Interview mit Imke Reese: Allergien bei Kindern

Portraitaufnahme von Imke Reese im Planet Wissen-Studio.

Allergien

Interview mit Imke Reese: Allergien bei Kindern

Von Barbara Garde

Heuschnupfen, Asthma, Neurodermitis: Fast jedes dritte Kind bis zum siebten Lebensjahr leidet in Deutschland unter einer dieser Allergieformen. Eltern stecken viel Energie in die Vermeidung und setzen dabei vor allem auf eine präventive Ernährung. Was hilft, was schadet eher? Planet Wissen sprach mit der Ökotrophologin und Ernährungstherapeutin Dr. Imke Reese aus München.

Planet Wissen: Frau Reese, wenn Kinder von allergischen Erkrankungen betroffen sind, leidet oft die ganze Familie mit. Was macht das Allergie-Familienleben so schwierig?

Imke Reese: Eine frühe und häufige Form ist die Neurodermitis. Jedes sechste bis zwölfte Kind unter sechs Jahren ist laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung davon betroffen. Besonders bei den Babys ist das für die Eltern sehr schwer.

Jeder träumt von einem weichen, knuddeligen Baby, mit dem man schmusen kann. Babys mit Neurodermitis haben an den betroffenen Stellen keine weiche Streichelhaut. Eine Berührung der Ekzemhaut kann Juckreiz auslösen oder bei Entzündung sogar wehtun.

Ein Baby ist immer eine Belastungsprobe für die Eltern, vor allem, wenn es das erste Kind ist. Denn aus einem Paar wird nun eine Familie mit neuen Rollen und neuer Verantwortung. Wenn dann die Sorge um das Kind dazukommt, ist diese Belastungsprobe doppelt so schwer.

Planet Wissen: Was hilft gegen Neurodermitis bei den Kleinen?

Imke Reese: Cremen, cremen, cremen. Zwei-, manchmal dreimal am Tag muss die Haut intensiv gepflegt werden, damit sie weich und geschmeidig wird und die Barriere gestärkt wird.

In entzündlichen Phasen sollten auch weitere therapeutische Maßnahmen ergriffen werden, die mit dem Kinder- oder Hautarzt besprochen werden. In der Neurodermitisschulung nennen wir das Stufenplan.

Das Beruhigende: Mit fortschreitendem Alter verschwindet die Neurodermitis in vielen Fällen auch wieder. Aber: Manchmal verschiebt sie sich auch, wird zum Heuschnupfen oder zum Asthma.

Säugling an der Brust.

Muttermilch gilt immer noch als gewisser Schutz vor Allergien

Planet Wissen: Welche Kinder sind besonders allergiegefährdet?

Imke Reese: Die genetische Vorbelastung spielt eine Rolle: Wenn beide Elternteile Allergiker sind, haben die Kinder ein größeres Risiko, auch eine allergische Erkrankung zu entwickeln, als wenn niemand in der Kernfamilie betroffen ist.

Ein anderer Faktor ist die Umgebung. Um das Immunsystem zu trainieren, müssen besonders Babys und Kleinkinder mit viel "Umwelt" in Kontakt kommen. Es gibt Untersuchungen, dass Kinder, die auf dem Land aufwachsen, weniger Allergien entwickeln als Stadtkinder, die weitgehend im Haus aufwachsen.

Wenn zusätzlich zur Stadtwohnung noch ein ausgeprägtes Hygienebewusstsein herrscht und ständig desinfiziert wird, kann das Immunsystem nicht richtig lernen.

Planet Wissen: Welche Rolle spielt die Ernährung?

Imke Reese: Muttermilch in den ersten Monaten gilt immer noch als gute Grundlage für eine Allergievorbeugung. Früher hat man gesagt, dass der Einstieg in die Beikost sehr langsam und vorsichtig, also ein Nahrungsmittel nach dem anderen, erfolgen sollte.

Dabei wurden Milch, Eier, Nüsse häufig ganz gemieden. Heute bietet man schon früh eine möglichst breit gefächerte Ernährung an, um den Körper an die unterschiedlichen Stoffe zu gewöhnen.

Und es hat sich gezeigt, dass Allergene vor allem bei Kindern mit Neurodermitis oft gar nicht über die Nahrung, sondern über die Haut aufgenommen werden und zu Sensibilisierungen als Grundvoraussetzung für Allergien führen. Das Baby liegt auf einer Couch, in die am Abend vorher Erdnüsse gekrümelt worden sind, und wird dadurch sensibilisiert.

