Die Routen der Riesen

Ein Tankschiff verlässt den Suezkanal. Links ist die Stadt Suez zu sehen

Handelsschifffahrt

Die Routen der Riesen

Von Jürgen Kleinschnitger

Tanker sind ständig unterwegs, um den Öldurst der Welt zu stillen. Die Handelsrouten, die sie befahren, gleichen stark frequentierten Autobahnen. Vor allem in den Meerengen müssen die Mannschaften ihr Schiffe achtsam manövrieren. Bereits ein kleiner Fahrfehler kann hier zu einem Zwischenfall führen – im schlimmsten Fall zur Havarie.

Tankerrouten: die Nadelöhre der Weltmeere

Der Rohstoff Öl kommt vor allem aus dem arabischen Raum, etwa aus Saudi-Arabien und Kuwait, aber auch aus Russland, Nigeria, Venezuela, Norwegen und Kanada.

Entlang der Küsten dieser Staaten verlaufen viel befahrene Handelsrouten, auf denen die Tanker das Öl etwa nach Europa und in die USA bringen. Auch aufstrebende Staaten wie China, Indien und Brasilien verlangten in den vergangenen Jahren nach immer mehr Öl.

Die Straße von Hormus vor der Küste Irans, die Straße von Malakka zwischen Indonesien, Malaysia und Singapur sowie der Suezkanal zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer – dies sind die drei Achillesfersen des Öltransports zur See.

Durch die relativ schmalen Wasserstraßen schleusen die Tanker fast 43 Prozent des weltweit verbrauchten Öls, etwa 37 Millionen Barrel täglich. Die Meerengen sind derzeit eher aus politischen Gründen problematisch: Würde einer der angrenzenden Staaten diese Wege blockieren, so könnte dies zu weltweiten Versorgungsproblemen führen.

Auch die Piraterie ist auf diesen Routen ein Problem. Die Schiffe, die etwa die Straße von Hormuz ansteuern, müssen das Horn von Afrika umschiffen und entlang der somalischen Küste fahren. Der Weg ist riskant: Jeder zweite Piratenüberfall weltweit findet derzeit dort statt.

Da das Verkehrsaufkommen auf den Tankerrouten weltweit steigt, kommt es vermehrt zu Unfällen, vor allem in Meeresengen. Besonders gefährdet sind der Bosporus, der durch die türkische Metropole Istanbul fließt, und die Kadetrinne in der Ostsee.

Eine Luftaufnahme des Tankers Sirius Star

2008 kaperten somalische Piraten den Tanker Sirius Star

Die Angst vor einer Havarie im Bosporus

Mehr als 100 Millionen Tonnen Öl und andere Gefahrenstoffe fahren jedes Jahr mitten durch Istanbul. Die Stadt am Bosporus ist eine der größten Metropolen der Erde. Mehr als 15 Millionen Menschen leben hier. Die Nähe der Schifffahrt zur Metropole macht vielen Istanbulern Angst. Die Küstenwache zählte in den vergangenen 50 Jahren rund 500 Havarien im Bosporus.

Im November 1979 kam es zu einer Kollision zwischen einem rumänischen Tanker und einem Passagierschiff. 43 Menschen starben. 95.000 Tonnen Rohöl rannen ins Meer. Doch auch ohne größere Unglücksfälle flossen allein von 1995 bis 2010 etwa 115.000 Tonnen Öl in den Bosporus – mehr als dreimal so viel wie 1989 während des Unglücks der Exxon Valdez vor Alaskas Küste.

Jörg Feddern, Ölexperte von Greenpeace, warnt vor der steigenden Unfallgefahr im Bosporus. 1995 passierten noch 4000 Öltanker jährlich den Bosporus, mittlerweile sind es bereits 10.000. Ein Unfall der Riesen könnte eine Ölpest zur Folge haben und den Bosporus verseuchen. Die Umweltschützer appellieren an die Regierung in der Türkei, die Sicherheit zu verbessern.

