Einsamkeit – woher sie kommt und wie sie wieder geht

Frau von hinten sitzt in leerer Stuhlreihe.

Emotionen

Einsamkeit – woher sie kommt und wie sie wieder geht

Von Angelika Wörthmüller

Niemand will einsam sein. Doch statt sie zu verdrängen oder mit allen möglichen Aktivitäten zu überdecken, sollten wir uns ihr bewusst zuwenden. Denn Einsamkeit ist ein nützliches Gefühl. Sie zeigt uns, dass Veränderungen anstehen. Sie ist eine Aufforderung, sich neue Schritte zu überlegen und diese auch zu gehen.

Mit Einsamkeit verbinden sich oft nur negative Vorstellungen – ein Gefühl, das keiner haben will. Wer sich einsam fühlt, schämt sich oft dafür, versteht sich als Versager und zieht sich noch weiter zurück.

Doch Einsamkeit ist nicht nur ein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Problem, das alle angeht. Das haben Regierungen inzwischen erkannt. In Großbritannien gibt es bereits ein Einsamkeitsministerium und auch hierzulande hat die Diskussion über drohende Vereinsamung begonnen.

SWR Grafik Einsamkeit

Nicht nur Hochbetagte sind einsam

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Einsamkeit trifft nicht nur alte Menschen, sondern sie kann in jedem Lebensalter auftreten. Der Umzug in eine fremde Stadt, Trennung von einem Lebenspartner oder schwere Krankheit können Auslöser sein.

In der Altersgruppe zwischen 26 und 35 Jahren tritt Einsamkeit relativ häufig auf – bei 14,8 Prozent der 16.000 Personen, die die Forscher Maike Luhmann und Louise Hawkley im Jahr 2013 befragten. In diesem Alter sind Freundschaften und Beziehungen oft nicht stabil und verlässlich.

Am seltensten traten Gefühle der Einsamkeit bei Menschen zwischen 66 und 75 Jahren auf. In dieser Lebensphase haben viele Menschen ein verlässliches soziales Netz und können sich im Ruhestand eigenen Interessen widmen, was den Bekannten- und Freundeskreis stabilisiert oder sogar erweitert.

Erst im hohen Alter – über 86 Jahre – litten über 20 Prozent der Befragten unter Einsamkeit. In dieser Lebensspanne sind enge Freunde oder Partner häufig schon verstorben und gesundheitliche Einschränkungen erschweren den Aufbau neuer Beziehungen.

Kinder lernen von ihren Eltern, gute Beziehungen zu führen

Es gibt keine erbliche Vorbelastung für Einsamkeit – aber bestimmte soziale Muster in der Familie machen ihre Entstehung wahrscheinlicher. Wenn Eltern nicht vorleben können, wie Beziehungen gelingen, dann haben es auch ihre Kinder schwerer, dies zu erlernen. Gehen Vater und Mutter zum Beispiel ungern ans Telefon und sprechen nie mit den Nachbarn, werden sich auch ihre Kinder zunächst auf Rückzug statt auf Offenheit orientieren.

Überhaupt sind Kindheit und Jugend entscheidend für das Risiko, in die Einsamkeit zu rutschen. Untersuchungen aus Waisenhäusern in den 1960er Jahren zeigten, dass mangelnde Zuneigung und Aufmerksamkeit Kinder erst zu lautem Weinen veranlasst und sie dann nach wiederholtem Ignorieren lethargisch und verhaltensgestört werden lässt. Ein Beweis dafür, dass Menschen ohne Liebe nicht existieren können.

zwei Mädchen unterhalten sich, ein Mädchen steht nebenan.

"Ein wichtiger Schutz gegen Einsamkeit ist das Entwickeln von Grundvertrauen", sagt die Psychologin Prof. Sonia Lippke. Wichtig sei auch, dass Kinder von ihren Eltern lernen, gute Beziehungen zu führen. Der tägliche Umgang in der Familie habe Vorbildfunktion.

