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China - Weltmacht im Umbruch

In den 80er Jahren begann nach der politischen Wende von Mao Zedong zu Deng Xiaoping in China ein beispielloser wirtschaftlicher Umbruch. Bauern durften wieder auf eigene Rechnung Land pachten, Handwerker eigene Betriebe gründen und Mitarbeiter einstellen. Privat- statt Planwirtschaft wurde möglich und entfaltete alsbald eine gewaltige Triebkraft im gigantischen Markt des Milliarden-Volkes.

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Leben In Peking (3'46")
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Gebirge, Wüsten, Megastädte: Leben auf engem Raum

China ist nach Russland, knapp hinter Kanada und den USA, flächenmäßig nur das viertgrößte Land der Erde, hat aber die mit Abstand größte Zahl von Einwohnern: 1,3 Milliarden, mehr als Europa und die USA zusammen. Und da riesige Gebiete des „Reiches der Mitte“ aus Wüsten, Steppen und Hochgebirgen bestehen, die unbewohnbar oder kaum zu erschließen sind, drängt sich diese unvorstellbare Menge von Menschen in den Ballungsräumen an der Ost- und Südostküste, das Tal des Yangze hinauf und in den Ebenen Ostchinas.

Passanten auf einer Straße. (Rechte: Mauritius)

Junge Leute zieht es in die Städte

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Der Yangzi (früher: Jangtse, chin. Yangzijiang oder Chángjiāng: der lange Fluss) ist mit 6300 km der längste Fluss und die wichtigste Lebensader. Als Quell der chinesischen Kulturlandschaft aber gilt der Huanghe (Gelber Fluss) weiter nördlich. Er ist heute so stark übernutzt, dass er zeitweise austrocknet. Andererseits kommt es während der Regenzeiten zu Überschwemmungen. Eigentlich fallen im Jahresdurchschnitt in Nordchina nicht mehr Niederschläge als hierzulande; sie kommen nur innerhalb kurzer Zeit, und die Böden können sie nicht aufnehmen. Eines der großen Probleme Chinas ist deshalb der Wassermangel, der sich durch die rasante Industrialisierung noch verschärft.

Im Norden und Nordwesten liegen die Wüsten Gobi und Taklamakan, im Südwesten Tibet, von China 1959 annektiert, mit den über 8000 Meter hohen Gipfeln des Himalaja. Im Süden liegt vor der Küste die tropische Insel Hainan, das „Hawaii Chinas“. Im Nordosten grenzt China entlang des Amur an Sibirien – entsprechend groß ist das klimatische Gefälle zwischen den Landesteilen.

Die Millionenstädte Shangai (18 Mio. 2006) und Peking (15 Mio. 2006) sind überall bekannt, auch die inzwischen als Sonderwirtschaftsgebiet zu China gehörende ehemalige britische Kronkolonie Hongkong mit ihren ca. acht Millionen Einwohnern. Aber auch Städte wie Tianjin, Chengdou, Kunming, Guangzhou, Wuhan, Harbin, Nanjing, Xi An, haben mehrere Millionen Einwohner. Chonqing, ein Ballungsraum von 30 Millionen Menschen am Yangzi, gilt inzwischen als größte Stadt der Welt. All diese Städte sind hierzulande nicht einmal dem Namen nach bekannt. Wie viele Millionenstädte es inzwischen gibt (man schätzt etwa 170), weiß niemand genau, weil im Lande eine permanente Völkerwanderung von Millionen Menschen aus den ländlichen Regionen in die Städte alle Verhältnisse umwälzt.

Deng Xiaoping sitzt auf einem Sessel. (Rechte: picture-alliance)

Öffnete China weiter für den Westen: Deng Xiaoping

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Die Kaiser und der "Große Vorsitzende"

Ein Tyrann und Eroberer von der mythischen Dimension Alexander des Großen war Qin Shi Huangdi (259 – 210 v. Chr.). Er führte die „streitenden Reiche“ im dritten vorchristlichen Jahrhundert in blutigen Feldzügen zu einem einzigen großen China zusammen, gilt also als der erste Kaiser von China. Er war grausam, aber er ging in die Geschichte auch als der Kaiser ein, der die Sprache, Maße und Gewichte vereinheitlichte, landesweit Verwaltungen modernisieren ließ und den Bau der Großen Chinesischen Mauer veranlasste.

Sein Kanzler Li Si (280 – 208 v. Chr.) zeichnete sich durch besondere Grausamkeit bei der Verfolgung von Intellektuellen aus: Alle Bücher außer landwirtschaftlichen und medizinischen Schriften sowie Orakelbüchern wurden auf Befehl des Kaisers 213 v. Chr. verbrannt, und insbesondere die Lehren des großen Philosophen Kong Fuzi (Konfuzius, vermutlich 551 – 479 v. Chr.) wurden bekämpft.

Dieser historische Abschnitt der Qin-Dynastie liest sich heute wie ein früher Entwurf zur Herrschaftszeit Mao Zedongs. Und tatsächlich sah sich der „Große Vorsitzende“ der Kommunistischen Partei Chinas selbst als Nachfolger des Kaisers Qin Shi Huangdi. Die Parallelen erstrecken sich auf die Bücherverbrennungen, Morde und Gewalttaten an Intellektuellen, auf die Ächtung des Kong Fuzi und vor allem die Einigung des Reiches nach einem verheerenden Bürgerkrieg. Dafür werden beide – Mao Zedong und Qin Shi Huangdi – bis heute verehrt.

