Serienmörder
Charakterisierung
Der Düsseldorfer Kriminalhauptkommissar Stephan Harbort ist ein ausgewiesener Fachmann für Serienmörder. Er hat alle in Deutschland bekannten Serienmorde von 1945 bis 2000 untersucht, ausgenommen blieb wegen der schwierigen Quellenlage die DDR. Der Experte kommt zu dem Schluss, dass der deutsche Serienmörder nur mäßig bis durchschnittlich intelligent ist. Seine Opfer sucht er sich meist in seiner näheren Umgebung, in einem Radius von zirka 30 Kilometern. In der Kindheit erlebt der Serienmörder oft emotionale Kälte, familiäre Gewalt und Alkoholismus. Auffallend häufig zeigen Serienmörder Gehirnanomalien. Viele Sexualmörder wohnen in Großstädten, sind zwischen 16 und 36 Jahre alt, ledig oder geschieden und kinderlos. Sie verhalten sich meist unauffällig und sind sozial angepasst, fallen in ihrem Umfeld also nicht negativ auf. Der Großteil aller Sexual-Serienmörder hat auffallende sexuelle Neigungen, wie zum Beispiel Fetischismus. Mehr als 75 Prozent der Täter sind bereits zuvor durch Sexualstraftaten aufgefallen.
Probleme bei wenig intelligenten Tätern
Auch Raubmörder sind in fast 90 Prozent der Fälle bereits vor der Serientat strafrechtlich erfasst worden. Dabei überrascht es auch den Experten Harbort, dass die Polizei mit wenig intelligenten Tätern größere Schwierigkeiten hat. Im Schnitt braucht sie für die Überführung eines Täters mit niedrigem Intelligenzquotienten (IQ) doppelt so lange wie für die eines durchschnittlich bis sehr intelligenten Serienmörders. Der Fall eines Mannes, der einen IQ von lediglich 76 hatte, ist unter diesem Aspekt in die Kriminalgeschichte eingegangen. Von der Presse wurde er zum "Kannibalen vom Rhein" erklärt und in der Tat waren seine Verbrechen ungeheuer abstoßend und grausam. Dennoch blieb er 20 Jahre unentdeckt, bis ihn die Polizei schließlich stellen konnte. Zwischen 1945 und 1995 wurden in den alten Bundesländern 54 Männer und sieben Frauen wegen mindestens drei Morden überführt.
Täterprofil
Auch das amerikanische FBI hat umfangreiche Forschungen zu Serienmördern durchgeführt. Danach haben sich im Wesentlichen zwei Prototypen herauskristallisiert: der planmäßige und der planlose Täter. Zudem unterscheiden die Polizei-Spezialisten zwischen dem Leben vor der Tat, dem Stil des Verbrechens und dem Verhalten nach der Tat. Planvoll vorgehende Serienmörder sind meist gebildet, haben eine feste Beschäftigung, hatten eine normale Kindheit und sind verheiratet oder leben in einer festen Beziehung. Bei der Tat, noch vor dem Tod des Opfers, sind sie aggressiv und gewalttätig, benutzen Zwangsmittel wie Handschellen oder Fesseln und verstecken die Leiche. Nach der Tat verfolgen sie aufmerksam die Medienberichte und nehmen sogar Kontakt zu Polizeibehörden auf - sie sind nicht selten "Polizeifans". Planlose Täter verhalten sich in vielen Dingen gegenteilig. Sie hatten eine schwere Kindheit, sind soziale Außenseiter, haben einen niedrigen IQ, leben zurückgezogen. Bei der Tat benutzen sie keine Zwangsmittel, sie verstecken die Leiche nicht und vollziehen sexuelle Handlungen erst nach der Tötung. Medienberichte über ihre Taten ignorieren sie. Eine klare Zuweisung in die eine oder andere Kategorie ist jedoch oft nicht möglich. Die meisten Täter haben Anzeichen aus beiden Kategorien. Außerdem ist die Einteilung in zwei Gruppen stark vereinfacht. Neuere Erkenntnisse differenzieren mehr als vier unterschiedliche Täter-Typologien.
Dem Täter auf der Spur
Um Mordserien schnell zu erkennen, nutzt das Bundeskriminalamt (BKA) das in Kanada entwickelte Datenbanksystem "VICLAS" (Violent Crime Linkage Analysis System). Mit einem 168 Fragen umfassenden Erhebungsbogen werden Informationen zu Täter, Opfer, Tathergang, benutzten Waffen oder Fahrzeugen und eventuell festgestellter Todesursache in das System eingegeben. Der BKA-Rechner sucht dann unter den eingetragenen Delikten nach Mustern, die einen Zusammenhang zwischen verschiedenen Taten aufdecken könnten. Eingespeist werden Tötungsdelikte, Vermisstenfälle, Sexualstraftaten und das verdächtige Ansprechen von Kindern. Das Ziel: Erkennen von bereits bekannten oder rückfälligen Tätern und von Serienverbrechen.
Das System ist aber nur so gut wie die eingestellten Daten. Daran hapert es noch - es sind bisher zu wenige Fälle erfasst. Deshalb wird VICLAS erst in einigen Jahren effizient arbeiten.
Harald Brenner, Stand vom 01.06.2009





