Die 10 seltensten Vogelstimmen Deutschlands

Ein Brachpieper mit Insekt im Schnabel sitzt auf einer verblühten Distelblüte.

Tierische Flieger

Die 10 seltensten Vogelstimmen Deutschlands

Von Frank Drescher

In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Naturschutz ermittelt der Dachverband Deutscher Avifaunisten für jede Vogelart, wie viele von ihnen es noch gibt und wie sich ihre Bestände entwickeln. Schrumpft ihre Anzahl um mehr als drei Prozent jährlich, gilt die höchste Alarmstufe.

Die Studienbedingungen

Rund 280 Arten haben deutsche Vogelkundler von 2005 bis 2009 bei ihrer jüngsten Erhebung bei den Brutvögeln in Deutschland gezählt. Die zahlenmäßig größte Gruppe darunter: 120 Singvogelarten. Der Dachverband Deutscher Avifaunisten in Münster [www.dda-web.de] veröffentlichte die Ergebnisse dieser Erhebung 2013.

Für die Ornithologen gilt bereits die höchste Alarmstufe, wenn die Populationen einer Vogelart um jährlich bis zu drei Prozent schrumpfen. Das klingt nach wenig, ist aber dramatisch viel: Es bedeutet, dass sich innerhalb von 25 Jahren eine Vogelart etwa um die Hälfte reduziert. Wenn im Frühling das Vogelkonzert ertönt, spielen die Stimmen der hier aufgeführten Vögel immer seltener eine Rolle.

Als Zähleinheit verwenden die Ornithologen das "Revier". Ihr Problem: Wildlebende Vögel lassen sich nur schwer genau und einzeln zählen. Die Lösung ist das Revier als Schätzgröße.

Um beispielsweise das Revier eines Stieglitzes zu finden, begeben sie sich in für diese Vogelart typische Lebensräume und suchen nach bestimmten, für diese Art typischen Lebenszeichen. "Reviere sind Orte, an denen revieranzeigendes Verhalten zur Brutzeit und im passenden Habitat zu beobachten ist, Balzgesang zum Beispiel", erklärt Sven Trautmann, der beim Dachverband Deutscher Avifaunisten für das Monitoring häufiger Brutvögel zuständig ist.

Wie die Anzahl der Reviere der seltensten Singvogelarten im Verhältnis zu den häufigsten Vogelarten steht, zeigt der Vergleich mit Amsel und Buchfink (je 7,4 bis 8,9 Millionen Reviere) sowie dem Haussperling (3,5 bis 5,1 Millionen Reviere).

Platz 10: Der Bluthänfling (Carduelis cannabina)

Seine größte Populationsdichte innerhalb Deutschlands hat der auch als Flachsfink bekannte Vogel im Norden und Osten Deutschlands, laut Daten des Naturschutzbundes (NABU) vor allem an der mecklenburgischen Seenplatte und in der Uckermark.

Seinen Lebensraum findet der standorttreue Bluthänfling vorzugsweise in Busch- und Heckenlandschaften des Tieflands. Die Zahl der Reviere schätzt der Dachverband Deutscher Avifaunisten auf 125.000 bis 235.000. Oder anders ausgedrückt: Auf zehn Amselmännchen kommen zwei bis drei männliche Exemplare des Bluthänflings.

Platz 9: Der Gelbspötter (Hippolais icterina)

Gerade mal zwei bis drei Monate ist er bei uns zu Gast: Mitte Mai kommt er aus seinen Winterquartieren südlich der Sahara nach Mitteleuropa, und schon Ende Juli brechen die ersten Gelbspötter wieder auf zur Rückreise.

Die Teilnehmer der NABU-Aktion "Stunde der Gartenvögel" haben ihn dabei vor allem in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern beobachtet, wo er in Gebüschen, Auwäldern und Hecken siedelt. 120.000 bis 180.000 Gelbspötter-Reviere gibt es schätzungsweise in Deutschland.

Platz 8: Der Girlitz (Serinus serinus)

Ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammend, hat sich der Girlitz erst im Laufe des 19. Jahrhunderts nach Mitteleuropa ausgebreitet. Er ist ein sogenannter "Teilzieher", das heißt: Ein Teil der Population überwintert bei uns, ein anderer Teil zieht nach Süden.

Er hält sich bevorzugt in Bäumen und Büschen auf,  die auf mit Wildkräutern bestandenen Wiesen wachsen, von deren Knospen und Samen er sich vorwiegend ernährt. 110.000 bis 220.000 Reviere bleiben ihm noch. Am dichtesten sind seine Populationen in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Baden-Württemberg.

Platz 7: Die Dohle (Coloeus monedula)

Auf den ersten Blick leicht mit einer Krähe zu verwechseln und eng mit ihr verwandt, gehört die Dohle zu den kleinsten Mitgliedern in der Familie der Rabenvögel. Ihr Lebensraum erstreckt sich von Nordafrika über Mitteleuropa bis zum Baikalsee, auf ihrem Speiseplan stehen bevorzugt Samen und Insekten und eher selten Aas und menschliche Lebensmittelabfälle.

