Geflügelindustrie

Ein Hahn und mehrere Hennen laufen im Gras.

Hühner

Geflügelindustrie

Von Susanne Decker und Claudia Heidenfelder

Scharren, picken und staubbaden – viel mehr braucht ein Huhn nicht, um sich wohlzufühlen. Doch nur die wenigsten Hühner in Deutschland dürfen so ein Leben führen. Die meisten Eier und Tiefkühlhühnchen stammen aus einer gigantischen Geflügelindustrie.

Das Huhn als Wirtschaftsfaktor

Bis in die 1950er-Jahre scharrten und gackerten deutsche Haushühner auf den Wiesen eines Bauernhofes oder in den Gärten von Privathaushalten. Nachts schliefen sie geschützt vor Fuchs und Marder im Hühnerstall.

Doch mit dem wirtschaftlichen Aufschwung stieg die Nachfrage nach Fleisch und Eiern – das Huhn entpuppte sich als Wirtschaftsfaktor. Wer jetzt gutes Geld mit Eiern und Fleisch verdienen wollte, rationalisierte die Hühnerhaltung. Auf manchen Höfen lebten jetzt bis zu 500 Hühner in fensterlosen Ställen. Auf Tageslicht und grüne Wiesen mussten die Tiere von nun an häufig verzichten.

Vom Zweinutzungshuhn zum Hochleistungshybrid

Das Hühnergeschäft boomte. Bis zu diesem Zeitpunkt kamen Fleisch und Eier noch von so genannten Zwiehühnern oder Zweinutzungshühnern. Diese brachten doppelten Nutzen: Die Hennen legten Eier, die Hähne wurden zum Sonntagsbraten. Zu wenige Eier, zu wenig Fleisch, fanden die Hühnerbauern und züchteten ab jetzt Lege- und Masthühner getrennt auf Hochleistung.

Da kam eine neue Methode aus Amerika gerade recht – die Hybridzucht: Inzuchtlinien von Rassen mit besonders herausragenden Eigenschaften wurden gekreuzt. Die Nachkommen waren besonders leistungsfähig, allerdings zur Weiterzucht nicht mehr geeignet.

Ein Stall, auf dessen Boden hunderte Küken sitzen

Straff durchorganisierter Hähnchenmastbetrieb

Eier im Akkord

In den 1950er-Jahren erprobten die USA, Dänemark und Großbritannien das sogenannte Pennsylvania-System. Erstmals wurden Legehennen auf durchgehend abgeschrägten Gitterböden gehalten. Das Geschäft mit dem Ei kam im wahrsten Sinne des Wortes ins Rollen. Das Einsammeln der Eier war jetzt ein Kinderspiel.

Auch der Parasitenbefall, bis dahin ein Problem in der Hühnerhaltung, nahm durch die fehlende Einstreu ab. Allerdings entstand ein anderes: Die Hennen zeigten erste Verhaltensstörungen. Doch für die Wirtschaft galt: Hühner, die viele Eier legen, sind gut – viele Hühner, die viele Eier legen, sind noch besser.

Die Käfighaltung entwickelte sich weiter: Immer mehr Tiere wurden in Legebatterien auf immer weniger Fläche gehalten. Kunstlicht schraubte die Legeleistung in die Höhe. Eine deutsche Hochleistungslegehenne legt heute etwa 300 Eier im Jahr.

Seit 2010 ist diese Art der Käfighaltung in Legebatterien verboten. Noch bis 2025 erlaubt ist dagegen die Haltung in so genannten Kleingruppenkäfigen.

Das kurze Leben einer Legehenne Planet Wissen 01.09.2021 03:41 Min. UT Verfügbar bis 01.09.2026 WDR

Die Hähne der heutigen Legehybriden sind nach Vorgaben der tierindustriellen Produktion wirtschaftlich unrentabel. Mehr als 40 Millionen männliche Küken werden deshalb pro Jahr direkt nach dem Schlüpfen aussortiert und vergast oder in einen Trichter mit rotierenden Messern geworfen und geschreddert.

2013 untersagte Nordrhein-Westfalen als erstes Bundesland die massenhafte Tötung männlicher Küken. 2021 beschloss dann der Bundestag ein Gesetz, das das Kükentöten ab 2022 verbietet. Stattdessen sollen dann Verfahren eingesetzt werden, mit denen das Geschlecht schon im Ei zu erkennen ist. Männliche Küken werden dann gar nicht erst weiter bebrütet.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft fördert die Entwicklung unterschiedlicher Methoden zur Geschlechtsbestimmung im Ei, aber auch den Einsatz von Zweinnutzungshuhnrassen, wie es ja auch schon zu früheren Zeiten mit den "Zwiehühnern" praktiziert wurde.

Auch einige Initiativen wie "Brudertier" verfolgen das Ziel, Zweinutzungsrassen in der Geflügelwirtschaft wieder zu etablieren: indem die Bruderküken der Legehybrid-Hennen aufgezogen werden und später als Fleischlieferanten geschlachtet.

In 34 Tagen zur Schlachtreife

Masthühner, auch Broiler genannt, werden nicht nach Geschlecht selektiert. Das Grillhähnchen kann heute genauso ein Grillhennchen sein. Auch wenn die Hähne hier überleben dürfen – ein langes Leben ist ihnen nicht beschieden: Schon nach fünf Wochen hat ein Mastküken sein Schlachtgewicht von etwa einem Kilogramm erreicht.

Die Weiterverarbeitung erfolgt per Fließband: Die Tiere werden betäubt, geschlachtet, gerupft, ausgenommen, tiefgefroren und verpackt. In einem Masthuhn-Großbetrieb können täglich mehr als 100.000 Hühner geschlachtet werden. Die Turbomast hat Folgen: Kreislauf, Muskeln, Knochen und Lungen einiger Masthuhnrassen kommen bei dem rasanten Größenwachstum nicht mehr mit.

Küken an der Wassertränke.

Die Küken haben nur noch wenige Wochen zu leben

Mehr Lebensqualität für Hühner

Inzwischen haben die jahrzehntelangen Bemühungen von Tierschützern in der Haltung von Legehennen Verbesserungen bewirkt: Die Käfighaltung ist in Deutschland verboten und es gibt Alternativen wie Freiland- und Biohaltung.

Die Masthühner dagegen sind für den Tierschutz noch immer eine große Herausforderung. In Deutschland werden in der konventionellen Haltungsform in einem Stall Zehntausende von Hühnern gemästet.

Dabei leben bis zu 25 Tiere auf einem Quadratmeter, das entspricht am Ende der Mastperiode einem Gesamtgewicht von ungefähr 35 Kilogramm pro Quadratmeter Stallfläche.

Nur ein sehr geringer Anteil der mehr als 350 Millionen Masthühner, die pro Jahr in Deutschland geschlachtet werden, wächst unter besseren Bedingungen auf. Im Ökolandbau ist die Tierzahl pro Stalleinheit auf 4800 Masthühnchen begrenzt. Biomasthühner haben Zugang nach draußen und erreichen ihr Schlachtgewicht nach frühestens elf Wochen.

Biohaltung bei Hühnern Planet Wissen 01.09.2021 03:57 Min. UT Verfügbar bis 01.09.2026 WDR

SWR | Stand: 03.05.2020, 16:00

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