Sie alle fänden zunehmend auch Verbreitung bei etablierten Therapeuten und Heilpraktikern. Das "verdeutlicht, wie unscharf der Bereich zwischen vermeintlich 'böser' esoterischer und 'guter' psychotherapeutischer Geistheilung ist", so Willms.

Zwei Hände werden neben den Kopf einer Frau gehalten.

Reiki: Heilen mit kosmischer Energie

Tatsächlich gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass zum Beispiel Meditieren einen positiven Einfluss auf das körperliche Wohlbefinden hat. Deshalb sei es nicht mehr nur auf religiöse Kontexte beschränkt, zitiert "Der Spiegel" Ulrich Ott von der Universität Gießen: "Es wird auch in Kliniken zur Behandlung von Patienten eingesetzt, denen es primär um eine Besserung ihrer Symptome geht und nicht um spirituelle Erleuchtung."

Etwa 7000 Ärzte in Deutschland bieten auch Homöopathie an, mehr als 16.000 haben eine zusätzliche naturheilkundliche Ausbildung.

Daneben tummeln sich mehr als 10.000 Geistheiler mit und ohne medizinische Vorbildung, mehr als die Hälfte organisiert im "Dachverband Geistiges Heilen". Durch Handauflegen, Lichter und Beten sollen Energien übertragen und damit den Menschen geholfen werden. Wobei der Glaube an die Wirkung keinen unerheblichen Einfluss auf die Genesung haben dürfte, sagen Wissenschaftler mit Blick auf den Placeboeffekt.

Verzweifelte werden ausgenutzt

Gefährlich werden alternative Methoden, wenn eine medizinisch notwendige Behandlung ausbleibt. Verantwortungsvolle Heilpraktiker weisen deshalb darauf hin, dass ihre Behandlungen ein Zusatzangebot sind und sie rechtlich weder diagnostizieren noch Medikamente verabreichen, noch Heilung versprechen dürfen.

Doch genau das passiert häufig. "Krebs ist eine Krankheit (Hilferuf) der Seele, die im Endstadium körperlichen Ausdruck sucht", schreibt ein Heiler in der Esoterik-Zeitschrift "Grenzenlos". Er selbst habe Krebs im Endstadium durch "die Macht des Glaubens" überlebt. Jetzt bietet er dazu Bücher und Seminare an.

"Wir haben viele Anfragen in dem Bereich", sagt Uta Bange von der Beratungs- und Informationsstelle Sekten-Info NRW. "Da werden schnelle Versprechungen gemacht, auch schwere Krankheiten wie Krebs oder Aids heilen zu können. Verzweifelte Menschen werden da ausgenutzt, um Gewinn zu machen."

Im Jahr 2013 gab es in der Beratungs- und Informationsstelle, die zu 80 Prozent vom Land NRW bezahlt wird, 155 Beratungsfälle im Bereich Esoterik, mehr als in jedem anderen Bereich und weit vor Gruppen wie Scientology oder im Feld Fundamentalismus. Immer wieder tauchten neue Gurus auf und verschwänden wieder, hat Sekten-Info NRW beobachtet. Einer, der sich hartnäckig halte, sei Robert Betz.

Kügelchen gegen Aids

Kernstück seiner Lehre ist die Transformationstherapie, eine Form der Psychotherapie, die alle Arten der geistig-seelischen und körperlichen Probleme lösen soll. Dafür bildet Betz in 23 Seminartagen eigene Mitarbeiter aus, die dann ohne therapeutische oder ärztliche Vorkenntnisse psychische Probleme wie Kindheitstraumata behandeln. Die Seminare könnten aber nicht im Ansatz das notwendige Wissen vermitteln, kritisiert Uta Bange.

Zum Vergleich: Approbierte Psychotherapeuten müssen ein Studium und eine Zusatzausbildung vorweisen. "In einzelnen Fällen werden Menschen psychisch labiler. Es kann zu massiven Persönlichkeitsveränderungen kommen und dazu können Konflikte in der Familie auftauchen sowie psychische Abhängigkeit." Im NDR-Magazin "Panorama" berichtete eine ehemalige Patientin von Betz im November 2013, die Methode habe bei ihr eine Psychose ausgelöst.

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) nominierte Guru Betz 2013 für die Auszeichnung "Das goldene Brett vorm Kopf". Laut GWUP wird der Preis an Personen oder Institutionen vergeben, die "durch unwissenschaftliches Vorgehen auf besonders kuriose, täuschende oder gar gefährdende Art auf sich aufmerksam gemacht haben".

Im Dezember 2013 hatte dann aber doch die Organisation "Homöopathen ohne Grenzen" die Nase vorn. Sie versuchten, ihre Kügelchen in Krisengebieten in Afrika und Asien zu verteilen mit der Behauptung, sie wirkten gegen Malaria und Aids.

Umgekipptes Medikamenten-Fläschchen mit ausgeschütteten homöopathischen Kügelchen.

Gefährlicher Glaube: Kügelchen gegen Malaria und Aids

Stand: 22.07.2019, 13:45

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