Knochenkunde

Röntgenbild eines großen Röhrenknochen, auf dem feine Querlinien zu erkennen sind

Anatomie des Menschen

Knochenkunde

Knochen: Tote Materie – trockenes Thema? Skelettforscher sind da ganz anderer Ansicht. Sie bringen die sterblichen Überreste sogar zum Sprechen: Knochen verraten nicht nur vieles über die Biografie eines einzelnen Menschen. Aus ihnen kann man die Kulturgeschichte ganzer Völker herauslesen oder etwa auch ein Verbrechen rekonstruieren.

Gebeine lügen nicht

Ein Skelett liefert wertvolle Informationen über die Vergangenheit des Menschen, über seine Lebensgewohnheiten, seine Krankheiten, seine Umwelt. Die Knochen – selbst sehr alte Knochen – ermöglichen den Wissenschaftlern Einblicke in Ernährung, Wohnverhältnisse, Klima sowie sanitäre und hygienische Gegebenheiten. Denn Knochen sind Körperteile, die den Tod Jahrtausende überdauern können. Das liegt an ihren Bestandteilen, den schwer löslichen Mineralstoffen und den stabilen Kollagenen. Es kommt allerdings auch auf die Umgebung an: In sehr säurehaltigen Böden oder im Moor lösen sich Knochen viel schneller auf.

Uralte Knochen, blutjunge Wissenschaft: die Paläopathologie

Knochen speichern Informationen über Tausende von Jahren. Ein "Tennisarm" bei Skeletten aus der Vorzeit weist auf eine Sehnenentzündung hin, die etwa durch häufiges Speerwerfen ausgelöst wurde. Eine "Berufskrankheit" von Kriegern waren häufig steife Schulter- oder Hüftgelenke, was sich durch Entzündungsspuren am Knochen abzeichnete. Auch ein Herzfehler lässt sich noch nach Jahrtausenden nachweisen, weil chronische Herzkreislaufkrankheiten knöcherne Auflagerungen auf den Schäften der langen Röhrenknochen hinterlassen. Solche und ähnliche Erkenntnisse sammeln Forscher der Paläopathologie nach eingehender Untersuchung von Knochenfunden.

Detaillierte Informationen durch Knochendünnschliffe

Ein Glasplättchen mit einem schwammartigen Knochendünnschliff vor einem weißen Hintergrund

Für den Fachmann wie ein offenes Buch: Knochendünnschliffe

Die Paläopathologie ist eine junge und bislang nicht sehr bekannte Wissenschaft. Sie vereint Medizin, Anthropologie und Archäologie und erkundet die Krankheiten unserer Vorfahren. Auf diesem Spezialgebiet sind auch Göttinger Wissenschaftler sehr aktiv: Sie entwickelten sogenannte "Knochendünnschliffe", mit deren Hilfe sie unter dem Mikroskop detaillierte Informationen über die Vergangenheit erhalten. Die Forscher untersuchen menschliche und tierische Skelette, Mumien und Moorleichen, von prähistorischer bis in die frühe Neuzeit.

Das harte Leben assyrischer Könige

Gegenstand der Forschungen sind auch die Gräber von Eliten: der Pharaonen etwa oder der assyrischen Könige. So wurde 1991 die spektakuläre Entdeckung des "Goldschatz der Nimrud" im Irak auch eine Fundstelle für Paläopathologen: Neben dem Gold entdeckten die Forscher rund 3000 Jahre alte Knochen von assyrischen Königinnen. Da die assyrischen Könige sehr reich waren und einen gottähnlichen Status hatten, ging man davon aus, dass auch ihre Lebensbedingungen gut waren.

Steinerne Treppen führen zu einem Gewölbe hinunter

Der Eingang zur Grabungsstätte in Nimrud

Ein Irrtum, wie sich herausstellte – an den königlichen Knochen sahen die Paläopathologen Hinweise auf Hirnhaut- und Mittelohrentzündung. Daraus schlossen sie, dass die alten Paläste feucht waren, Krankheiten brachten und alles andere als luxuriöse Unterkünfte waren.

Moderne Methoden

Mit Röntgengeräten, Minisonden und Rasterelektronenmikroskopen rücken Knochenforscher den Skeletten zu Leibe und kommen so Krankheiten auf die Spur. Sie machen Knochenzersetzung durch Krebs ebenso sichtbar wie die Folgen von Vitamin-D-Mangel oder Spuren von Hirnhautentzündung an der Schädeldecke. Unter dem Mikroskop kann man die Auswirkungen von Skorbut oder Rachitis erkennen – selbst an Knochen, die Jahrtausende alt sind.

Diese Vitaminmangel-Krankheiten waren beispielsweise früher häufiger zu finden als heute. Es gibt aber auch Erkrankungen, die in der Vergangenheit kaum auftraten, wie der Gelenkverschleiß in den Beinen, die Arthrose. Denn die Bevölkerung der Vorzeit bewegte sich noch auf elastischem Untergrund und nicht auf hartem Beton, was den Gelenken besser bekam.

Autorin: Claudia Heidenfelder

Weiterführende Infos

Stand: 09.05.2014, 13:00

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