Man kann den allergenen Eiweißen oft gar nicht ausweichen. Deshalb geht es darum, das kindliche Immunsystem frühzeitig zu trainieren.

Baby wird mit Brei gefüttert.

Babys sollten viel probieren: Eine abwechslungsreiche Ernährung von Anfang an kann vor Allergien schützen

Planet Wissen: Trotzdem verwenden viele Eltern viel Mühe darauf, ihr Kind allergiefrei zu ernähren. Nutzt das denn gar nichts?

Imke Reese: Eine allergiefreie Ernährung gibt es nicht. Die Basis sollte eine gute, gesunde, aber auch abwechslungsreiche Ernährung sein. Leidet das Kind unter einer Nahrungsmittelallergie, muss dieses Nahrungsmittel selbstverständlich in jeder Form, die zu Reaktionen führt, gemieden werden. Dafür ist es ratsam, eine auf Allergien spezialisierte Ernährungsfachkraft aufzusuchen

Der häufige Wunsch, alles über die Ernährung steuern zu wollen, ist verständlich, denn diesen Part können wir beeinflussen, aber er führt in die falsche Richtung. Doch eine einschränkte Ernährung kann die Lebensqualität des Kindes häufig mehr einschränken, als die Symptome, aufgrund derer die Einschränkung erfolgt.

Im schlimmsten Fall kommt es zu Fehl- oder Mangelernährung. Ernährung sollte vielfältig sein. Wenn man bestimmte Nahrungsmittel strikt vermeidet, kann der Körper vergessen, dass er diese Nahrungsmittel bereits kennt und als harmlos eingeschätzt hat: Er verliert seine Toleranz.

Planet Wissen: Wozu raten Sie denn?

Imke Reese: Jeder Allergiker ist anders und reagiert anders. Deshalb sollte mit dem Arzt und einer erfahrenen Ernährungsfachkraft besprochen werden, wie die Umsetzung der Meidung erfolgt. Es gibt zum Beispiel Kinder, die gegen Eier oder Milch allergisch sind, die ihr Allergen aber durchaus vertragen, wenn dieses verbacken in einem Keks oder Gebäck vorkommt. Wenn das der Fall ist, sollte die verträgliche Form, also der Keks, auch regelmäßig gegessen werden.

Andere Kinder reagieren auf ihr Allergen schon bei kleinsten Mengen, sodass alle Nahrungsmittel über die Zutatenliste sehr genau geprüft werden müssen, ob sie für das Kind geeignet sind. Kinder, die auf sehr kleine Mengen reagieren, aber auch Kinder, die sehr stark auf ihren Auslöser reagieren, sollten immer ihr Notfallset bei sich tragen.

Nahaufnahme Erdnüsse mit und ohne Hülle.

Gefährliche Knabberei: Erdnüsse können einen anaphylaktischen Schock auslösen

Planet Wissen: Was heißt das für die Kinder?

Imke Reese: Die Kinder lernen ihren Umgang mit ihrer Allergie. Dafür ist es allerdings wichtig, dass sie Unterstützung von ihrem Umfeld erfahren. Erwachsene, die die vorbeugenden Maßnahmen nicht ernst nehmen, sind genauso ungünstig für das Kind wie Erwachsene, die aus eigener Verunsicherung zu Maßnahmen greifen, die überzogen sind.

In Kitas werden allergische Kinder teilweise von den anderen Kindern separiert und müssen bei den Erziehern und Erzieherinnen sitzen, damit diese das Essen überwachen können. Das mag in wenigen Fällen sogar sinnvoll sein, aber nicht immer. Eine Separierung tut vielen Kindern nicht gut, vor allem denen nicht, die vernünftig sind und sich an vorgegebene Regeln halten.

Diese Kinder fühlen sich zu Unrecht ausgegrenzt. Dabei sind Kinder Herdentiere. Sie wollen so sein wie alle anderen. Insofern sollte in jeder Situation versucht werden, eine angemessene Lösung zu finden. Ein überzogenes Management erhöht den Leidensdruck mehr als die Krankheit selbst.

Planet Wissen: Es gibt ja mittlerweile Kindergärten und Grundschulen, die auf Allergien besonders achten. Auch von Eltern wird häufiger der Ruf nach erdnussfreien Schulen laut. Ist das eine Lösung?

Imke Reese: Die Idee hört sich erst einmal gut an. Aber sie impliziert, dass kleinste Mengen vermieden werden müssen, um schwere Reaktionen zu verhindern.

