Maskenbildner - zu Besuch in der Akademie "die maske"
Illusion ist alles
Im Fenster rollt der Schädel eines Urzeitwesens die Augen, daneben locken wilde Frauenköpfe mit bunten Masken. Wer die Räume der "maske" betritt, fühlt sich mehr in einer Galerie als in einer Werkstatt. Surreal wirkende Fotos von menschlichen Tierwesen hängen neben verzerrten Weißmasken. In der Ecke droht ein wie aus Stein gemeißelter, gewaltiger Dämon. "Das ist ganz leichter Gips", sagt Bernd Bauer, der Chef der "maske", "Stein wäre viel zu schwer zu bewegen." Hier ist alles Illusion - und Illusion ist alles.
Die Kunst des Maskenhandwerks
Seit 30 Jahren bilden Bauer und sein Team in Köln Maskenbildner aus. Im Laufe der Jahre sind Niederlassungen in London, Basel und Wien hinzugekommen und längst sind nicht nur Maskenbildner im Team vertreten, sondern auch Friseure und Stylisten, Fotografen und - Zahntechniker. Im Computerraum läuft gerade eine Horrorfotoshow unappetitlicher Gebisse. An Fotoserien demonstriert Bernd Bauer die Wirkung verschobener Kieferpartien, vergrößerter oder unansehnlicher Zähne. "Jeder Kiefer ist anders. Vorgefertigte Teile kann man da nicht nehmen", erklärt er. "Jedes Teil wird abgegossen und modelliert. Das dauert schon drei bis vier Tage. "Man muss den Körperbau sehr genau kennen, um ihn verändern zu können. Neben Kreativität und handwerklichem Geschick benötigen die Studenten darum grundlegende Kenntnisse über die Physiognomie des Menschen.
Wir gehen vorbei an Friseurstühlen, durch ein Fotostudio in den Keller, das Herz der Maskenschule - halb Werkstatt, halb Horrorkabinett. Zwei Studenten wühlen in einem Kästchen mit grässlichem Inhalt: Hautfetzen in unterschiedlichen Schattierungen und Größen werden befingert und begutachtet. Die beiden suchen Material für eine Aktion am Wochenende: Im Freizeitpark "Phantasialand" sollen sie für eine Horrorparty Zombies schminken. Die Reste alter Schaummasken sind da ein gutes Ausgangsmaterial. Sie sollen direkt auf die Gesichter geklebt werden, der Rest wird geschminkt. Drei Stunden dauert es, aus einem gesunden Menschen einen lebenden Toten zu machen, eine kurze Zeit im Maskengeschäft.
Das Entstehen der Maske
Für eine vollständige Maske braucht man viel Zeit. Bis alles zusammen ist, können einige Wochen vergehen. Zunächst wird ein Abdruck des Gesichts erstellt: Eine der Abdruckmasse beim Zahnarzt ähnliche Paste wird auf die abzunehmenden Gesichtspartien aufgetragen und mit Gipsbinden verstärkt. Je nach Maskenart kann dabei auch nur ein Stirn-, Kinn-, Nasenabdruck oder ein Abdruck der oberen Gesichtshälfte genommen werden. Der fertige Abdruck wird mit Gips ausgegossen. Mit dieser Form beginnt die konkrete Arbeit des Maskenbildners.
Jetzt kann er Gesichtsteile wie Nase, Augen oder Kinn verändern, Beulen, Wülste oder völlig fremde Elemente anbringen. Die dabei gewonnene neue Form ist die Ausgangsform für die eigentliche Maske oder die Maskenteile. Kaltschaum eignet sich gut als Maskenmaterial. Der Nachteil: Kaltschaummasken wirken sehr großporig. Für nahaufnahmentaugliche Filmmasken verwendet man darum lieber vulkanisiertes Latex. Die Stoffwahl hängt auch von der Kreativität der Macher ab: Bernd Bauer. arbeitet zum Beispiel auch gern mal mit Gelatine.
Der letzte Schliff
Im nächsten Schritt wird die Maske bearbeitet: Sie wird bemalt, geschminkt und mit anderen Maskenteilen kombiniert, etwa einer Glatze, einem engen Latexüberzug, der straff über die Haare gezogen wird und den Träger sehr ins Schwitzen bringen kann. Perücken, Bärte und falscher Haarbewuchs können angeklebt werden. Alle Maskenteile werden auf dem Gesicht mit einem Spezialkleber befestigt. Bei größeren Teilen hat der Maskenbildner nur einen Versuch, die Maske lässt sich nicht wieder abnehmen ohne zu reißen. "Die landet dann in der Zombiekiste", sagt Bernd Bauer.
Zwischen Kunst und Funktionalität
Das Modellieren einer Maske ist immer eine Gratwanderung zwischen dem künstlerischen Anspruch ihres Schöpfers und den pragmatischen Gebrauchsansprüchen des Trägers. Bauers Lieblingsbeispiel dafür ist Picasso: "Der hat wunderbare, fantastische Masken gemacht. Aber er wäre ein ganz schlechter Maskenbildner gewesen, weil seine Kunstwerke nicht tragbar waren. Man muss sich genau überlegen, was der Träger in der Maske leisten muss - und was er mit ihr erreichen will. Wenn er in der Maske sprechen, vielleicht sogar singen muss, müssen wir im Vorfeld die Akustik mit einbeziehen. Man muss im Vorhinein wissen: Wie beweglich muss die Maske sein, soll darunter noch eine eigene Mimik hervortreten oder will man eine starre Maske."
Was wäre für Bauer die ideale Maske? Die Antwort kommt schnell: "Eine Maske ist ja immer eine Momentaufnahme, so wie ein Foto. Es wird ein ganz bestimmter Ausdruck eingefangen. Ideal ist für mich eine vollkommen neutrale Maske, eine Maske ohne eigenen Ausdruck, die den Träger nicht festlegt, sondern ihm ermöglicht genau das darzustellen, was er möchte."
Die Zukunft der Masken
Wir steigen aus der Hexenküche wieder hinauf in die Galeriewelt der "maske", kommen vorbei an einem Regal voller starrender künstlicher Augen und passieren den Kosmetikbereich, in dem die Zombiemacher jetzt nach Blut und Schorfmaterial für Wunden suchen. Die fiesen Zähne sind von den Computerbildschirmen verschwunden. Jetzt konstruieren hier Studenten digitale Masken. "Die Animation wird auch in unserem Bereich immer wichtiger", erklärt Bauer. Werden dann eines Tages die realen Masken aussterben? Bauer schüttelt den Kopf. "Masken hat es immer gegeben und das werden sich die Menschen auch im digitalen Zeitalter nicht nehmen lassen."
Barbara Garde, Stand vom 06.11.2009








