Die Deutschen und ihr Wald – verehrt und dämonisiert

Ein Bach fließt durch einen mit Moos bewachsenen Wald

Deutscher Wald

Die Deutschen und ihr Wald – verehrt und dämonisiert

Die Deutschen und ihr Wald – eine besondere Beziehung. Lange war er dunkel und gefährlich und deswegen in der menschlichen Fantasie Wohnort von Dämonen und Fabelwesen. Die Germanen verehrten Bäume als Sitz von Göttern – welche die Christen dann als Götzenbilder fällten.

Die den Göttern geweihten Bäume

Die Linde war der Liebesgöttin Freya geweiht, die Eiche dem Donnergott Donar, auch Thor genannt – die Germanen verehrten die Bäume und widmeten diese ihren Göttern. In heiligen Hainen, kleinen Wäldern, brachten sie den Göttern Opfergaben.

Dem nordgermanischen Raum entspringt auch der Glaube an einen Weltenbaum, die Esche Yggdrasil. Als Weltachse verbindet sie Himmel, Erde und Unterwelt. Ihre Baumkrone stützt den Himmel.

Überliefert ist dieser Mythos aus den Liedern der Edda, einer Dichtungssammlung unbekannter Autoren aus dem 13. Jahrhundert. Das Pendant zu Yggdrasil ist im westgermanischen sächsischen Raum der heilige Baumstamm Irminsul.

Als sich der christliche Glauben langsam verbreitete, war der Baumkult damit nicht mehr vereinbar und so setzten christliche Missionare von der Spätantike bis zum Frühmittelalter alles daran, diesen zu beenden. Denn für die Christen stellten diese Bäume Götzenbilder dar, die laut Altem Testament verboten sind.

Weltesche Yggdrasil, Holzstich um 1880, spätere Kolorierung

Die Weltesche Yggdrasil in einem Holzstich um 1880

Die heiligen Bäume sollten zerstört werden

So beauftragte Papst Gregor II. den bekannten Missionar Bonifatius im Jahr 723, die Donar-Eiche bei Geismar im heutigen Hessen zu fällen. Auch weitere Baumheiligtümer sollten zerstört werden. Dies dokumentierte der Priester Willibald von Mainz in der Vita Sancti Bonifatii, der Biografie des Bonifatius.

Es heißt auch, dass der überzeugte Christ Karl der Große im Jahr 772 bei seinem Feldzug gegen die Sachsen den heiligen Irminsul fällen ließ. Niedergeschrieben ist dies in den Annalen des Fränkischen Reiches, in denen die Ereignisse des 8. und 9. Jahrhunderts festgehalten wurden.

Bonifatius fällt mit einer Axt eine dicke Eiche, Christen schauen dabei zu

Bonifatius fällt die Donar-Eiche

Während der Christianisierung widmeten die Missionare teilweise auch heidnische Heiligtümer in christliche um. Die Freya-Linden etwa waren fortan Marien-Linden – zu Ehren der Mutter Jesu Christi. Doch das änderte nichts daran, dass der Wald fortan mit Bösem in Verbindung gebracht wurde: dunkel, sündhaft, heidnisch.

Wo Dämonen und Geister wohnen

Die germanischen Wälder seien schauerlich und die Sümpfe widerwärtig – so beschrieb es der altrömische Historiker Cornelius Tacitus bereits um 100 nach Christus. Und er hatte Recht: In den dunklen Wäldern lauerten tatsächlich wilde Tiere und Räuber.

Dieses Bild eines finsteren Waldes setzte sich in den Köpfen der Menschen fest. Besonders im Mittelalter sahen die Menschen den Wald als Zuhause von Dämonen und Fabelwesen. Es entstanden Sagen und Märchen.

Im mittelalterlichen Heldenepos Nibelungenlied etwa schickt der Schmied Meister Mimer den jungen Siegfried in den dunklen Wald, wo ein gefährlicher Lindwurm lebt. Dieses drachen- und schlangenartiges Fabelwesen versucht ihn zu töten, aber Siegfried kann ihn bezwingen.

Doch die Deutschen, als Erben der germanischen Baumverehrer, sollten die Wälder noch lieben lernen: in der Romantik.

Nebelschwaden über einem Meer von Bäumen

Dunkelheit und Nebel – der Wald als schauriger Ort

Die Romantiker erschaffen die Seelenlandschaft

Anfang des 19. Jahrhunderts, mit Beginn der Epoche der Romantik, änderte sich die Haltung der Deutschen zum Wald radikal. Dichter und Maler machten ihn zum Symbol einer ersehnten heilen und träumerischen Welt.

