Sozialunternehmer

Wirtschaft

Sozialunternehmer

Sie bringen Langzeitarbeitslose oder Menschen mit Behinderungen in Arbeit, helfen bei der Resozialisierung Strafgefangener oder machen benachteiligte Jugendliche fit für den Arbeitsmarkt: Sozialunternehmer lösen gesellschaftliche Probleme und verdienen dabei noch Geld. Ihre Arbeit zeigt, dass Wirtschaft auch anders gehen kann.


Muhammed Yunnus – Erfinder der Sozialunternehmen

Sozialunternehmer sind Idealisten. Ihr unternehmerisches Ziel ist nicht der Gewinn, sondern etwas Gutes zu tun. Sie haben eine Mission und verfolgen diese meist sehr hartnäckig und mit viel Ausdauer, um ein soziales Problem unternehmerisch zu lösen – etwa im Bereich Armut, Hunger, Analphabetismus oder Menschenrechte.

Da es diese Probleme vor allem in Entwicklungsländern gibt, haben sich die ersten Sozialunternehmen auch dort entwickelt. "Wenn man die profit-maximierende Brille abnimmt und zur sozialen Brille greift, sieht man die Welt in einer anderen Perspektive", ist ein viel zitierter Satz des Wirtschaftswissenschaftlers Muhammed Yunnus aus Bangladesch.

Wirtschaftswissenschaftler Muhammed Yunnus.

Friedensnobelpreisträger Muhammed Yunnus gründete Bank für Mikrokredite

Er gilt als Erfinder und Ideengeber der Sozialunternehmen. Mitte der 1970er Jahre erkannte er, dass die klassischen Wirtschaftsmodelle in seiner Heimat an der Realität vorbeigingen. Denn viele seiner Landsleute lebten in bitterer Armut. Er gründete daraufhin die Grameen Bank, die seit Anfang der 1980er Jahre Kleinkredite an Arme vergibt.

Auch Arme sind kreditwürdig

Mit Yunnus’ Konzept bekamen weltweit Millionen Menschen die Chance, der absoluten Armut zu entkommen und sich eine kleine Existenz aufzubauen. Denn oft sind es nur wenige Dollars, mit denen sich die Menschen zum Beispiel eine Nähmaschine kaufen, Hühner züchten oder Brot backen können. Mit diesen kleinen Geschäften sind sie dann auch in der Lage, Geld zu erwirtschaften und ihre Kredite zurückzuzahlen.

Mit der Idee, kleine Darlehen ohne Sicherheit und zu bezahlbaren Zinsen zu vergeben, bewies Muhammed Yunnus der Welt, dass auch arme Menschen kreditwürdig sind. Er erhielt dafür im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis.

Sozialunternehmen boomen in Deutschland

In den Industrienationen konzentrieren sich soziale Probleme mehr auf die Bereiche Bildung, Migration, Arbeitslosigkeit oder Umwelt.

Während sich Sozialunternehmen in den USA und Großbritannien schon länger etabliert haben, sind sie in Deutschland allerdings erst in den vergangenen Jahren stärker in das Licht der Öffentlichkeit gerückt. Denn in Zeiten von Wirtschaftskrise, Korruption und Umweltverschmutzung ist das Bewusstsein für die Schattenseiten profitorientierter Firmen groß.

Hände halten Weltkugel umfasst.

Sozialunternehmer wollen die Welt verbessern

Es gibt in diesem jungen Wirtschaftszweig immer mehr Firmengründungen, dennoch ist es schwierig, hier eine genaue Zahl zu nennen. Denn die wissenschaftliche Forschung über Sozialunternehmen steht noch am Anfang und so gibt es auch viele verschiedene Definitionen dazu, was ein Sozialunternehmen eigentlich ist.

Einig sind sich die Forscher darüber, dass Sozialunternehmen unternehmerisch mit Businessplan sowie Marktanalyse handeln und nicht karitativ wie die Wohlfahrtsverbände. Außerdem erwirtschaften sie einen großen Teil ihrer Einnahmen selbst.

Seit 2011 gibt es an der European Business School in Oestrich-Winkel den deutschlandweit ersten Lehrstuhl für Social Business. Das Interesse an Sozialunternehmen steigt und die klassischen Unternehmen wollen mehr über sie und ihr Geschäftsmodell wissen.

Starke Persönlichkeiten mit innovativen Ideen

Der Sozialunternehmer ist unangepasst, ein Querdenker, engagiert und hat meist einen Hochschulabschluss. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher, die, angeführt von der Zeppelin Universität Friedrichshafen, das Thema "Innovatives soziales Handeln" untersucht haben.

Danach geht es dem Sozialunternehmer nicht um finanzielles Wachstum, sondern um das Wachstum seiner Idee. Er will Geld verdienen, aber wichtiger sind ihm Sicherheit und Wandel in der Gesellschaft.

Sozialunternehmer erkennen soziale Probleme und lösen sie nachhaltig mit außergewöhnlichen, kreativen Ideen. Sie sind in der Lage zu überleben, weil sie sich meist eine vom Wettbewerb verschonte Nische aussuchen und damit ihren eigenen Markt schaffen. In der Startphase sind Sozialunternehmen oft nur Zweimannfirmen und meist bleibt das Team auch klein und überschaubar.

