Die Künstlerküste

Ölgemälde: Porträt eines Mannes mit hagerem, scharf geschnittenem Gesicht. Er trägt einen Strohhut.

Côte d'Azur

Die Künstlerküste

Die "Blaue Küste" war schon im 19. Jahrhundert ein Künstlertreff. Wer zu Besuch kam, blieb oft für immer da. Verschlafene Fischerdörfer wurden Kulturzentren. Das Klima und der lockere Lebensstil reizten nicht nur die Bildenden Künstler. Literaten und Komponisten ließen sich hier inspirieren. Die geballte Kunstszene zog Intellektuelle nach. Mitte des 20. Jahrhunderts kamen immer mehr Lebenskünstler und Möchtegern-Künstler dazu, die an der Kunstwelt teilhaben wollten, ohne selbst dazu beizutragen.

Darum geht's:

  • Viele Maler waren inspiriert von dem besonderen Licht an der Côte d'Azur.
  • Im Café "La Colombe d'Or" bezahlten Künstler ihre Rechnungen mit Bildern.
  • Viele deutsche Schriftsteller flohen im Zweiten Weltkrieg ins französische Exil.
  • Bis heute findet man Hinterlassenschaften vieler bekannter Künstler.

Warum in die Ferne schweifen

"… eines jener guten, kleinen, bescheidenen Städtchen, die wie eine Muschel ins Meer getaucht sind, ernährt vom Fisch und der Meeresluft." So beschrieb der französische Schriftsteller Guy de Maupassant das Saint-Tropez des 19. Jahrhunderts.

Als Entdecker des "unberührten Paradieses" verstand sich der französische Maler und leidenschaftliche Segler Paul Signac. Lage, Licht und Klima faszinierten ihn. So beschloss er 1893 zu bleiben und zog viele Maler wie Pierre Bonnard, Georges Braque, Raoul Dufy, Henri Matisse, Georges Seurat und August Renoir nach. Sie alle waren auf der Suche nach dem besonderen Licht, das die Landschaft verzaubert. Paul Gauguin fand es in der Südsee, Signac und seine Malerfreunde an Frankreichs "blauer Küste", der Côte d'Azur.

Es gab aber auch Kritiker. Paul Cézanne zum Beispiel gab an, das Licht irritiere ihn. Auch Claude Monet machte das starke Licht Probleme. Er quäle sich mit der Sonne und kämpfe mit ihr, schrieb er. Das Licht sei zu gleißend. Hier könne man nur mit Gold und Edelsteinen malen. Manche glaubten auch, dass man sich dieses Licht erst zumuten könne, wenn man gelernt hätte, mit dem fahlen Licht des Nordens malerisch umzugehen.

Tauschgeschäft beim Kneipendeckel

Der Theaterschriftsteller Alexandre Dumas und der Komponist Hector Berlioz ließen sich hier inspirieren, Charles Gounod hat 1867 die Oper "Romeo und Julia" in Saint Raphael komponiert und Vincent van Gogh holte sich an der "blauen Küste" 1888 Anregungen zu einer neuen Farbigkeit.

Impressionisten und Pointillisten malten lichtflirrende Landschaften. Expressionisten, Fauvisten und Kubisten fanden in Saint-Tropez und Saint-Paul de Vence ihre neue Heimat. Sie trafen sich in Cafés und Restaurants wie zum Beispiel in dem legendären "La Colombe d'Or" und bezahlten nicht selten ihre Rechnungen mit Bildern. Noch heute kann man dort Werke von Picasso, Braque, Miro und Matisse an den Wänden und Mosaike im Garten bewundern.

Leben, malen und kuren

Auguste Renoir kam nicht nur der Malerei wegen an die Côte d'Azur. Er litt an starken rheumatischen Gelenkschmerzen und versprach sich im milden Klima eine Linderung seiner Beschwerden. 1903 zog er mit seiner Familie nach Cagnes-sur-Mer. In dem kleinen Ort zwischen Nizza und Antibes blieb er bis zu seinem Tod 1919.