Lippke: "Wenn Kinder selbst erfahren, dass sie Aufmerksamkeit und Verständnis bekommen, lernen sie, dies auch in ihren Beziehungen zu entwickeln." Eine wichtige Basis für den Aufbau tragfähiger Freundschaften. Die Kontaktkompetenz zu fördern, ist nach Auffassung von Prof. Lippke auch eine gesellschaftliche Aufgabe, der sich Schulen und Erziehungseinrichtungen stellen müssten.

Einsamkeit kann krank machen

Einsamkeit ist ein ernst zu nehmender Risikofaktor für die Gesundheit. Das haben wissenschaftliche Auswertungen von Statistiken gezeigt. Wer sich sozial isoliert fühlt, hat ein viel größeres Risiko, einen Schlaganfall zu bekommen oder an Krebs zu erkranken. Auch die Wahrscheinlich für einen Herzinfarkt ist erhöht sowie das Risiko, vorzeitig zu sterben.

Lebensumstände, die einsam machen

Die äußeren Lebensumstände spielen beim Thema Einsamkeit eine große Rolle. Wer in einem Dorf lebt, in dem jeder jeden kennt, wo es regelmäßige Treffen gibt und der soziale Zusammenhalt groß ist, gerät weniger leicht in die Einsamkeit, als jemand, der in einer Stadt wohnt, in der die Freundeskreise geschlossenen Gesellschaften ähneln und selbst im Hausblock kein Mensch den anderen kennt.

Auch Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeit können in die soziale Isolation führen – nicht nur weil das Geld knapp ist, sondern auch, weil damit oft ein Verlust an Selbstwertgefühl einhergeht. Doch keiner dieser Umstände ist ausweglos. Es gibt viele Wege, die aus der Einsamkeit herausführen. Sie haben eines gemeinsam: Sie beginnen mit dem Entschluss, aktiv zu werden.

Aktiv werden gegen Einsamkeit

Wissenschaftler haben ein Konzept gegen Einsamkeit entwickelt, das kurz "EASE" heißt:

E steht für Erweiterung des Aktionsradius,

A für Aktivität,

S für das Selektieren von Kontakten,

E für: Erwarten Sie das Beste!

Als Erstes geht es darum, über den Tellerrand zu schauen, den inneren Schweinehund zu besiegen, sich aus dem Gewohnten herauszubewegen und etwas Neues zu machen.

Da kommt vieles in Frage: zum Beispiel einem Sportverein beitreten, sich einer Wandergruppe anschließen, einen Kochkurs belegen oder in die örtliche Gemeinde gehen. Es kann auch die Übernahmen eines Ehrenamtes sein oder die Anschaffung eines Hundes oder einer Katze. Damit verbunden sind dann automatisch neue Aktivitäten und Kontakte.

Als nächstes ist es wichtig, genauer zu prüfen, welche Beziehung einem wirklich etwas bedeutet. Besteht da eine Herzensverbindung oder ist es nur oberflächliches Geplänkel. Die Qualität der Kontakte gilt es also zu bewerten und sich dann bewusst für diejenigen zu entscheiden, die einem wirklich guttun.

Bei den neuen Schritten kann es durchaus Spaß machen, sich immer wieder vorzustellen, wie gut sich die neue, bereicherte Lebenssituation anfühlen wird. Das macht vieles leichter. Zu hohe Erwartungen an sich selbst oder an andere wirken dagegen eher hinderlich. Wer sich zu schnell enttäuschen lässt, wird schon nach kurzer Zeit wieder aufgeben. Deshalb: Geduld haben! Und die Einsicht: Einsamkeit ist keine Schande. Sie ist ein nützliches Gefühl. Wer merkt, dass er einsam ist, weiß: Es ist an der Zeit, etwas zu tun!

Stand: 13.02.2019, 14:00

Darstellung: