Insektensterben

Aufgeschlagene Insektenbücher mit einer Weltkarte daneben.

Artensterben

Insektensterben

Von Jochen Zielke

Insekten sind für uns enorm wichtig: Zur Bestäubung von Pflanzen, als Futter für andere Tiere und zum Erhalt des ökologischen Gleichgewichts. Doch die Gesamtmasse der Insekten ist in Deutschland bereits stark zurückgegangen. Es ist höchste Zeit zu handeln!

Die Krefelder Studie

2017 erregte die Veröffentlichung einer Langzeitstudie von engagierten, ehrenamtlich arbeitenden Insektenfreunden Aufsehen in der Öffentlichkeit. Seit 1989 hatten die Insektenkundler die Entwicklung von Insektenbeständen in insgesamt 63 Gebieten von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg untersucht und dokumentiert. Sie stellten fest, dass in 27 Jahren die Gesamtmasse der Fluginsekten um mehr als 75 Prozent abgenommen hat.

Auch wenn das bundesweite Ausmaß des Insektensterbens noch unklar ist, am Grundproblem besteht für Forscher kein Zweifel mehr. Das Insektensterben hat rasant zugenommen. Nicht nur in Deutschland, auch aus anderen Ländern gibt es mittlerweile ähnliche Berichte. Sogar in tropischen Ländern Mittelamerikas oder in Grönland fällt der Rückgang der Insekten mittlerweile deutlich auf.

Landschaftsfaktoren Planet Wissen 13.05.2019 03:59 Min. Verfügbar bis 13.05.2024 SWR

Die Ursachen des Insektensterbens

Dass der Klimawandel, höhere Temperaturen, Extremwetter mit drastischen Feucht- und Dürrephasen das Insektensterben beeinflussen, klingt plausibel, ist aber wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Dass der Raubbau an Lebensraum für Insekten eine große Rolle spielt, ist dagegen sehr wahrscheinlich.

Allein in Deutschland wird mittlerweile ungefähr die Hälfte der Fläche landwirtschaftlich genutzt. Ein Großteil davon durch intensive Landwirtschaft. Das bedeutet riesige Ackerflächen, Monokulturen, Landschaftswüsten ohne Grünbereiche nach der Ernte.

Ein großer Teil des Lebensraums für die Insekten ist in den vergangenen Jahren verloren gegangen, auch durch Bebauungsmaßnahmen. Es fehlen geschützte Grünflächen wie Wiesen, Hecken, Sträucher oder Grünstreifen zwischen den Ackerflächen. Die Verbindungen zwischen Biotopen gehen verloren. Hinzu kommt der steigende Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden, der Insekten und ihren Larven stark zusetzt.

Die Folgen des Insektensterbens

Viele Kultur- und Nutzpflanzen sind auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen. Der wirtschaftliche Schaden durch das Insektensterben könnte zum Beispiel im Obst- und Gemüsebau drastisch ausfallen. In der Presse wird immer wieder über Milliarden-Summen spekuliert.

Der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden kann aber auch dem Boden schaden. Ohne die im Boden lebenden Insekten und Mikroorganismen kann abgestorbenes Pflanzenmaterial nicht mehr umgesetzt und dem Nährstoffkreislauf neu zur Verfügung gestellt werden. Dies erfordert dann immer mehr Düngereinsatz, der wiederum enorme Kosten verursacht.

Auch Aas wird von den Insekten recycelt. Wälder würden ohne den Abbau der abgestorbenen Pflanzen durch Insekten an ihrem eigenen Abfall ersticken.  Nicht zu vergessen auch die Bedeutung der Insekten als Nahrung für andere Tierarten. Ohne Insekten würde die Nahrungskette vermutlich zusammenbrechen. Amphibien, Fischen, Eidechsen, kleinen Reptilien, insbesondere aber auch Vögeln würde das Futter fehlen.

 

Welt ohne Insekten Planet Wissen 13.05.2019 02:02 Min. Verfügbar bis 13.05.2024 SWR

Der Neun-Punkte-Plan zur Rettung der Insekten

Man kann nur etwas effektiv schützen, das man auch gut kennt. Wer nicht weiß, welche Insekten es gibt, und welche Ansprüche Insekten an ihre Lebensräume und Nahrungsquellen haben, wird ihnen nicht helfen können. Insektenkundler schätzen, dass es weltweit über eine Million Arten gibt, in Deutschland vermutlich mindestens 30.000 Arten. Etliche Fluginsekten, wie zum Beispiel viele der Wildbienen-Arten oder auch Schmetterlinge, sind stark bedroht.

2018 haben mehr als 150 Teilnehmer auf einem Insektenschutzsymposium in Stuttgart das Bedrohungspotenzial diskutiert und einen Neun-Punkte-Plan aufgestellt, der auch Politikern vom Bundesministerium  für Umwelt,  Naturschutz  und nukleare  Sicherheit sowie dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft vorgestellt wurde.

Demnach fordern die Wissenschaftler mehr Geld für den Forschungs- und Bildungsbereich. Es gilt die Insekten-Biodiversität besser kennenzulernen und in Schulen und Bevölkerung mehr Bewusstsein für die Bedeutung der Insekten zu schaffen.

In der Landwirtschaft sollten ökologisch orientierte Produktionsweisen stärker gefördert werden. Eine Einschränkung von Pestiziden, insbesondere von Neonikotinoiden oder Herbiziden wie Glyphosat ist für den Insektenschutz unerlässlich.

Mehr Naturschutzgebiete als Schutzräume für Insekten werden gefordert, ebenso wie eine Erhöhung grüner Naturflächen in den Städten. Weniger Lichtverschmutzung und Schutzprogramme für Wildbestäuber wie Wildbienen gehören ebenfalls zum Neun-Punkte-Plan.

Stand: 17.09.2019, 14:33

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