Gewalt in der Pflege

Pflegerin mit Mann im Rollstuhl auf dunklem Flur.

Pflege

Gewalt in der Pflege

Von Andrea Wengel und Tobias Aufmkolk

Schlagzeilen über Gewalt in Pflegeheimen schrecken regelmäßig auf. Meist handelt es sich um Berichte über körperliche Gewalt – Ruhigstellung mit Medikamenten, Freiheitsberaubung durch Festbinden an Stuhl oder Bett, Schlagen von Heimbewohnern. Doch Gewalt hat viele Facetten, gerade wenn es um den sozialen Nahbereich geht, der bei pflegebedürftigen Menschen die Hauptrolle spielt. Gewalt ist sowohl ein physisches als auch ein psychisches Phänomen. Sie findet nicht nur in Pflegeheimen und Kliniken, sondern auch im privaten Bereich statt.

Gewalt ist keine Einbahnstraße

In der Pflege verläuft Gewalt häufig subtil und wird oft nicht als solche begriffen. Missachtung des Willens, soziale Isolierung, Verletzung des Schamgefühls, Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Mangel an Ernährung und Hygiene – all das sind Formen der Gewalt.

Ein pflegebedürftiger Mensch hat genau die gleichen Grundbedürfnisse wie ein gesunder Mensch. Doch er hat ein Problem: Um diese Grundbedürfnisse zu erfüllen, ist er auf andere angewiesen.

Dass das nicht immer funktioniert, ist in den meisten Fällen eine Folge der Überforderung. Die gibt es auf beiden Seiten. Nicht immer richtet sich Gewalt nur gegen den Pflegebedürftigen. Denn auch der muss mit einer neuen und schwierigen Lebenssituation klar kommen, besonders dann, wenn er sich in einem Pflegeheim wiederfindet.

Veränderte Lebensbedingungen

Der vertraute Lebensraum und das vertraute soziale Umfeld des Pflegebedürftigen sind verloren gegangen. Im schlimmsten Fall wird er in einem Mehrbettzimmer untergebracht. Die Intimsphäre ist somit auch weg.

Dazu kommt ein straff organisierter Tagesablauf, der den individuellen Rhythmus des Heimbewohners nicht berücksichtigt. Auch wenn dahinter funktionelle Gründe stehen, so kann das für den Pflegebedürftigen durchaus eine Form der Gewalt sein. Und er reagiert.

Wenn alte Menschen verwirrt, desorientiert, hilflos, wütend oder verzweifelt sind, dann schlagen auch sie vielleicht zu. Angst, Unzufriedenheit, Zorn und Aggression sind gerade am Anfang einer solchen neuen Lebenssituation nicht selten. Die Aggressionen können sich gegen die Pflegekräfte, Angehörigen oder Mitbewohner richten.

Diese Situation belastet alle Beteiligten. Natürlich kann der Pflegebedürftige seine Aggression auch gegen sich selbst richten, bis hin zum Selbstmord.

Pfleger füttert einen Pflegebedürftigen in einem Mehrbettzimmer.

Mehrbettzimmer sind durchaus üblich

Missstände in Pflegeheimen

Berichte von Gewalt und Misshandlungen in Pflegeheimen werden immer wieder publik. Ihre Ursache hat sie vor allem in den Misständen des Pflegesystems. Für jeden Pflegebedürftigen ist eine festgelegte Pflegezeit und ein knapp bemessenes Budget vorgesehen. Gestresste, überforderte oder unqualifizierte Pflegekräfte erschweren die Situation.

Die Schwelle, an der Aggression und Gewalt anfangen, ist fließend. Oft ist sie den Beteiligten nicht bewusst. Es beginnt mit dem unerlaubten Duzen oder dem unangekündigten Betreten des Zimmers. Um Zeit in der Pflege zu sparen, werden Pflegebedürftigen zum Beispiel die Klingel oder das Telefon weggenommen, damit sie nicht bei jeder Kleinigkeit den Pfleger rufen können.

Auch das vorsorgliche Windeln ist in manchen Pflegeheimen an der Tagesordnung. Aus Mangel an Personal fehlt es an der Zeit, mit jedem Pflegebedürftigen auf die Toilette zu gehen. Gipfel der Gewalt sind Anschreien, Tätlichkeiten, die Ruhigstellung mit Medikamenten oder die Fixierung der Pflegebedürftigen ans Bett.

Alte Frau wird ans Bett fixiert.

Gipfel der Gewalt: die Fixierung ans Bett

Gewalt in der privaten Pflege

Doch Gewalt in der Pflege ist nicht nur ein Problem der Pflegeheime. Auch im privaten Umfeld ist sie keine Seltenheit. Auch hier ist Überforderung die Ursache – durch Stress, Erschöpfung, fehlendes Wissen und die gezwungenermaßen sehr intensive Auseinandersetzung mit dem Angehörigen. Der Pflegebedürftige hält die pflegende Person oder sein Umfeld ständig auf Trab, fordert, ist unleidlich.

Die enge Beziehung, die gegenseitige Abhängigkeit und Schuldgefühle können im Alltag zu Grenzsituationen führen. Plötzlich ist da die ungewohnte körperliche Nähe, Schamgefühl oder Ekel. Die Rollenverteilung in der Familie hat sich umgekehrt, lässt vielleicht längst vergangene Probleme mit dem anderen wieder aufleben.

Den Kreislauf durchbrechen

Hat es eine Situation der Gewalt gegeben, darf sie nicht mit "Überforderung" oder einem "schlechten Tag" entschuldigt werden. Es sollte geklärt werden, woher diese Aggression kommt. Pflegende müssen sich an dieser schwierigen Situation weiterentwickeln.

Dazu gehört auch, sich in die Person des Pflegebedürftigen hineinzuversetzen: Warum reagiert er aggressiv, warum will er sich nicht waschen lassen, warum jammert er ununterbrochen, obwohl ich doch alles für ihn tue?

Erst wenn man den anderen und dessen Situation verstehen kann, ist es möglich, gegen die eigene Aggression vorzugehen. Dieser Entwicklungsprozess ist langwierig und erfordert in vielen Fällen professionelle Hilfe.

Weiterführende Infos

Stand: 22.08.2018, 10:15

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