Volksmusik

Musik

Volksmusik

Jedes Land, jede Region hat eigene volksmusikalische Spielarten. Oft wird Musik durch umherziehende Musiker weitergegeben. In Europa ist diese Tradition ausgestorben, aber in anderen Ländern ist diese Form der Musikvermittlung auch heute noch üblich. Wie einst die französischen Troubadoure ziehen zum Beispiel noch heute in Indien Baul-Musiker durch das Land, um ihre Lieder zu singen.

Lebendig durch mündliche Überlieferung

Zu allen Zeiten, in allen Ländern wird auf die eine oder andere Weise musiziert. Die meisten dieser Musiken sind Volksmusiken. Also Musikstile, die auf Traditionen beruhen und die nicht durch einzelne, hervorgehobene Komponisten, sondern durch allgemeine Überlieferung an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden.

Manche dieser Musikstile umfassen grenzübergreifende Landstriche, andere beschränken sich auf kleinere Regionen, teilweise sogar auf einzelne Ortschaften.

Viele Kulturen haben bis heute keine Notation entwickelt, das heißt sie schreiben die Musik nicht in Notenschrift auf, um sie damit anders zu weiterzugeben als über die musikalische Praxis. Aus diesem Grund ist es heute auch außerordentlich schwer nachzuvollziehen, auf welche Weise in vergangenen Zeiten musiziert wurde.

Volksmusikalische Tradition in Europa

Die frühesten europäischen Aufzeichnungen beziehen sich auf geistliche Musik, aus der sich ein Teil der volksmusikalischen Traditionen speist. Zu den ersten weltlichen Musikkulturen, über die es genauere Aufzeichnungen gibt, gehören die Lieder der Troubadoure und Minnesänger, Vorläufer sowohl für Kunstmusik als auch Quelle zahlreicher Volkslieder.

Schwarzweiß-Stich: Ein Minnesänger vor mehreren Frauen

Minnesänger spielten ihre Lieder gerne vor Frauen

Volksmusik hat in vergangenen Jahrhunderten häufig einen starken Beitrag zu regionalen oder nationalen Identitäten geliefert, teilweise finden sich solche Prägungen auch in Europa noch bis heute. Bei der "singenden Revolution" im Baltikum spielte das heimische Liedgut eine große Rolle in der Auseinandersetzung mit den russischen Invasoren.

Flamenco-Musik prägt nach außen einen Teil der spanischen Identität, genauso wie der Tango für Argentinien und der Fado für Portugal stehen. Auch alte Mundarten oder sogar Sprachen sind für ihr Überleben auf Volksmusiken angewiesen: Das Elsässische, Gälische, Korsische oder Provenzalische bleiben durch Volkslieder in den entsprechenden Sprachen lebendig.

Volksmusik und volkstümliche Musik

In Deutschland ist das Verhältnis zur Volksmusik seit dem Dritten Reich gespalten. Die Nazis haben die Traditionen des Volkes für ihre Zwecke ideologisch aufgeladen. Deshalb galt auch Volksmusik lange als politisch belastet.

In dem dadurch entstandenen Vakuum konnte sich die sogenannte "volkstümliche Musik" erfolgreich etablieren. Die Stars dieser Szene setzen heute in Deutschland mehr Geld durch Konzerte, CDs und TV-Auftritte um als Popmusiker.

Heino auf der Bühne

Heino ist wohl der populärste Sänger volkstümlicher Musik

Volkstümliche Musik lehnt sich in zahlreichen Details an die Volksmusik an. Melodien, Ausstattung, Instrumentierung orientieren sich an Volksmusiken, auch wenn es sich um aktuelle Produktionen handelt, die musikalisch nur noch wenig mit den eigentlichen Traditionen verbunden sind.

Häufig unterscheiden sich auch die Texte volkstümlicher Lieder deutlich von denen der Volksmusik: Traditionelle Volksmusik erzählt in der Regel von tatsächlichen Begebenheiten und benutzt eine stark symbolische Sprache, während die meisten volkstümlichen Lieder sich mehr an den Sprachgewohnheiten des Schlagers orientieren.

Nicht mehr in aller Munde: das Volkslied

Der Begriff des Volkslieds wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Johann Gottfried Herder (1744-1803) geprägt. In jener Zeit, im Übergang zwischen Klassik und Romantik, entstand in Deutschland eine neue Leidenschaft für alles Volkstümliche. In den Schöpfungen des Volks sahen die Zeitgenossen das Ursprüngliche und Wahre.

Herder und den Romantikern in seiner Nachfolge verdanken wir heute die wichtigsten Sammlungen und Aufzeichnungen von Volksliedern. Die berühmteste Zusammenstellung stammt von Clemens Brentano (1778-1842), der Anfang des 19. Jahrhunderts mehrere Bände unter dem Titel "Des Knaben Wunderhorn" veröffentlichte.

Clemens Brentano

Clemens Brentano – Herausgeber von "Des Knaben Wunderhorn"

Auch wenn unser Verständnis vom Volkslied von diesen Arbeiten der Romantiker wesentlich geprägt wurde, ist der Begriff des Volksliedes bis heute nicht eindeutig definiert.

Auf der einen Seite gilt das Volkslied als eine Schöpfung des Volks: Lieder, deren Melodie und Texte ausschließlich mündlich überliefert wurden. Doch auch diese Lieder gehen häufig auf einzelne Schöpfer zurück, die uns heute oft unbekannt sind.

Auf der anderen Seite sind viele Kunstlieder zu Volksliedern geworden. Vor allem Franz Schubert (1797-1828) komponierte zahlreiche Lieder, die sich nicht nur als Kunstlieder in den Konzertsälen, sondern auch als allgemeines Liedgut durchsetzten, wie der berühmte "Lindenbaum" ("Am Brunnen vor dem Tore…").

Komponisten wie Friedrich Silcher (1789-1860) sammelten Melodien und Motive aus dem Volksgut, um danach Lieder zu komponieren. Silchers Kompositionen gehen häufig auf Material zurück, das der Chorleiter als Volksmusik bereits vorgefunden hatte. Auch Schubert und Brahms griffen in ihren Kompositionen teilweise auf bekannte Melodien zurück.

Durch die Verbreitung von Musik durch die modernen Medien sind rein mündliche Überlieferungen von Liedern hierzulande kaum noch zu finden und die Evergreens der Popkultur haben in vielerlei Hinsicht die alten Volkslieder abgelöst. Liedsammlungen wie "Die Mundorgel", in denen allgemeines Liedgut gesammelt wird, haben deswegen längst Lieder wie "Yesterday" von den Beatles in ihr Repertoire aufgenommen.

Während in anderen Kulturen festliche Anlässe wie Hochzeiten bis heute Gelegenheiten für gemeinsames Singen sind, gingen diese Traditionen in Deutschland fast gänzlich verloren. Aus dem Liedgut für den Jahreskreis erfreuen sich einzig die Weihnachtslieder noch größerer Beliebtheit.

Autor: Malte Linde

Stand: 19.12.2016, 15:35

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