Frauen in der Reformation

Porträtbilder von Martin und Katharina Luther hängen nebeneinander.

Religion

Frauen in der Reformation

Von Barbara Garde

Das 16. Jahrhundert – Zeit der Reformation und des Umbruchs, auch für die Frauen. Nach der neuen Lehre sind sie nicht sündiger als die Männer. Jeder Getaufte kann nun predigen – ungeahnte Möglichkeiten tun sich auf.

Aufbruch in eine neue Zeit

Das heutige Deutschland, Anfang des 16. Jahrhunderts: Frauen sind ihren Männern untertan. Väter, Brüder, Ehemänner und Söhne vertreten ihre Rechte, regeln ihre Ansprüche und wachen über sie. Denn Philosophie und Kirche sind sich seit Jahrhunderten einig: Die Frau ist ein Wesen zweiter Klasse, ein Abfallprodukt aus der Krone der Schöpfung, dem Mann. Durch sie, sagt die katholische Kirche, kam die Sünde in die Welt.

Die ideale Frau soll keusch im Kloster leben und allen weltlichen Freuden entsagen: kein Sex, keine Eitelkeiten, kein Spaß. Selbst die Ehe ist nur die zweite Wahl für eine gottesfürchtige Frau, um Unzucht und Hurerei zu verhindern. Denn das Weib gilt als willensschwach und triebgesteuert.

Doch mit Martin Luther kommt ein neues Gottes- und Menschenbild auf:

  • Jeder Getaufte kann die priesterliche Aufgabe der Predigt und Verkündigung ausführen. Also theoretisch auch Frauen.
  • Alle Wahrheit steht in der Bibel. Darum müssen alle Christen sie selbst lesen und verstehen können. Also: Bildung für alle, theoretisch auch für Frauen.
  • Der gnädige Gott kann jedem Gläubigen seine Sünden vergeben, sagen die Reformatoren. Also sind Frauen nicht mehr von Vornherein sündiger und unwürdiger als Männer.

Auf dieser Grundlage scheint für Frauen vieles möglich, was bisher undenkbar war. Und viele Frauen ergreifen diese Chance auf ein anderes Leben.

Theologinnen: Frauen als Glaubensverkünderinnen

Doch so fortschrittlich das klingt: "Der Aufbruch der Frauen in der Reformation war kein Vorläufer der Emanzipation", sagt die Theologin Dr. Kristina Dronsch. Die Suche nach Freiheit bezog sich nur auf den religiösen Bereich.

Frauen als Theologinnen hatten es schwer. Sie durften nicht studieren und waren ihren männlichen Kollegen damit wissenschaftlich nie ebenbürtig. Dennoch mischten sich Frauen in theologische Fragen ein.

Sie bezogen Stellung, auch wenn sie damit gegen die Meinung ihrer Familien verstießen – eine neue Rolle, für die es keine Vorbilder gab.

Münze mit dem Bild Argulas von Grumbach von 1520.

Reformatorin Argula von Grumbach auf einer Porträtmedaille

Frauen wie Ursula Weyda oder Argula von Grumbach veröffentlichten eigene Texte und Flugblätter gegen den Zölibat und für eine neue Stellung in der Kirche. Ihre Druckauflagen konnten sich durchaus mit denen Luthers messen.

Das erforderte für Frauen besonderen Mut: Denn sie mussten sich nicht nur gegen ihre Gegner, sondern auch gegen ihre Glaubensbrüder durchsetzen. Die Reformatoren sahen die weibliche Begeisterung mit gemischten Gefühlen:

Sie begrüßten die Unterstützung, bewunderten manchmal auch die Leistung, aber wo Frauen konkrete Rechte für sich einforderten, riefen sie sie schnell zur Ordnung und stellten sie ruhig.  Und das Fenster der Möglichkeiten wurde Schritt für Schritt wieder geschlossen.

Eine neue Wertschätzung der Ehefrau

Nonne, Hure und Eheweib – die drei traditionellen Frauenrollen beherrschten auch die Reformationszeit. Die Nonnenrolle wollte Luther abschaffen, die Hurenrolle war nicht sein Thema, aber die Rolle der Mutter und Ehefrau sollte aufgewertet werden. "Das Weib habe das Regiment im Haus", verfügte Luther.

Das war sicher in vielen Haushalten auch vor der Reformation so gewesen, aber jetzt bekam die Hausfrauenrolle ein neues Gewicht. Der Schweizer Reformator Johann Calvin ging sogar noch weiter als sein deutscher Kollege und schrieb der Frau bei der Erziehung der Kinder eine entscheidende Rolle zu.

Bis dahin waren Kinder wie Frauen eher als Besitz des Familienvaters gesehen worden. Gleichberechtigt im heutigen Sinne waren sie aber auch bei den Reformatoren nicht. Luther sah die Frau als Gehilfin, nicht als Gefährtin des Mannes.

Für ihn hatte das "zweite Geschlecht" eine besondere Berufung. "Solange sie auf Erden weile, dem Gatten sie zu Hilfe eile", dichtete der französische Reformator Théodore de Bèze und traf damit die reformatorische Vorstellung der Ehefrauenrolle genau.

Leitbild der reformierten Frauenrolle war die evangelische Pfarrfrau als Managerin der Familie und der Gemeinde. Pfarrfrauen wie Katharina Zell, Katharina Luther, Walburga Bugenhagen oder Anna Zwingli – selbst alle theologisch gebildet – sind im Schatten ihrer Ehemänner geblieben. Aber sie haben den sozialen Bereich des Protestantismus, den diakonischen Gedanken, vorangetrieben und damit das Gesicht der evangelischen Kirche über ihre Zeit hinaus geprägt.

