Wiederaufbau nach 1945

Zerstörte in München 1946.

München

Wiederaufbau nach 1945

Von Lothar Nickels

Wie viele Großstädte in Deutschland wurde auch München während des Zweiten Weltkriegs in Schutt und Asche gelegt. Als die Amerikaner am 30. April 1945 in München einzogen, fanden sie eine Stadt vor, die zur Hälfte dem Erdboden gleichgemacht war. Die historische Altstadt war sogar zu 90 Prozent zerstört.
Vor dem Krieg lebten mehr als 800.000 Menschen in München. Danach waren es nur noch knapp 480.000. Doch schon ein Jahrzehnt nach dem Krieg waren alle Trümmer beseitigt. Zwölf Jahre nach Kriegsende sprengte die Einwohnerzahl Münchens bereits die Millionengrenze.

Wiederaufbau statt Neubau

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist Thomas Wimmer die treibende Kraft des Wiederaufbaus. Als Bürgermeister ruft er zum "rama dama" ("Aufräumen tun wir!") auf. Die Einwohner beseitigen gemeinsam alle Kriegstrümmer, die die mehr als 60.000 Sprengstoffbomben und 3,4 Millionen Brandbomben der Alliierten hinterlassen haben. Innerhalb weniger Jahre gelingt es, der alten Residenzstadt der Wittelsbacher ihren ursprünglichen Glanz zurückzugeben.

Weil anfangs fast kein Stein mehr auf dem anderen steht, gibt es sogar Pläne, München am Starnberger See ganz neu zu erbauen. Dank Karl Meitinger, dem damaligen Münchner Stadtbaurat, werden diese Pläne aber verworfen. Fortan lautet die Maxime: So viel als möglich bewahren und sich trotzdem dem Neuen nicht verweigern. Denn die Münchner sollen ihre einzigartige und liebgewonnene Stadt wiedererkennen können.

Viele alte Hausfassaden werden nach ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild restauriert. Gleichzeitig entstehen hinter den Fassaden neue Gebäude, wie etwa in den beiden Prachtsstraßen Maximilian- oder der Ludwigstraße. Besonders in der Altstadt möchte man markante Straßenzüge und Bauwerke erhalten, um so den ursprünglichen Charakter zu bewahren.

Zwölf Kirchen in der Altstadt sind durch die Bombenangriffe schwer beschädigt worden. Bis auf ein Gotteshaus werden alle wieder aufgebaut. Dank dieser Bemühungen, am historischen Stadtbild festzuhalten, erscheint München heute älter als viele Städte, die nach 1945 umgebaut wurden. Diesen eleganten Charme schätzen Einheimische und Besucher gleichermaßen.

Der Schwarzmarkt hat Hochkonjunktur

Durch den Krieg ist den Münchnern nicht einmal das Nötigste geblieben. Sie behelfen sich in ihrer Not: Kleidung stellen sie selbst her – aus Bettwäsche oder Militärdecken. Lebensmittelmarken sollen helfen, Kaffee, Brot oder Fleisch gerecht zu verteilen. Die jeweiligen Mengen sind streng rationiert.

Was darüber hinaus gebraucht wird, versuchen die Münchner, wie überall nach dem Krieg, durch Tauschhandel oder zu überzogenen Preisen zu erwerben. Ein florierender Schwarzmarkt entsteht. Der bekannteste in München ist der in der Möhlstraße. Nach Schätzungen sollen 30 Prozent aller verfügbaren Waren auf dem Schwarzmarkt umgesetzt worden sein. Die übliche Währung ist allerdings nicht Geld, sondern amerikanische Zigaretten.

Schwarzweiß-Foto: Geld wird gegen Zigaretten getauscht.

In der Nachkriegszeit blüht der Schwarzmarkt

Dem Wucher auf den Schwarzmärkten wollen bayerische Betriebsräte nicht weiter tatenlos zuschauen. Sie fordern im März 1947, dass die Lebensmittelrationen erhöht und die Todesstrafe auf Schwarzhandel eingeführt werden soll.

Einige Monate später, im Jahr 1948, unterstreichen Arbeiter diese Forderung und streiken. Allein in München sind es 10.000, die ihre Arbeit niederlegen. Die Behörden lenken ein: Fleisch, Fett und Eier unterliegen nicht mehr der Rationierung.

München als Wirtschaftsmetropole

Viele Vertriebene und Flüchtlinge kommen nach dem Krieg nach München. Das belebt die Stadt. Gleichzeitig verliert Berlin, das unter den Allierten aufgeteilt war, zunehmend an Bedeutung. Für München ist das ein Glücksfall.

Große Unternehmen wie Siemens siedeln von der Spree an die Isar über. Es heißt, dass Ernst von Siemens ein begeisterter Museumsbesucher war und die Berge liebte. Das soll für ihn ein Kriterium gewesen sein, München als Standort für seine Firma zu wählen. Als der Konzern im April 1949 schließlich seine Zentrale am Wittelsbacherplatz eröffnet, ist das für das Statistische Amt München der "Funke, der das Feuer entfachte."

Wittelsbacherplatz in München.

Seit 1949 residiert Siemens am Wittelsbacherplatz

Die Max-Planck-Gesellschaft lässt sich ebenfalls in der bayerischen Landeshauptstadt nieder. Hier entsteht in den Folgejahren die höchste Dichte an Forschungseinrichtungen der Max-Planck-Institute in der gesamten Bundesrepublik.

München verfügt kaum über zukunftsschwache Wirtschaftszweige, wie etwa das Ruhrgebiet mit seiner einseitig ausgerichteten Schwerindustrie. So kann die Stadt sich schnell zu einem Spitzenstandort für Hochtechnologie entwickeln, die Arbeitsplätze bietet und Menschen anzieht. Und wo viele Menschen leben, sind viele Dienstleistungen gefragt. Folglich wächst auch dieser Sektor.

Münchens Entwicklung blieb auch dem Ausland nicht verborgen. 1962 schwärmte die New York Times von München als der wahrscheinlich lebendigsten Stadt Deutschlands. Und der Spiegel titelte nur zwei Jahre später: "München schickt sich an, die heimliche Hauptstadt Deutschlands zu werden."

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Neben der Hochtechnologie beschert die Filmindustrie der bayerischen Hauptstadt einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Nach dem Krieg enteignen die amerikanischen Besatzer das Filmgelände der Bavaria. Hier hatte in den 1920er Jahren schon Alfred Hitchcock gearbeitet.

1955 wird die "Bavaria Filmkunst AG" reprivatisiert. Weitere vier Jahre vergehen bis zur Gründung der "Bavaria Atelier GmbH" im August 1959. Von ihrer einstigen Konkurrenz, der "Ufa" und deren Babelsberger Studios, hat die Bavaria von da an nichts mehr zu befürchten. Nach Kriegsende liegen die Ufa-Studios auf dem Gebiet der DDR. Damit ist für München der Weg frei, zur größten deutschen Filmstadt aufzusteigen.

In den Bavaria Filmstudios werden jedoch nicht nur große Kinoproduktionen abgedreht, auch das Fernsehzeitalter hält Einzug im Süden Münchens. Berühmte TV-Serien wie "Raumpatrouille Orion" oder der "Tatort" werden hier produziert.

Schriftzug "Bavaria Film" und "Sturm der Liebe".

In den Bavaria Filmstudios werden bis heute TV-Serien gedreht

Stand: 23.07.2019, 13:55

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