Tatsächlich reagiert aber nicht jeder Allergiker bereits auf minimale Mengen. Einatmen von Partikeln in der Luft oder die reine Berührung mit dem Allergen wird keine Reaktionen auslösen oder maximal Hautrötungen bei Berührung. Es ist zum Beispiel gar kein Problem, eine Türklinke anzufassen, die von jemandem berührt wurde, der vorher Erdnüsse gegessen hat, wenn man sich häufig und gründlich die Hände wäscht.

Zusätzlich ignoriert die Idee der erdnussfreien Schule, dass es auch andere Auslöser von schweren Reaktionen gibt. Der Fokus ist viel zu einseitig auf Erdnuss. Außerdem kann der Generalverzicht auf Erdnuss auch zu Unwillen und negativen Reaktionen durch nicht betroffene Schüler führen.

Ausgrenzung und Mobbing treten auch, vielleicht sogar vermehrt, an solchen Schulen auf, weil der auferlegte Verzicht für alle nicht akzeptiert wird. Und spannenderweise hat eine amerikanische Studie gezeigt, dass das Konzept nicht einmal wirkungsvoll ist. Erdnussfreie Schulen verzeichneten genauso viele schwerwiegende Reaktionen auf Erdnuss wie andere Schulen.

Kinderhand mit Notfall-Pen.

Ein anaphylaktischer Schock: Gefährdete Kinder sollten schon früh an das Notfallset herangeführt werden

Letztlich ist der beste Ansatz, die Kinder und ihr Umfeld gut zu schulen. Wichtig ist Respekt vor der Allergie – aber trotzdem eine sinnvolle Risikoabschätzung.

Planet Wissen: Sie führen Schulungen für Allergiker und ihre Familien durch, auch zum Thema Anaphylaxie. Was lernen die Betroffenen da?

Imke Reese: Die Schulungen mache ich nicht allein, sondern sie finden immer im interdisziplinären Team statt. In den Anaphylaxieschulungen lernen Eltern und Kinder, die Vorzeichen allergischer Reaktionen richtig zu erkennen und das Notfallset richtig einzusetzen.

Bei Familien mit sehr kleinen Kindern richten sich die Angebote zunächst mal an die Eltern. Aber es ist wichtig, dass die Betroffenen, die Kinder selbst, möglichst früh eingebunden werden. Damit sie das nötige Wissen, aber auch das Training bekommen, um ihren eigenen Körper besser einzuschätzen zu lernen. Das gilt übrigens sowohl für die Neurodermitis als auch für die Anaphylaxie.

Gerade anaphylaxiegefährdete Kinder müssen selbst so früh es geht fit gemacht werden. Eltern, die ihre Kinder sehr engmaschig überwachen, immer für sie die Gefahren ausloten, laufen Gefahr, dass die Kinder irgendwann in eine Situation geraten, die sie selbst nicht bewältigen können, weil ihnen immer alles abgenommen wurde. Und dann kann es gefährlich werden.

Planet Wissen: Der anaphylaktische Schock ist so etwas wie der Supergau für Allergiker. Da wird es lebensbedrohlich. Können Kinder und Jugendliche damit adäquat umgehen?

Imke Reese: Wenn sie lernen, die Vorzeichen richtig zu erkennen und wenn sie wissen, wie man mit dem Notfallset für diese Fälle umgeht, sind sie gut gewappnet. Das Problem ist eher, dass sie spätestens im Jugendalter diese Notfallsets sehr uncool finden, wenn sie zum Beispiel am Wochenende mit ihren Freunden feiern gehen.

Viele Jugendliche verzichten dann lieber ganz darauf, etwas zu essen oder zu trinken, wenn sie unterwegs sind, was ja auch nicht gesund ist. Man müsste den Notfall-Pen akzeptabler und selbstverständlicher machen, vielleicht eine coole Verpackung dafür finden, damit man ihn immer dabei haben kann wie zum Beispiel ein Handy.

Planet Wissen: Was wünschen Sie sich für die jungen Allergiker?

Imke Reese: Mehr Selbstverständlichkeit, mehr Toleranz und mehr Mitverantwortung. Wenn jemand aus Überzeugung vegan leben will, wird das mittlerweile in vielen Restaurants und Imbissen ganz selbstverständlich berücksichtigt. Solche Rücksicht vermissen Allergiker immer noch häufig, dabei geht es bei ihnen nicht um einen Lebensstil, sondern um Leben und Tod.

Weitere Informationen und Adressen erhalten Sie über den Deutschen Allergie- und Asthmabund DAAB oder den Arbeitskreis Diätetik in der Allergologie.

SWR | Stand: 25.04.2020, 13:00

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