In einem zweiten „Parallelfall der Historie“ hat das Land in den vergangenen dreißig Jahren die unter Mao selbstgewählte Isolation zur Welt durchbrochen. Über Jahrhunderte hatten die Kaiser es abgelehnt, mit fremden Mächten zu kooperieren. Das „Reich der Mitte“ hatte an sich selbst genug, es strebte weder nach Expansion noch exzessivem Austausch mit anderen Völkern. Ausnahme: Die Tang-Dynastie, die von 618 bis 907 nach Christus herrschte und einen Austausch mit europäischen und arabischen Kaufleuten pflegte. Spätere Dynastien schlossen sich wieder stärker ab. Und auch die Expeditionen übers Meer, vor 600 Jahren, die sehr erfolgreich waren, waren nur von kurzer Dauer. Lange Zeit fühlte man sich den „Langnasen“ – den Nichtasiaten – überlegen. Die waren für China „Barbaren“, wegen der Bärte. Das wurde auch sehr deutlich, als englische Gesandte erstmals an den Kaiserhof kamen und ihre Waren anpriesen und der Kaiser nur sagte: Wir brauchen davon nichts. Gehen Sie wieder.

Aber die Europäer kamen zurück - im 19. Jahrhundert setzten vor allem Briten und Franzosen innerhalb kurzer Zeit massiv ihre Handelsinteressen gegenüber einem schwachen und dekadenten Kaiserhaus durch und erzwangen Chinas Öffnung nach Westen, was schließlich zum Sturz des Kaiserhauses und zu einem Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg führte, den erst der Sieg der Kommunisten beendete. Ein Jahr nach Maos Tod begann Deng Xiaoping die zweite Öffnung nach Westen. Sie wälzt mehr um als alle Kaiser zuvor – nicht nur in China.

Bauern auf dem Feld (Rechte: picture-alliance)

Grund und Boden können privat bewirtschaftet werden

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Wirtschaftsboom und Umweltkatastrophe

Seit den 80er Jahren herrscht in China „sozialistische Marktwirtschaft“. Ihr politischer Vertreter, Deng Xiaoping, brach mit zwei Tabus des Maoismus: Erstens: Produktionsmittel – also zum Beispiel Grund und Boden der Bauern oder handwerkliche und industrielle Unternehmen – konnten privat bewirtschaftet werden. Zweitens: Ausländisches Kapital konnte ins Land fließen, wenn auch zunächst unter strengen Auflagen.

Die Folge war ein anhaltender Wirtschaftsboom, der China zur Welthandelsmacht erstarken ließ. Die unbeschränkte Lizenz zum Reichwerden hatte allerdings auch ein unbeschränktes Wachstum von Korruption, brutaler Ausbeutung von Menschen und Natur und tiefe soziale Verwerfungen zur Folge. Niemand muss mehr hungern in China, aber Hunderte Millionen haben kein sauberes Trinkwasser und die Luft in den großen Städten ist so verschmutzt, dass das Land sämtliche Rekorde in einschlägigen Statistiken hält. Inzwischen sieht sogar die KP- Führung diese Entwicklung mit Sorge, aber Verbesserungen sind kam zu sehen. Wenn es – wie in Harbin Anfang 2006 – zu schweren Unfällen kommt und ganze Flüsse zu giftigen Kloaken werden, spielen offizielle Stellen die Probleme meist herunter.

Hochhäuser in Shanghai (Rechte: Mauritius)

Wohlstand nach westlichem Vorbild

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Befreiter Konsum und gefesselte Meinung

In Chinas Großstädten dominieren riesige Werbetafeln, Leuchtreklamen und Kaufhausfassaden. Die allgemeine Botschaft ist: Schafft Wohlstand nach westlichem Vorbild, und die Jugend scheint ihr so unkritisch und hingebungsvoll zu folgen wie einst den Parolen aus der roten Maobibel. Der Nachholbedarf der Chinesen ist um so verständlicher, als die Medien ihm eine ganz eindeutige Richtung vorgeben: Wohlstand gibt Selbstbewusstsein, und wir können es darin eigentlich noch weiter bringen als Amerikaner und Westeuropäer. Der Wunsch nach Individualität war stark nach den Jahren der Uniformierung, der Wunsch, eine eigene Meinung zu äußern auch, aber die zarten Pflänzchen der Demokratie wurden beim Massaker auf dem Tien An Men- Platz im Juni 1989 von Panzern zermalmt.

Es gehört immer noch sehr viel Mut dazu, heute in China kritisch seine Meinung zu äußern; jeder Funktionsträger des Systems setzt nach eigenem Belieben Machtinstrumente ein, wenn er Kritik unterdrücken will. Korruption regiert, kein Gesetz schützt die freie Meinungsäußerung, und rechtsstaatliche Verhältnisse sind in weiter Ferne. Alle Medien unterliegen der Zensur. Internetaktivisten und Umweltschützer landen nicht selten hinter Gittern oder werden halbtot geprügelt, wenn ein Bonze sich auf den Schlips getreten fühlt.

Aber die Herrschaft der KP ist nicht monolithisch. In manchen Provinzen herrscht ein Pragmatismus, der lieber Probleme löst, als eisern am Führungsanspruch festzuhalten und der auch Kritikern Raum gibt. Die internationalen Verbindungen, der Kulturaustausch und der Einfluss von Millionen Auslandschinesen stärken den Pluralismus der Meinungen. Chinesen nutzen die modernen Medien zu Millionen, sie bilden sich ehrgeizig weiter – wenn auch in der Mehrheit ohne politische Ambitionen. Die großen Konflikte, die sich aus der katastrophalen Situation der Umwelt und den wachsenden sozialen Spannungen auf dem Lande entwickeln, werden unvermeidlich auch eine Opposition wachsen lassen, die China auf neue Wege führen kann.

Immo Sennewald, Stand vom 01.06.2009

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Bildcollage zum Thema China (Rechte: dpa/SWR)

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