Auf 80.000 bis 135.000 schätzen Ornithologen die Anzahl der Dohlen-Reviere in Deutschland, die schwerpunktmäßig in Nordrhein-Westfalen, den Küstenländern, im Saarland und in Rheinland-Pfalz liegen.

Platz 6: Der Wiesenpieper (Anthus pratensis)

Er ist heimisch auf Feuchtwiesen und Viehweiden im Norden Europas, und sofern sich diese außerhalb der milden Küstenklimazonen befinden, verbringt er den Winter lieber in Südeuropa. Er ernährt sich von Spinnen, Insekten und im Winter auch von Pflanzensamen.

Besonders oft fällt er auf den Kuckuck herein, wenn der ihm seine Eier unterjubelt. Schätzungsweise 40.000 bis 64.000 Reviere bleiben ihm noch, mit stark fallender Tendenz. Die befinden sich laut NABU-Erhebung schwerpunktmäßig in der Gegend um das thüringische Weimar herum.

Platz 5: Der Sprosser (Luscinia luscinia)

Dass er fast wie die Nachtigall klingt, kommt nicht von ungefähr: Der Sprosser ist eng mit ihr verwandt, wobei sein Siedlungsraum nördlicher und östlicher von dem der Nachtigall liegt.

Sein Winterquartier bezieht er im südöstlichen Afrika. Er ernährt sich von Asseln, kleinen Käfern, Ameisen, Blattläusen und anderen Insekten sowie von Beeren.  In Deutschland hat er noch 9000 bis 14.000 Reviere, die sich besonders in Vorpommern konzentrieren.

Platz 4: Die Haubenlerche (Galerida cristata)

Zu ihrem Glück ist die Haubenlerche in einem weiten Gebiet heimisch, das vom Senegal bis nach Korea reicht. Aus Europa zieht sie sich seit bald 100 Jahren immer stärker zurück. Sie siedelt im offenen Grasland, gern auf kargen Lehmböden.

Während die Küken lebende Nahrung wie Raupen, Regenwürmer und Insekten fressen, ernähren sich die erwachsenen Tiere von Gräser- und Wildkräutersamen. In Deutschland gibt es noch 3700 bis 6000 Reviere, vor allem im Westen, in Bayern und im Osten Deutschlands.

Platz 3: Der Brachpieper (Anthus campestris)

Er ist schon so selten, dass bei der NABU-Aktion "Stunde der Gartenvögel" kein einziges Exemplar mehr gesichtet wurde. Nur 1000 bis 1600 Reviere hat denn auch das Vogelmonitoring des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten festgestellt.

Immerhin: Außerhalb Mitteleuropas gilt der Brachpieper als ungefährdet. Sein Siedlungsgebiet erstreckt sich vom Maghreb bis zur Inneren Mongolei, wo er in Steppen-, Dünen- und Wüstenlandschaften anzutreffen ist. Insekten und Raupen bilden seine Nahrungsgrundlage.

Platz 2: Der Karmingimpel (Carpodacus erythrinus)

Obwohl er sich an eine Reihe unterschiedlicher Lebensräume wie Moore und Laubwälder oder halboffene Landschaften und Mischwälder anpassen kann, ist er in Deutschland sehr selten geworden: Von 600 bis 950 Revieren gehen die Ornithologen aus, ganze zwei Exemplare sichteten NABU-Mitstreiter bei der Stunde der Gartenvögel 2017.

Er ernährt sich von Samen und Knospen, und sein Verbreitungsgebiet reicht von Mitteleuropa über die Türkei, Iran und weiter über den Himalaja bis nach Kamtschatka.

Platz 1: Der Seggenrohrsänger (Acrocephalus paludicola)

Er ähnelt stark dem Schilfrohrsänger (circa 17.000–27.000 Reviere), ist aber mit null bis zehn Revieren erheblich seltener. Die beiden Arten lassen sich durch ihren Gesang am besten unterscheiden. Die letzten bekannten Vorkommen des Seggenrohrsängers sind im Naturschutzgebiet Unteres Odertal an der deutsch-polnischen Grenze ansässig. Früher reichte sein Siedlungsgebiet von Sibirien bis in die Niederlande, jetzt zieht er sich immer weiter nach Osten zurück. Denn er braucht insektenreiche, mit einer Sauergrasart namens Seggen bewachsene Moore, die er im Westen nicht mehr ausreichend findet.

Verschwindet gerade: Der Rotkopfwürger (Lanius senator)

Mit einem bis vier Revieren ist dieser Vogel aus Deutschland so gut wie verschwunden. Streuobstwiesen und Obstgärten waren einst sein Lebensraum, wo er sich von Heuschrecken, Zikaden und Grillen ernährte. 

Größere Vorkommen des Rotkopfwürgers gibt es noch im Mittelmeerraum, von wo aus er ins tropische Afrika zur Überwinterung aufbricht. Ein einziges Brutpaar wurde 2013 noch in Baden-Württemberg gesichtet.

Stand: 29.05.2019, 15:00

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