Lotsen könnten für mehr Sicherheit sorgen

Die Türkei ist zwar durch internationale Verträge dazu verpflichtet, den ungehinderten Schiffsverkehr durch den Bosporus zu garantieren. Doch sie könnte verbindliche Sicherheitsvorschriften für die Reeder und die Kapitäne erlassen. Ortskundige Lotsen etwa wären eine Möglichkeit, die Sicherheit in der Meerenge zu erhöhen, denn der Bosporus ist nicht leicht zu befahren und hat viele unwegsame Abschnitte.

Die türkische Regierung scheut bisher die Konfrontation mit den Ölkonzernen und setzt auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Die Reeder wollen sich jedoch die Kosten für einen Lotsen sparen und nehmen so das Risiko eines Navigationsfehlers im Bosporus in Kauf.

Viele Kapitäne unterschätzen den Verkehr in der Meerenge: Es gibt dort neben dem Frachtverkehr auch viele Passagierschiffe. Anderthalb Millionen Menschen täglich nutzen auf dem Weg zur Arbeit die Fähren zwischen dem europäischen und asiatischen Ufer Istanbuls.

Dazu kommen Ausflugsdampfer, Segelschiffe, Fischerboote und Luxusyachten, die häufig die Routen der Schiffsriesen kreuzen. Der Bosporus zählt zu den dichtbefahrensten und gefährlichsten Wasserstraßen der Welt, sagen Schifffahrtsexperten. Die Regierung in der Türkei erwägt daher immer wieder, eine Pipeline bauen zu lassen, um die Gefahr durch die Öltanker zu minimieren.

Brennender Tanker auf dem Wasser. Schwarze Rauchwolken steigen von der Wasseroberfläche auf

Das Wrack des Tankers Nassia brennt auf dem Bosporus

Die Kadetrinne: eine Gefahr für die Ostsee

Der Schifffahrtsweg Kadetrinne zwischen Deutschland und Dänemark ist eine bedeutende Tankerroute. Das Fahrwasser wird nach Angaben der Behörden jährlich von mehr als 50.000 Schiffen passiert – Tendenz steigend. Unter den Wasserfahrzeugen sind zahlreiche Tanker aus Russland, die vom Hafen Primorsk gen Europa starten.

Die Schiffe transportieren etwa 200 Millionen Tonnen Fracht pro Jahr durch das Nadelöhr, das nur etwa eine Seemeile breit ist. Ein Fünftel der Fracht ist Öl.

Das Problem dabei: Die schmale Fahrrinne zwischen der deutschen Halbinsel Darß und der dänischen Insel Falster ist etwa zwei Seemeilen lang. Der Meeresboden steigt an beiden Seiten der sonst 17 Meter tiefen Rinne auf bis zu zehn Meter an. Viele Frachter haben jedoch einen Tiefgang von bis zu 13 Metern.

Immer wieder kommt es zu Tankerunfällen

Dabei kam es zwischen 1980 und heute zu mehr als 20 Zwischenfällen. Der Zusammenstoß des Tankers "Baltic Carrier" mit dem kubanischen Zuckerfrachter "Tern" im Jahr 2001 gilt als einer der schwersten Unglücksfälle. Trotz der Doppelhülle des Öltankers flossen mehr als 2700 Tonnen Öl ins Wasser. Die Ostsee besitzt – wie andere Binnenmeere auch – eine weitaus geringere Selbstreinigungskraft als etwa der Atlantik.

Politiker und Schifffahrtsexperten haben sich wiederholt für strengere Sicherheitsmaßnahmen in der Kadetrinne ausgesprochen, etwa für die Lotsenpflicht für Schiffe mit Gefahrgut.

Zudem wird immer wieder die Einrichtung einer Leitstelle zur Überwachung des Schiffsverkehrs per Satellit diskutiert. Ein möglicher Sitz wäre Rostock. Bisher ist aber davon nichts umgesetzt worden. Die Umweltorganisation Greenpeace hält die Kadetrinne für besonders gefährdet, da die Kapitäne aufgrund ihres Zeitdrucks häufig rasen, drängeln und überholen.

2000 fuhr der Tanker Clement in der Kadetrinne auf Grund.

2000 fuhr der Tanker Clement in der Kadetrinne auf Grund

Stand: 30.09.2019, 14:31

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