Mers-Coronavirus: Ein weiterer Fledermausvirus

Mikroskopische Aufnahme des MERS-Virus

Viren

Mers-Coronavirus: Ein weiterer Fledermausvirus

Von Inka Reichert

In Saudi-Arabien starben 2012 mehr als 60 Menschen an einem unbekannten Virus. Die Forscher arbeiteten auf Hochtouren, um den Erreger zu identifizieren – auch in Deutschland. Dann stand fest: Es handelt sich um ein neues Coronavirus, ähnlich dem bereits bekannten gefährlichen Sars-Erreger. Die Forscher nennen es Middle East respiratory syndrome (Mers), zu Deutsch: Nahost-Atemwegssyndrom.
Klar ist: Das Virus ist offenbar nicht hochinfektiös, greift aber alle Zelltypen der Lunge an. Wie Sars scheint auch dieser Erreger von Fledermäusen auf den Menschen übergesprungen zu sein.

In Saudi-Arabien waren die Mediziner ratlos

Dem Patienten ging es immer schlechter, die Lungen waren entzündet, die Nieren hatten versagt. Die saudischen Ärzte wussten nicht weiter. Im Juni 2012 baten sie den Virologen Ali Mohamed Zaki vom Dr. Soliman Fakeeh Hospital in Jeddah um Hilfe.

Doch der Experte konnte in der Speichelprobe des 60-Jährigen nichts Auffälliges finden und schickte diese weiter an seine Kollegen vom Erasmus Medical Center in Rotterdam. Diese stellten fest: Es war ein neues Coronavirus.

Rund ein Jahr später waren etwa 150 weitere Mers-Fälle bekannt geworden, 63 Patienten waren am Mers-Coronavirus gestorben. Alle Infizierten stammten von der saudi-arabischen Halbinsel oder hatten sich dort angesteckt.

"Bisher liegen aber immer noch keine Autopsieberichte von Verstorbenen vor", sagte Thorsten Wolff vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin, das die Ausbreitung von Infektionskrankheiten in Deutschland überwacht. Die Zusammenarbeit mit den Behörden in Saudi-Arabien verlief schleppend.

Durchblickbare Illustration von Oberkörper mit Organen.

Das Mers-Coronavirus greift alle Zellen der Lunge an

Das Virus greift die Lungenbläschen an

Um das neu entdeckte Virus trotz der schwachen Datenlage etwas besser zu verstehen, behalfen sich Thorsten Wolff und seine Kollegen der Charité-Universitätsmedizin Berlin mit einem Modell, das sonst auf Influenzaviren angewendet wird.

Die Forscher infizierten das Lungengewebe, das Menschen entnommen wurde, im Labor mit Mers-Coronaviren. Sie beobachteten, wie das Virus die Zellen angriff, und verglichen den Mechanismus mit hochpathogenen Vogelgrippe-Viren (H5N1). Das Ergebnis: Beide Erreger vermehrten sich nahezu gleich stark im Gewebe.

Während das Influenzavirus H5N1 jedoch nur einen Zelltyp der Lunge attackierte, infizierte das Coronavirus nahezu allen Zellen. "Dieser wahllose Angriff war unerwartet und nahezu unheimlich", sagt Wolff.

Wie gefährlich das Virus für den Menschen tatsächlich ist, darüber wagen die Wissenschaftler jedoch noch keine klaren Aussagen zu treffen. "Uns fehlt ein Querschnitt der Bevölkerung", sagt Stefan Hippenstiel von der Charité-Universitätsmedizin Berlin.

Die bisher bekannten Patienten seien nicht repräsentativ, da sie aus unterschiedlichen Verhältnissen stammten oder Vorerkrankungen aufwiesen. "Würde der neue Erreger jedoch tatsächlich eine ähnlich hohe Pathogenität und Übertragbarkeit wie das Sars-Coronavirus haben, wären wahrscheinlich sehr viel mehr Fälle bekannt geworden", sagt Wolff.

Möglicherweise könne sich das Mers-Coronavirus bei Personen ohne Grunderkrankungen eher wie eine Erkältung bemerkbar machen, bliebe aber auf diese Weise neben anderen grippalen Infekten unentdeckt.

Erste Impfstoffe gegen Mers?

