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Michael Gartenschläger: Vom "Rowdy" zum Fluchthelfer

Dass die DDR-Regierung in den 70er Jahren mörderische Sprengfallen installierte, um ihre Bürger an der Flucht in den Westen zu hindern, passte schlecht zu ihren Bemühungen um internationale Anerkennung. Michael Gartenschläger stellte das Regime bloß, indem er Minen heimlich unter Lebensgefahr abbaute und der Öffentlichkeit präsentierte. Seine Aktionen bezahlte er schließlich an der innerdeutschen Grenze mit dem Leben.

Ein Jugendlicher mit leicht gewelltem Haar auf einem Foto von 1961. (Rechte: Lothar Lienicke)

Michael Gartenschläger als 17-Jähriger

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Rockmusik und Rowdytum

Die Jugendlichen in der DDR waren zu großen Teilen von der Rockmusik der 50er Jahre ebenso begeistert wie ihre westlichen Altersgenossen. Da Rundfunk und Fernsehen fast überall - besonders in Berlin - frei zu empfangen waren, Platten über die noch nicht vermauerte Sektorengrenze eingeführt wurden und Musikgruppen sich nicht vollständig kontrollieren ließen, hatten Elvis Presley, Bill Haley, Peter Kraus und Ted Herold hüben wie drüben ihre Fans. In Strausberg bei Berlin hatte sich Anfang der 60er Jahre ein Ted-Herold-Club zusammengefunden. Zu ihm gehörte auch Michael Gartenschläger, damals 17 Jahre alt. Die jungen Leute hatten Spaß beim Tanzen und Musizieren.

Die Funktionäre der "Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands" (SED) und des von ihr gesteuerten Jugendverbandes "Freie Deutsche Jugend" (FDJ) hatten keinen. Westliche Kultur jeder Art wurde beargwöhnt. Das Misstrauen erstreckte sich auf Kleidung, Lese- und Hörgewohnheiten, Kontakte in den Westen und jede die Kontrollschemata der "sozialistischen Menschengemeinschaft" sprengende Aktivität. Wer auffiel, wurde rasch als "Halbstarker" oder "Rowdy" klassifiziert und möglicherweise dauerhaft von der Staatssicherheit (Stasi) beobachtet.

Gefängnisbau mit Schranke und großem Stahltor. (Rechte: Lothar Lienicke)

Zehn Jahre saß Gartenschläger im Zuchthaus

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Der Weg ins Zuchthaus

Wenn Jugendliche in der DDR über die Stränge schlugen, sich nicht konform verhielten und nach den Maßgaben der "sozialistischen Arbeitsdisziplin" funktionierten, griffen die Staatsorgane durch. Jugendwerkhöfe übernahmen dann die Erziehung, im Falle von "staatsfeindlichen" Handlungen oder Fluchtversuchen das Zuchthaus.

Als Michael Gartenschläger und seine Freunde am 14. August 1961 per Fahrrad von Strausberg nach Berlin fuhren, trafen sie auf die "Maßnahmen zur Grenzsicherung" - die Mauer wurde abgeriegelt. Der Ted-Herold-Club ließ seiner Wut über die Absperrung in der folgenden Nacht freien Lauf. Parolen gegen Mauer und SED wurden an Wände gemalt, ein Heuschober angezündet. Heute würden Jugendliche für ähnliche Straftaten wahrscheinlich mit Sozialstunden oder wenigen Tagen Jugendarrest davonkommen. Michael Gartenschläger und vier seiner Freunde wurden zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt. Bei der Urteilsverkündung wurden sie als "Feinde der Arbeiterklasse" bezeichnet, die "auf dem Dunghaufen der Geschichte gelandet" seien.

Schwarzweiß-Bild aus den 70er Jahren. Ein Mann lehnt lässig an der Seite eines Autos. (Rechte: Lothar Lienicke)

Mit einer Werkstatt machte sich Gartenschläger selbstständig

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Kampf gegen die Todesautomaten

Zehn Jahre - seine ganze Jugend - verbrachte Gartenschläger in DDR-Zuchthäusern. Er versuchte erfolglos zu fliehen, er wurde krank, und er war seelisch ebenso traumatisiert wie die meisten anderen politischen Häftlinge in der DDR, als er 1971 von der Bundesregierung, der BRD, freigekauft wurde. Endlich wieder in Freiheit, siedelte Gartenschläger in den Westen über, nach Hamburg.

Sein wichtigstes Ziel wurde in den folgenden Jahren, anderen zur Flucht aus der DDR zu verhelfen. 31 Mal gelang ihm das bei abenteuerlichen Aktionen. Sein Beruf als Autoschlosser half ihm, geeignete Fahrzeuge zu finden und zu präparieren. Aber er wollte mehr: Als die DDR, im Zuge der Entspannungspolitik von immer mehr Staaten anerkannt, schließlich in die UNO (United Nations Organisation) aufgenommen wurde, wollte er die SED-Führung bloßstellen, indem er Sprengminen des Typs "SM 70" von den Sperrzäunen schraubte und öffentlich den Beweis für die Existenz dieser Todesautomaten führte. Zweimal schaffte er es unverletzt.

Durch einen Zaun blickt man auf den Trichter einer Selbstschussanlage. (Rechte: BUND-Projektbüro Grünes Band/Kreutz)

Ein "Todesautomat" am Metallgitterzaun

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Tod an der Grenze

Gartenschlägers erfolgreiche Aktionen versetzten die Stasi-Generäle in Wut. Als sie durch einen Spitzel informiert wurden, dass Gartenschläger erneut eine Sprengmine erbeuten wollte, setzten sie ein Sonderkommando ein. In der Nacht zum 1. Mai 1976 erschossen die Stasi-Leute den 32-Jährigen an der Grenze auf DDR-Gebiet. Drei Projektile trafen den Oberkörper, sechs den Unterleib und die Beine. Die Todesschützen erhielten den "Stasi-Kampforden in Silber", alle Indizien für den Hergang der Tat verschwanden spurlos. Gartenschlägers Leichnam wurde von den Schützen davongeschleppt, seine beiden Helfer entkamen. Einer der beiden hatte mit einer abgesägten Flinte versucht, das Feuer der Todesschützen zu erwidern; daraus machte die DDR-Propaganda einen "bewaffneten Überfall auf die Staatsgrenze."

Auf "Notwehr gegen Grenzterroristen" beriefen sich die Stasi-Leute bei Prozessen, die 2000 und 2003 in Schwerin und Berlin gegen sie im Fall Gartenschläger geführt wurden. Sie wurden freigesprochen. Prozesse gegen Vorgesetzte führten ebenfalls zu Freisprüchen; wo eine Schuld festgestellt wurde, kam es nicht zur Verurteilung, weil der Fall nach DDR-Recht verjährt war. Das Urteil gegen Michael Gartenschläger aus dem Jahr 1961 wurde 1992 aufgehoben. Den Vorschlag, in Strausberg eine Straße nach ihm zu benennen, lehnte die Stadtverordnetenversammlung ab.

Immo Sennewald, Stand vom 11.08.2011

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