Das romantische Waldgefühl entstand aus der städtischen Intellektuellenkultur heraus. Mit dem Ausbau der Städte und der beginnenden Industrialisierung hatten viele das Gefühl, einen Teil der Natur und einen natürlichen Erholungsraum verloren zu haben. Der Wald wurde zu einer Erinnerungslandschaft – ein Ort, den die Städter bereits verloren hatten.

Ein Rehkitz steht zwischen bunten Blumen

Die Romantiker sehnten sich nach einem idyllischen Rückzugsort

Das grüne Zelt schenkt Orientierung

Unter anderem der Maler Caspar David Friedrich und der Dichter Joseph von Eichendorff schenkten dem Wald große Beachtung. So schrieb von Eichendorff 1810 in seinem Gedicht "Abschied":

O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächtger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäftge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!

Auch viele Märchen der Gebrüder Grimm, ebenfalls Vertreter der Romantik, spielen im Wald: Hänsel und Gretel etwa, Rotkäppchen und Schneewittchen.

Ölgemälde eines dunklen Tannenwaldes, davor steht ein Mann im Schnee

"Der Chasseur im Walde" von Caspar David Friedrich

Die einfache Bevölkerung, insbesondere jene, die nah am Wald lebte, konnte die romantische Waldsehnsucht zunächst nicht nachempfinden. Der Wald war für sie schlicht der Ort verschiedener Ressourcen: Holz, Beeren oder Honig.

Erst mit Ende des 19. Jahrhunderts und dem weiteren Fortschreiten der Industrialisierung wurde die romantische Sehnsucht nach Beständigkeit, die die Intellektuellen im Wald fanden, zum Lebensgefühl aller Schichten. Viele Menschen zog es von nun an in die Wälder.

Naturschützer gegen Förster

Der Wald wurde zum beliebten Ausflugsziel vieler Stadtbewohner. Im Zuge der Industrialisierung veränderte sich jedoch auch die Nutzung des Waldes – die Wirtschaft brauchte immer mehr Holz.

Eine geregelte Forstwirtschaft entstand: Schnell wachsende Monokulturen sollten die gefällten Bäume ersetzen – zum Ärger von Naturschützern, die häufig mit Förstern aneinandergerieten. Doch bald schon wurde die Entwicklung des Waldes in eine strenge Hand genommen.

Die Nazis instrumentalisieren den deutschen Wald

Die germanische Rasse entspringe dem deutschen Boden, der deutschen Erde – mit dieser Argumentation nutzten die Nationalsozialisten die Naturschutzbewegung für ihre Blut-und-Boden-Ideologie. Die Deutschen seien die Nachkommen des Waldvolkes der Germanen – die Juden seien dagegen ein Nomaden- und Wüstenvolk.

Der Naturschutz wurde zur Aufgabe des Staates und der Wald als "deutsche" Landschaft zur wichtigen Staatsangelegenheit. Gleich mehrere neu erlassene Gesetze sollten den Tier- und Pflanzenschutz regeln.

Auch der Bau der Autobahn, den Hitler fälschlicherweise als seine Idee propagierte, musste in Einklang mit dem Deutschen Wald gebracht werden.

Fritz Todt, betraut mit dem Bau der Autobahnen, wollte die Straßen in das Bild der umliegenden Landschaft einfügen und ließ nur einheimische Bäume an den Straßenrand pflanzen.

Auch die Eiche nutzten die Nationalsozialisten für ihre Zwecke: An manchen Orten pflanzten Menschen Deutsche Eichen als die langlebigsten aller Bäume zu Ehren Hitlers. Und Förster ordneten die Bäume so an, dass sie von der Luft aus gesehen Hakenkreuze bildeten.

Braun gefärbte Bäume formen ein Hakenkreuz in einem Wald

Hakenkreuz im Wald von Zernikow in der Uckermark

Den deutschen Wald zu schützen, sollte auch dem Zweck dienen, ihn als demonstratives Symbol des nationalsozialistischen "Tausendjährigen Reiches" zu nutzen – der langlebige Wald als Spiegelbild einer kontinuierlichen Herrschaft der Nazis. Mit dem Ende des Nationalsozialismus verlor der Wald als politisches Symbol dann seine Kraft.

Die Faszination Wald lebt weiter

Der Wald als zentrale Metapher für die Schönheit der Natur, überliefert von den Romantikern, hat bis heute Bestand. So schrie in den 1980ern und 90ern die Bevölkerung wegen des vermuteten Waldsterbens auf und es entstanden grüne Parteien zum Naturschutz.

Auch heute besuchen viele Spaziergänger und Sportler täglich den Wald, um etwa zu joggen oder Rad zu fahren. Die Zuneigung zum Wald stirbt nicht aus.

Ein Jogger läuft einen Waldweg entlang

Jogger nutzen den Wald gerne als Laufstrecke

Autorin: Anja Wölker

Stand: 28.11.2018, 09:23

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