Henri Matisse plagte eine chronische Bronchitis, die bei regnerischem Wetter verstärkt auftrat. Er war 48 Jahre alt, als er sich 1917 entschloss, im sonnigen Nizza zu bleiben. Nicht weit entfernt, in Saint-Paul de Vence, schuf er sein Lebenswerk.

Chapelle du Rosaire in Vence

Chapelle du Rosaire in Vence

Künstlertreff und Literatenexil

In das verschlafene Fischerdorf Sanary, zwischen Marseille und Toulon, zog es von 1890 an vor allem Franzosen aus Paris. 40 Jahre später gesellten sich die ersten Deutschen dazu. Angeregt durch das "Buch von der Riviera" im Jahr 1931 von dem Autorenpaar Erika und Klaus Mann, wurde Sanary zum sommerlichen Treffpunkt der Bohème, von Malern aus Paris, Berlin und Schwabing. Bald darauf galt es sogar als Zentrum deutscher und österreichischer Literatur.

Diesen Ruhm hatte es allerdings den politischen Umständen in Hitler-Deutschland zu verdanken. Um den Nazis zu entkommen, flohen viele Schriftsteller ins französische Exil. Zu ihnen zählten Bertold Brecht, Lion Feuchtwanger, Thomas Mann, Erwin Piscator, Ernst Troller, Franz Werfel und Arnold Zweig.

Doch 1942 mussten sie sich notgedrungen ein neues Exil suchen, denn die deutschen Truppen rückten in Frankreich ein und besetzten das ganze Land. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrten viele wieder an die Küste zurück.

Der weißhaarige Künstler im dunklen Kittel stützt seinen rechten Arm auf das Knie. Er schaut in die Kamera.

Georges Braque um 1950 im Atelier

Künstlerische Hinterlassenschaften

Überall kann man den Spuren der Künstler folgen: in kleinen Museen, den ehemaligen Villen der Künstler, in Gärten und Parks, wo noch heute ihre Skulpturen stehen. In Nizza das Dufy-Museum, das Matisse-Museum und das Museum mit Bildern zur "Biblischen Botschaft " von Marc Chagall.

Weiter westlich in Biot ein Museum, das Ferdinand Leger gewidmet ist. In Cagnes-sur-Mer das Renoir-Museum. Eine Sammlung aller Maler der Côte d'Azur findet man in der privaten Kunstsammlung "Stiftung Maeght" in Saint-Paul de Vence. Als Hauptattraktion des Ortes wird aber die Hauskapelle des Dominikanerklosters hervorgehoben. Henri Matisse hat sie farbenfroh ausgestaltet und bezeichnete sie als sein Meisterwerk.

Pablo Picasso konnte dem religiös anmutenden Werk seines Malerkollegen allerdings wenig abgewinnen. Er zog politische Themen vor. Für die Wandmalerei in der Kapelle in Vallauris wählte er das Thema: "Krieg und Frieden".

In jungen Jahren arbeitete Picasso in Paris und kam nur im Sommer an die Côte d'Azur. Sein Atelier verlegte er jedes Mal an einen anderen Ort: 1946 nach Antibes, später nach Vallauris, dann in die Villa "Pavillon de Flore", einem ehemaligen Besitz der berühmten Champagnerfamilie Moët bei Cannes. Schließlich floh er vor dem ständigen Besucherstrom nach Mougins und von dort in ein Schlösschen am Fuße des Mont Victoire. Etliche dieser Ateliers sind heute Museen.

Der Maler Yves Klein, bekannt für sein berühmtes Ultramarinblau, das er als "International Klein Blue" patentieren ließ, hatte das Blau an der Côte d'Azur für sich entdeckt: Die Blautöne des Himmels und des Wassers hätten ihn dazu inspiriert. Dieses Erbe findet wohl jedermann überall an der "blauen Küste".

Ein Weg führt zu einem Gebäude mit Flachdach im Hintergrund. Rundherum ein Park mit Skulpturen.

Skulpturenpark der Stiftung Maeght in Saint-Paul de Vence

Autorin: Bärbel Heidenreich

Stand: 21.07.2017, 16:00

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