Angehörige in Not: Häusliche Pflege während der Corona-Pandemie

Portraitaufnahme von Gabriele Tammen-Parr.

Pflege

Angehörige in Not: Häusliche Pflege während der Corona-Pandemie

Von Martina Janning

Seit der Corona-Krise fallen Tagespflege und andere Hilfsangebote für pflegende Angehörige weg. Über die Folgen für den Alltag in der häuslichen Pflege haben wir mit Gabriele Tammen-Parr von der Berliner Beratungsstelle "Pflege in Not" gesprochen.

Planet Wissen: Viele Menschen werden von Angehörigen zu Hause gepflegt. Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die häusliche Pflege aus?

Gabriele Tammen-Parr: Es ist katastrophal, was sich im Moment in der häuslichen Pflege abspielt. Sonst haben pflegende Angehörige die Möglichkeit, sich aus dem Hilfesystem Unterstützung zu holen. Sie können die Gepflegten in die Tagespflege geben, sie können selbst Gesprächsgruppen besuchen, sie können in Demenzcafés gehen, sie können Ehrenamtliche in die Wohnung kommen lassen, die sich mit den Gepflegten beschäftigen.

Diese ganzen Unterstützungsmöglichkeiten fallen im Moment weg. Das heißt, die pflegenden Angehörigen und die Gepflegten sind ganz auf sich gestellt, und das, was früher im Pflegealltag entlastet hat, bleibt jetzt auf der Strecke.

Welche Folgen hat das?

Eine Anruferin in unserer Beratungsstelle sagte zum Beispiel: "Die Tagespflege ist geschlossen. Wenn ich jetzt noch sieben Tage mit meinem Mann in einer Wohnung zusammenleben muss, bringe ich ihn um."

Das ist natürlich sehr zugespitzt. Aber viele wohnen in einer Zwei-Zimmer-Wohnung und haben die traditionelle Aufteilung in Schlafzimmer und Wohnzimmer. Gerade, wenn Sie jemanden haben, der an Demenz erkrankt ist, und es überhaupt keine Möglichkeit gibt, sich zu entlasten, kann das schnell zur Katastrophe führen.

Deshalb haben wir unsere telefonischen Beratungszeiten vervierfacht. Wir haben gesagt, wir müssen uns jetzt zur Verfügung stellen, weil sich vermutlich einige Dramen zu Hause abspielen werden.

Was bedrückt pflegende Angehörige im Moment am meisten?

Das Hauptthema ist das Eingeschlossensein, die Angst, völlig ohne Unterstützung von außen allein auf sich bezogen zu sein. Wir merken, dass viele einerseits große Angst um die Gepflegten haben, weil die eine Corona-Infektion vielleicht gar nicht durchstehen könnten.

Auf der anderen Seite haben sie auch große Angst um sich selbst, weil sie sagen: "Ich bin die einzige Verbindung zwischen unserem Haushalt und der Außenwelt. Wenn ich erkranke, weiß ich gar nicht, was aus uns wird."

Der Gepflegte müsste dann in ein Heim, was natürlich nicht so einfach geht. Es ist viel Angst im Spiel, viel Verzweiflung.

In Hausfluren hängen jetzt oft Zettel mit Hilfsangeboten für alte und kranke Bewohner. Was kann Nachbarschaftshilfe leisten?

Ältere Bewohner sehen die Aushänge oft gar nicht. Meine Idee wäre: Bei den alten Menschen im Haus einmal am Tag klingeln und fragen, wie geht es ihnen geht und was sie brauchen. Am besten nimmt man sich einen Hocker mit und setzt sich eine halbe Stunde in den Hausflur, um zu reden. Die Tür braucht nur einen Spalt auf sein, das reicht ja, um Abstand zu halten.

So kann mal ein anderes Gesprächsthema als Corona aufkommen und man kann zur Not auch Hilfe oder den Einkauf organisieren. Wenn das in jedem Mietshaus in Deutschland passieren würde, könnte es schon vieles abfedern.

Und das entlastet auch pflegende Angehörige?

Total! Damit sie mal ein anderes Gesicht sehen, mal was anderes hören. Wir können die Bedingungen zurzeit nicht ändern, aber wir können pflegende Angehörige und Gepflegte ein Stück weit stützen und emotional begleiten, da sein und ihnen zur Seite stehen.

Was raten Sie pflegenden Angehörigen, um die belastende Situation zu Hause etwas zu entschärfen?

Sie sollten versuchen rauszugehen, in eine Grünfläche, auch mit Demenzkranken – natürlich geschützt durch ausreichend Abstand zu anderen Menschen. Wenn Rausgehen mit einem Demenzerkrankten partout nicht möglich ist, kann man mehr von etwas machen, was ihm guttut.

Manchmal brauchen pflegende Angehörige zusätzlich eine Auszeit für sich ganz allein. Wir versuchen dann im Beratungsgespräch auszutüfteln, wie sie das umsetzen können.

Denn es ist immer eine Frage, ob ein Gepflegter allein bleiben kann. Wir dürfen Menschen ja nicht einsperren, das wäre eine freiheitsentziehende Maßnahme. Aber gibt es vielleicht Schlafenszeiten, wo die Angehörigen mal kurz vor die Tür gehen können?

Es ist eine heikle Situation, die wir mit den Ratsuchenden gut besprechen, sodass sie die Gepflegten nicht gefährden und sich selbst auch nicht.

Ihre Beratungsstelle ist für pflegende Angehörige in Berlin. An wen können sich Hilfesuchende aus anderen Bundesländern wenden?

Es gibt zum Beispiel das Alzheimer-Telefon und das Pflegetelefon vom Bundesfamilienministerium, die bundesweit tätig sind. Auch die Telefonseelsorge und die Pflegestützpunkte vor Ort sind Anlaufstellen für pflegende Angehörige in Not.

SWR | Stand: 27.03.2020, 19:00

Darstellung: