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Innerdeutsche Grenze

"Todesstreifen" und "hässlichstes Bauwerk Europas" oder "Friedensgrenze" und "Antifaschistischer Schutzwall": So wurde noch vor 20 Jahren über die innerdeutsche Grenze gesprochen. Sie war der Triumph technisch perfekter Sicherheit über freies und selbstbestimmtes Leben - vorübergehend. Heute triumphiert die Natur über die 1400 Kilometer des einstigen Grenzstreifens, ein "Grünes Band" soll dort künftig seltenen Pflanzen und Tieren Lebensräume sichern. Doch ein paar Narben werden bleiben.

DDR-Grenzstein im Grünen (Rechte: dpa)

Grenzstein am Todesstreifen

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Folgen von Krieg und Kaltem Krieg

Nachdem die Alliierten das nationalsozialistische Deutschland im Zweiten Weltkrieg besiegt hatten, teilten sie das Land ab Juli 1945 zur Verwaltung in vier Besatzungszonen auf. Auf dem Gebiet der späteren Bundesrepublik gaben die USA, Frankreich und Großbritannien den Ton an, die östliche Besatzungszone ging an die Sowjetunion. Diese Aufteilung des später zweigeteilten Deutschlands brachte zwar Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, aber die Grenzpolizei unterstand zunächst noch den Besatzungsbehörden. Die Grenzpolizisten waren oft ehemalige Soldaten, die den Mann auf der anderen Seite noch als Kameraden sahen und die Grenzgänger als Landsleute, die Hunger hatten oder zu ihrer Familie im anderen Sektor wollten. Es wurde geschmuggelt und geschoben - auch zwischen der sowjetischen Besatzungszone und dem als "Trizonesien" bespöttelten Westteil.

Karte von Deutschland: Zu sehen sind die vier Besatzungszonen nach dem Zweiten Weltkrieg. In der jeweiligen Besatzungszone sind die Flaggen von Frankreich, Großbritannien, den USA und der Sowjetunion zu sehen. (Rechte: WDR)

Aus vier Besatzungszonen wurden 1949 zwei deutsche Staaten

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Nach der Gründung von Bundesrepublik und DDR, die 1949 auf eine erste Verschärfung des "Kalten Krieges" zwischen USA und Sowjetunion folgte, drängte der sowjetische Diktator Josef Stalin auf die Sicherung der innerdeutschen Grenze. 1952 begann der Ausbau der Grenze, der innerdeutsche Reiseverkehr wurde immer mehr eingeschränkt, das 1950 gegründete Ministerium für Staatssicherheit (MfS) übernahm eine wichtige Rolle. So war eine spezielle Verwaltungseinheit des MfS nur für die Überwachung der Grenztruppen zuständig. Spätestens nach dem 17. Juni 1953, als in der DDR ein Volksaufstand blutig niedergeschlagen wurde, standen für die regierende "Sozialistische Einheitspartei" (SED) zwei Ziele im Vordergrund: jegliche Opposition zu kontrollieren und zu ersticken sowie den wachsenden Strom von Flüchtlingen zu stoppen. Allein im Jahr 1953 verließen laut dem Presse- und Informationsdienst des Landes Berlin mehr als 330.000 Menschen die DDR - über Westberlin, die innerdeutsche Grenze und ins Ausland.

Großer, unebener Gedenkstein mit der Aufschrift 'Zur Erinnerung Dorf Stresow'. (Rechte: WDR)

Gedenkstein für ein abgerissenes Grenzdorf

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Ganze Dörfer verschwinden

Es gehörte nicht viel dazu, ins Visier der DDR-Sicherheitsorgane zu geraten. Kontakte zu Verwandten oder Freunden im Westen, regelmäßige Kirchgänge oder das Anhören westlicher Rundfunk- und Fernsehsender genügten bereits. Menschen, die diese Kriterien erfüllten und zudem in den grenznahen Orten lebten, wurden seit Gründung der DDR besonders beargwöhnt. In einer ersten Zwangsumsiedlung, initiiert vom damaligen Minister für Staatssicherheit, Wilhelm Zaisser, wurden 1952 Tausende Bewohner solcher Orte ins Landesinnere verfrachtet. Bei der Nacht-und-Nebel-Aktion besetzten Volkspolizisten und Stasi-Mitarbeiter das Dorf, rissen die auf einschlägigen Listen Vermerkten aus dem Schlaf, zwangen sie, nur die nötigsten Habseligkeiten auf Lkw zu stapeln und fuhren davon. Die "politisch Unzuverlässigen" wurden dabei in einen Topf mit Nazis, "Ausländern" und "Personen mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr" geworfen. 1961 folgte eine zweite Welle von Deportationen, die noch bis 1987 weitergingen. Einige Dörfer wie zum Beispiel Stresow wurden geschleift, andere durften fortbestehen, kamen aber völlig herunter wie etwa Großburschla.