Die Forscher der Charité Berlin suchen bereits nach Therapeutika. "Es bleibt immer ein Risiko, dass das Virus sich verändert und dadurch noch infektiöser wird", sagt Wolff. Neben den Berliner Forschern haben auch andere Wissenschaftler das Mers-Coronavirus nicht aus den Augen verloren. Für den Fall, dass das Virus doch noch große Teile der Bevölkerung anstecken sollte.

An der Universität Lübeck forschen Virologen daher an antiviralen Wirkstoffen. Forscher vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen haben im Frühjahr zwei Enzyme entdeckt, die das Virus verwendet, um in die Zelle einzudringen. Auch ein Impfstoff ist bereits getestet.

Daran arbeitet Gerd Sutter von der Ludwig-Maximilians-Universität in München zusammen mit dem Erasmus Medical Center Rotterdam und der Philipps Universität Marburg. "Der von uns entwickelte Impfstoffkandidat gegen das Mers-Coronavirus ist der erste publizierte Impfstoff, der realistisch als Notimpfstoff im Menschen eingesetzt werden könnte", sagt Sutter.

Er veränderte das Impfvirus MVA so, dass es dem Immunsystem Oberflächeneiweiße von Mers-CoV zeigt. Mediziner verwenden MVA bereits seit Jahrzehnten für Impfungen. Die Mäuse, die nun geimpft wurden, bildeten daraufhin Antikörper gegen Mers.

Ob der Impfstoff jedoch tatsächlich auch beim Menschen wirkt, ist noch ungewiss. Denn anders als beim Menschen macht Mers-CoV die Mäuse nicht krank. Die Versuche zeigen also nicht, ob die Impfung verhindert, dass sich Menschen mit dem Virus infizieren.

Maus wird am Schwanz mit einer Hand gehalten und andere Hand hält Spritze.

Ein Impfstoff gegen Mers wurde an Mäusen erprobt

Erreger von der Fledermaus aufs Kamel?

Während vielerorts fleißig nach Medikamenten für den Ernstfall gesucht wird, fahndet Jan Felix Drexler am Universitätsklinikum Bonn nach dem Ursprung des Erregers. "Wenn wir wissen, woher es kommt, können wir auch für die Zukunft besser abschätzen, ob es wieder kommt", sagt Drexler.

Und er wurde bereits fündig: Im Kot einer südafrikanischen Fledermaus konnte der Forscher einen Erreger nachweisen, dessen Erbgut so eng wie bislang kein anderer mit dem Mers-Coronavirus übereinstimmt.

"Wir halten es für sehr wahrscheinlich, dass das Virus ursprünglich aus Fledermäusen stammt", sagt der Virologe. Dabei war es kein Zufall, dass die Wissenschaftler in Fledermäusen nach dem Erreger gesucht haben. Schon in den Jahren zuvor war die Tiere häufig als Wirte neuer Viren – wie Ebola oder Sars – bestätigt worden.

Warum ausgerechnet die Fledermäuse eine wahre Virenküche zu sein scheinen, darüber spekuliert die Fachwelt noch. Ihre riesigen Populationen könnten ein Faktor sein.

"Teilweise wohnen eine halbe Millionen Tiere auf engstem Raum – ein Paradies für Pathogene", sagt Drexler. Dennoch glaubt er nicht, dass sich die Menschen direkt an diesen Tieren infiziert haben. Wahrscheinlicher ist es, dass Zwischenwirte im Spiel waren, etwa das Kamel.

In Saudi-Arabien kommen viele Menschen in Kontakt mit dem Wüstentier. "Wir fanden Antikörper im Blut und Stuhl der Tiere, aber keine Viren", sagt der Virologe aus Bonn. Die Kamele haben sich also vermutlich schon vor Jahren infiziert – die meisten Kamele haben das offensichtlich überlebt. So auch der Mensch, den das Virus in seiner bisherigen Form weitestgehend verschont hat.

Die Forscher ergreifen dennoch Vorsichtsmaßnahmen: "Kommt jemand mit einer schweren Lungeninfektion ins Krankenhaus, werden wir sicher genau schauen, ob es das Mers-Coronavirus ist, und eventuelle Schutzmaßnahmen einleiten", sagt Torsten Wolff vom RKI. Die Behörde hat bereits alle Intensivstationen ausdrücklich darauf hingewiesen, sensibel auf solche Fälle zu reagieren.

Kamelkopf mit Wüste im Hintergrund.

Mers-Viren könnten vom Kamel auf den Menschen übergesprungen sein

Stand: 19.07.2019, 15:10

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