Kostendeckend statt profitorientiert wirtschaften

Als eines der ersten Sozialunternehmen in Deutschland gilt der "Dialog im Dunkeln". Hier führen Blinde Sehende im Dunkeln durch eine Ausstellung oder servieren ihnen Drinks oder ein Dinner im Dunkelrestaurant. Am Anfang war das Unternehmen auf staatliche Förderungen angewiesen, dann konnte es sich irgendwann aus eigener Kraft finanzieren.

Symbolbild: Blinder mit Stock.

Blinde und Sehbehinderte werden bei "Dialog im Dunkeln" beschäftigt

Die Idee ist mittlerweile ein internationaler Erfolg – ein Unternehmen mit Ablegern in 30 Ländern. Aber schwarze Zahlen schreibt die Firma nicht: Sozialunternehmen sind nicht profitorientiert, es geht für sie viel mehr darum kostendeckend zu arbeiten.

"Dialog im Dunkeln" beschäftigt in Hamburg rund 50 blinde Menschen mit Tätigkeiten als Guides, Trainer oder als Barkeeper und Kellner. "Discovering Hands" funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip. Hier werden blinde Frauen zu medizinischen Tastuntersucherinnen ausgebildet, die Frauenärzten bei der Früherkennung von Brustkrebs helfen.

Die Berliner Firma Auticon beschäftigt Menschen mit Autismus. Als Computerspezialisten testen sie Software und suchen nach Fehlern in den Programmen.

Hohe "soziale Rendite" ist der Erfolg

Sozialunternehmer nutzen die Besonderheiten von Menschen, sehen diese nicht als Schwäche, sondern als Stärke und erwirtschaften damit wie andere Unternehmen Geld. Ihr Erfolg lässt sich jedoch oft nicht finanziell messen, sondern daran, wie nah sie ihrem sozialen gesetzten Ziel kommen und welchen Mehrwert sie der Gesellschaft bringen.

Ein gutes Beispiel für eine "soziale Rendite" ist die Projektfabrik mit Sitz in Witten: Junge Langzeitarbeitslose werden mit Theaterspielen und Bewerbungstraining wieder fit für den Arbeitsmarkt gemacht. Unter Anleitung von Pädagogen schreiben sie Theaterstücke und treten am Ende vor einem Publikum auf.

Das Logo der Projektfabrik.

Das Logo der Projektfabrik

Mehr als 3500 junge Arbeitslose haben seit 2005 an dem Theaterprojekt teilgenommen. Die Statistik zeigt: Die Hälfte der Teilnehmer befindet sich ein Jahr später in sozialversicherungspflichtigen Jobs.

Die Finanzierung ist schwierig

Gerade zu Beginn sind Sozialunternehmer auf Spenden, staatliche Hilfen oder private Geldgeber angewiesen, bis sie sich selbst finanzieren können. Es gibt jedoch auch Projekte, die von ihren Förderern abhängig bleiben, vor allem im Bereich Bildung oder Kriminalitäts-Prävention. Denn die Resozialisierung straffällig gewordener Jugendlicher oder Nachhilfe lassen sich schwer als lukratives Geschäftsmodell entwickeln.

Frauenhände mit Bündeln von Euroscheinen.

Sozialunternehmen sind auf starke Finanzierung angewiesen

Ganz anders bei Gepa, dem größten europäischen Importeur fair gehandelter Produkte wie zum Beispiel Kaffee oder Tee. Der Gewinn, den das Unternehmen erwirtschaftet, wird reinvestiert – ein Kriterium sozialer Unternehmen. Doch die wenigsten Sozialunternehmen machen ein Plus – die Hälfte nimmt im Jahr unter 250.000 Euro ein.

Investoren scheuen deshalb noch das Geschäft mit Sozialunternehmern, weil sie die Risiken und Chancen dieser Unternehmen mangels wissenschaftlicher Forschung und Erfahrung nicht einschätzen können. Zudem gibt es keine Anteile, die ausgeschüttet werden, lediglich kommt irgendwann das investierte Geld zurück. Ein Investor muss also auch gewillt sein, sozial und ohne Profit zu wirtschaften.

Von Spenden und Sponsoren nehmen Sozialunternehmer – wenn möglich – lieber Abstand, weil das auch Verpflichtungen mit sich bringt. Sie finanzieren sich in ihrer Startphase meist mit eigenen Ersparnissen oder Krediten.

Zudem gibt es seit einiger Zeit Sozialfonds, die die nötige Anschubfinanzierung bereitstellen, bis sich das Unternehmen alleine trägt. Auch die Bundesregierung unterstützt Sozialunternehmer inzwischen über die KfW-Bank und schon länger fördert die gemeinnützige Organisation Ashoka Sozialunternehmer und ihre innovativen Ideen.

Brückenbauer zwischen zwei Welten

Es gibt vielversprechende und erfolgreiche Konzepte sozialer Unternehmer, aber nicht jede Idee geht auf und löst ein soziales Problem. Sozialunternehmen können gesellschaftliche Probleme lindern, aber nicht alle Aufgaben eines Staates übernehmen. Sie erfüllen auf dem Markt eine wichtige Funktion, tragen den Gedanken der sozialen Verantwortung verstärkt in die Öffentlichkeit und sind damit Brückenbauer zwischen zwei Welten in der Wirtschaft.

Symbolbild: ein Daumen hoch, ein Daumen runter.

Sozialunternehmen tun Gutes, können aber nicht alle Probleme lösen

Autorin: Annika Zeitler

Stand: 10.10.2017, 16:26

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