Schwarzweiß-Bild: Soldaten errichten einen Stacheldrahtzaun. (Rechte: AKG)

1961 wurde die Grenze ausgebaut

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Tödlich sicher

Der Ausbau der Grenze zur unüberwindlichen Todeszone begann im August 1961 zur gleichen Zeit wie die Errichtung der Berliner Mauer. Entlang der innerdeutschen Grenze wurden Streckmetallzäune, Sperren gegen Fluchtversuche mit Kraftfahrzeugen und Wachttürme errichtet, das Grenzgebiet wurde vermint. In einer Zone von fünf Kilometern vor der Grenze galten Aufenthalts- und Einreisebeschränkungen, die streng kontrolliert wurden. Wer in Grenznähe wohnte, war in seiner Bewegungsfreiheit noch mehr eingeschränkt, als jeder andere DDR-Bürger. Anfang der 70er Jahre schraubten die Grenzsoldaten Sprengminen des Typs "SM 70" an den Zäunen fest. Sie waren unter dem Begriff "Selbstschussanlagen" bekannt und verstießen nach Ansicht des Westens gegen internationale Konventionen wie die Haager Kriegswaffen-Konvention, weil sie Flüchtlinge besonders brutal verletzten. Wer die Sprengladung über Signaldrähte an den Zäunen auslöste, wurde von über 100 spitzen Metallsplittern zerrissen. Laut der Berliner Staatsanwaltschaft ließen insgesamt 270 Menschen ihr Leben bei einem Fluchtversuch über die innerdeutsche Grenze. Andere Organisationen gehen allerdings von einer höheren Opferzahl aus.

Gestelltes Foto für die Presse: Franz-Josef Strauß steht neben Erich Honecker. (Rechte: dpa)

Milliardenkredit gegen Sprengminen

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Grenze weg - Konflikte da

Dass sie ihre Bürger einmauern und bespitzeln musste, um die Heilsversprechen der SED einzulösen, war die Bruchstelle im Fundament der DDR. Bei wachsenden wirtschaftlichen Problemen versuchte die Regierung unter Erich Honecker, in den 80er Jahren auf dem internationalen Parkett politisches Ansehen zu erlangen, während im Inneren die Motivation der Bevölkerung dahinschwand. Der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß erreichte 1983, dass das SED-Regime die "SM 70" von den Grenzzäunen abbaute, indem er der klammen DDR mit einem Milliardenkredit aus der Bedrängnis half. Modernisierte elektronische Überwachung ersetzte die Todesautomaten, auch die Bodenminen wurden bis 1985 offiziell geräumt. Aber erst Mitte der 90er Jahre, lange nach dem Ende der Grenze, war diese Räumung vollständig.

Nach der Grenzöffnung im November 1989 dauerte es nur kurze Zeit, bis die Wirtschaft der DDR zusammenbrach. Milliardenhilfen flossen nach der deutschen Einheit in die neuen Länder, die Zonenrandgebiete im Westen verloren dagegen ihre Förderung. Die in der DDR durchgesetzten Enteignungen von Grundstücken in den Grenzorten sorgten - sofern sie nicht rückgängig gemacht wurden - für Rechtsstreit, die juristische und politische Aufarbeitung des Grenz- und Überwachungssystems verlief für viele enttäuschend. Von den etwa 3000 Ermittlungsverfahren wegen Gewalttaten an der Grenze wurden circa 90 Prozent eingestellt. Kam es zu Prozessen, endeten diese meist mit Freisprüchen oder Bewährungsstrafen.

Abschnitt der Werra bei Vacha, südlich von Eisenach: Der Fluss fließt durch liebliches Hügelland. (Rechte: dpa)

Vom Grenzfluss zum Naturbiotop: die Werra

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Das "Grüne Band"

Was für Menschen spätestens ab 1961 ein tödliches Sperrgebiet war, bot gleichzeitig Pflanzen und Tieren Schutz - vor allem den kleinen. Bäume und Sträucher wurden zwar gerodet, Wildschweine und Rehe von Minen zerfetzt, aber Insekten, Vögel, Fledermäuse sowie Fauna und Flora der Bäche und Seen erfreuten sich fast 40 Jahre lang eines ungestörten Daseins. Der Artenreichtum war schon 1979/80 vom "Bund Naturschutz in Bayern" kartiert worden; Heinz Sielmann setzte sich seit Ende der 80er Jahre dafür ein, ihn zu erhalten und einen "Nationalpark von der Ostsee bis zum Bayerischen Wald" zu gründen. Inzwischen ist daraus ein Projekt für das grenzenlose Europa geworden: Im Verlauf des einstigen "Eisernen Vorhangs" soll ein "European Green Belt" den Kontinent durchziehen. Konkret gibt es diese Vision seit 2003, in Deutschland machen sich die Naturschutzorganisationen für ihre Verwirklichung stark. Seit 2001 erfassen Forscher die Tier- und Pflanzenbestände.

Ob ein geschlossener Naturpark tatsächlich entsteht, ist aber fraglich. Landwirtschaft und Tourismus melden ihre Ansprüche auf die nun ungeteilten Flächen und Landschaftsschönheiten an. Inzwischen favorisieren die Fachleute eine "Perlenschnur" von Schutzgebieten. Viele, die in der Grenze ein politisches Symbol sehen, wollen außerdem die Erinnerung an das Unrecht des DDR-Regimes wachhalten - eine mindestens ebenso anspruchsvolle Aufgabe.

Immo Sennewald, Stand vom 11.08.2011
Sendung: 50 Jahre Berliner Mauer - Was war, was bleibt?, 12.08.2011

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