Hebammen: Eine neue weibliche Berufung

Die – eheliche - Mutterschaft war für Luther die größte weibliche Leistung und wie auch die Sexualität in der Ehe in keiner Weise sündig, wie die katholische Kirche es sah. Es galt als Aufgabe des evangelischen Christen, Frauen bei der schweren Arbeit der Geburt beizustehen.

In der bisher herrschenden katholischen Vorstellung waren die Schmerzen und Gefahren der Geburt dagegen gottgewollt und so etwas wie eine Strafe für die Töchter der ungehorsamen Eva.

Holzschnitt aus einem Hebammenbuch von 1581: Eine Hebamme bei einer Gebärenden.

Die Rolle der Hebamme wird während der Reformation wichtiger

Während der Reformation wurde die Rolle der Hebamme wichtiger: In Hebammenbüchern wurde das Wissen rund um die Geburt gesammelt und vermittelt. Es entstand eine erste weibliche medizinische Versorgung.

Aber das steigende Interesse an der Frauengesundheit hatte auch seine Schattenscheite: Das Jahrhunderte lang von Frauen entwickelte Wissen stand jetzt vermehrt unter der Kontrolle von Männern, Ärzten, die wenig über die biologischen Abläufe wussten.

Nonnenleben: Freiheit oder Existenzverlust?

Ein klösterliches Leben in Abgeschiedenheit und sexueller Enthaltsamkeit ist nicht gottgewollt, sagte Martin Luther. Für die katholische Kirche war das Leben als Nonne die einzige Möglichkeit für Frauen gewesen, Gott nahe zu sein. Darüber hinaus waren Klöster immer auch Versorgungseinrichtungen für Witwen und unverheiratete  Mädchen gewesen.

So manche Familie schob eine Tochter in ein Kloster ab und erkaufte ihr eine Existenz dort durch eine Schenkung, der Mitgift vergleichbar - nicht immer mit Zustimmung der Mädchen.

Mit Beginn der Reformation flüchteten immer wieder Nonnen aus ihren Klöstern in die protestantischen Zentren. Sie zahlten eine hohen Preis: Ihre Familien verstießen sie als ehrverlorene Abtrünnige. Ihr Besitz, ihre Mitgift, blieb im Kloster. Sie konnten keinen Beruf erlernen, auch nicht wie die abtrünnigen Mönche als Prediger oder evangelische Pfarrer eine neue Berufung finden.

Ihre einzige Überlebensmöglichkeit war eine Ehe, in die sie die protestantischen Gemeinden vermittelten. Aber auch eine Verheiratung stellte ihre Ehre nicht wieder her: Für viele ihrer Nachbarn waren sie Priesterhuren und Gelübde-Brecherinnen.

Die Schließung der Klöster

Die Reformatoren sahen die Auflösung der Klöster als eine Befreiung. Für viele Frauen war es aber auch eine Beschränkung: Klöster waren in der Welt des 16. Jahrhunderts der einzige Ort, an dem Frauen sich bilden konnten, an dem sie lesen und schreiben lernen konnten. Und sie boten denen einen Lebensraum, die nicht den anderen weiblichen Weg, die Ehe, wählen wollten.

Als in den evangelischen Regionen die Klöster nach und nach aufgelöst wurden, taten sich große Lücken auf – nicht nur in der Frauenbildung sondern auch im caritativen Bereich: Die von den Nonnen geleistete Krankenpflege und Speisungen für die Armen gab es jetzt nicht mehr.

Gemälde: Nonne auf dem Bett liegend in ihrer Zelle.

Leben im Kloster: hart, aber auch ein Ort der Bildung

Die evangelischen Gemeinden versuchten die Ausfälle durch diakonische Hilfsangebote aufzufangen. Denn Bildung war eines der großen Ziel der Reformation: Jeder und jede sollte in der Lage sein, selbst die Bibel zu lesen. Es war der Beginn einer Volksschulbewegung, die für Mädchen allerdings eher bescheiden ausfiel.

Darum begannen adlige, finanziell gut gestellte Frauen wie Elisabeth von Rochlitz oder Elisabeth von Calenberg speziell die Mädchenbildung zu fördern: in evangelischen Stiften, in denen Frauen ohne Tracht und ohne lebenslanges Gelübde ein religiöses Leben führen konnten.

Die Frau in der evangelischen Kirche heute

Heute gilt die Gleichberechtigung der Frauen als ein Markenkern des Protestantismus. Man ist stolz auf die evangelischen Pfarrerinnen und Bischöfinnen.

Aber so selbstverständlich ist diese Gleichberechtigung nicht. Immer noch gibt es Länder wie Südafrika, in denen die Beteiligung von Frauen in der evangelischen Kirchenhierarchie nicht vorgesehen ist oder in denen sie wie in Lettland wieder abgeschafft wurde.

Und auch in Deutschland ist das Ordinieren von Frauen zum Pfarrdienst noch nicht so alt. Im Zweiten Weltkrieg durften Frauen Pfarrstellen übernehmen, weil es keine männlichen Kandidaten gab. Nach dem Krieg gab es dafür keinen Anlass mehr. Erst in den 1960er Jahren wurde die Frauenordination wieder Thema.

1992 wurde Maria Jepsen als erste Frau in ein Bischofsamt eingeführt. Nur ein Jahr früher waren Frauen in allen Teilen Deutschlands für den Pfarrdienst zugelassen worden. Und immer noch gibt es Widerstand aus der Kirche gegen Frauen in Führungspositionen, wie bei Margot Käßmanns Ordination zur Bischöfin.

Die Reformation ist ein Dauerzustand, der längst nicht abgeschlossen ist, auch nicht in Sachen Gleichberechtigung von Mann und Frau.

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